Karl-Wrba-Hof oder Ein Irrtum

Der Karl-Wrba-Hof im 10. Bezirk beruht auf einem Irrtum. Am Südhang des Wienerbergs gelegen und von den ausgedehnten Mietskasernengegenden des Arbeiterbezirks Favoriten durch Industrie, die fatalerweise die Hügelkuppe einnimmt, getrennt, besteht er grundsätzlich aus drei langgestreckten, untereinander am Hang angeordneten Höfen, die sich nach Süden öffnen.

Karl-Wrba-Hof1

Die Gebäudeteile, die diese Höfe umschließen, sind bis zu zwölf Geschosse hoch und haben durch vielerlei Vor- und Rücksprünge mit Balkonen eine sehr bewegte, aber durch orangebraune Verkleidung doch einheitliche Gestalt.

Karl-Wrba-Hof2

Die Bewegtheit dieser höheren Teile setzt sich in niedrigeren, bis zu viergeschossigen Gebäudeteilen fort, die jeweils die westliche Hälfte der Höfe einnehmen. Im Gegensatz zur offeneren, wenn auch wenig grünen oder großzügigen östlichen Hälfte, zieht sich die Bebauung hier als ein System schmaler, zwischen Eingängen und aufgestützten Bauteilen verlaufender Gassen, die sich manchmal zu kleinen quadratischen Höfen mit Sitzgelegenheiten und Bäumen öffnen, den Hang hinab. Offenkundig sind hier größere Wohnungen, verschachtelt neben- und aufeinander gestapelte Reihenhäuser mit kleinen Gärten oder Dachterrassen eigentlich.

Karl-Wrba-HofEng

Offenkundig ist auch, wovon dieser große Gemeindebau, errichtet in den Jahren 1978 bis 1982, inspiriert ist: von mediterranen Kleinstädten oder Dörfern mit verschachtelt in den Hang gesetzten Häuschen, kleinen Gassen und malerischen Piazzas.

Karl-Wrba-HofHäuser

Kein Zweifel, daß es sich hierbei um einen Versuch handelt, auf die Kritik an früheren fortschrittlichen Wohnanlagen, sie seien unpersönlich und verhinderten die Entstehung von Gemeinschaftsgefühl, zu antworten. Es ist ein Versuch, der Respekt verdient, denn immerhin geschieht er aus einer selbstbewußten, das Neue wollenden Haltung, während ein paar Jahre später die Blockrandbebauung der „europäischen Stadt“, in der es keinen öffentlichen Raum außer den Straßen und, vielleicht, winzigen Plätzen gibt, für alleinseligmachend erklärt wurde.

Allein diese Antwort beruht auf einem Irrtum. Sie ist geprägt von einer Überschätzung der Architektur, der Berufskrankheit der Architekten. Das architektonische Bild und die städtische Struktur der mediterranen Städte werden als Grund für das behauptete funktionierende Sozialleben in diesen betrachtet, während sie in Wirklichkeit durch eine Reihe klimatischer und bautechnischer Faktoren entstanden und das Sozialleben sich unabhängig von ihnen entwickelte. Man braucht bloß einmal durch die Hügel von jugoslawischen Mittelmeerstädten wie Rijeka zu gehen, um zu sehen, daß mediterranes Leben zwischen dreißiggeschossigen Wohnhochhäusern so gut möglich ist wie in engen Gassen. Und eine in Favoriten nachgeahmte Piazza ist eben keine Piazza, nicht zuletzt, weil ihr dazu die Restaurants, Cafés und Bars fehlen. Die aber will kaum einer gerne vor seinem Schlafzimmerfenster haben.

Karl-Wrba-HofPiazza

Die Trennung der Funktionen ist eben nicht, wie das die architektonische Reaktion, die Freunde der „europäischen Stadt“, gerne behaupten, eine böse Erfindung von Le Corbusier, sondern eine selbstverständliche Notwendigkeit. So wie nur wenig gerne Industrie im Hinterhof haben, haben auch nur wenige gerne Kneipen vor dem Haus. In angemessener Entfernung und gut erreichbar, das eine für die Arbeit, das andere für die Freizeit, hat sie allerdings jeder gern. Das ist die Trennung der Funktionen und die zu organisieren ist die Aufgabe der Architektur.

Dazu eignen sich am besten Räume, die möglichst offen und großzügig sind und dem Menschen möglichst viele Möglichkeiten öffnen. Nicht eine Architektur wie die das Karl-Wrba-Hofs, die den Menschen zum Sozialleben zwingen will und dabei letztlich leider nur Enge schafft, sondern eine, die ihm Räume für Sozialleben in geeigneter Entfernung und in guter Verbindung zur Wohnung zur Verfügung stellt, ist also vonnöten. Ein schönes Wiener Beispiel aus derselben Zeit ist der Heinz Nittel-Hof. Diese Räume können durchaus Plätze sein, die aber ihr Leben nicht durch die Imitation anderer Plätze, sondern aus eigener Kraft bekommen müssen, oder auch Parks, in denen dann auch Weiden stehen können (tschechisch „vrba“ heißt Weide).

Ob diese Räume funktionieren, hängt aber immer am stärksten von gesellschaftlichen Faktoren ab. Architektur kann, wenn sie nicht zu viel will, bloß einen kleinen Beitrag dazu leisten.

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