Archiv für den Monat Januar 2015

Oberża Złoty Młyn

Schon der Name dieses Ortes ist eigenartig und doch ist es einer, der das gegenwärtige Polen besser als viele andere repräsentiert. „Złoty Młyn“, das heißt „Goldene Mühle“, was auch durch eine Mühle auf den Spitzdächern des Gebäudes betont wird, aber bei „Oberża“ könnte man zögern, bis man begreift, daß es sich, stark polonisiert, um das französische „auberge“ handelt.

Eine Herberge also, gelegen an einer größeren Straße außerhalb von Skarżysko Kamienna, irgendwo südöstlich der Mitte von Polen. Nur ein großer Zufall kann einen dorthin führen. Das weiß die Oberża auch und genau deshalb lenkt sie des Autofahrers Aufmerksamkeit mit den nachts gelb erleuchteten Mühlenflügeln auf sich, Novelty in amerikanischer Highwaytradition, und verlockt ihn mit dem Versprechen eines vierundzwanzig Stunden geöffneten Grill, vielleicht, zum Anhalten. Doch das reicht ihr nicht, sie zeigt der Straße weiterhin stolz einen Wassergraben, der von kleinen Sandsteinplatten als Felsimitation umgeben ist, und eine Terrasse.

Geht man hinein ins Restaurant, ahnt man an den blauweißen Kacheln der Theke, hinter der auch spät in der Nacht hübsche Mädchen stehen, eine holländische Thematik, wird aber sogleich von riesigen raumhohen Krügen, aus denen künstliche Blumen ragen, abgelenkt. Als sollte diese surreale Wirkung und die Angst des Besuchers, am Steuer eingeschlafen zu sein und dies zu träumen, noch verstärkt werden, hängen von der Decke gedeckte Tischen, die Lampen sind. Hat dies immerhin noch eine, wie wahnwitzige auch immer, Stringenz, so paßt die wieder aus Sandsteinplättchen gestaltete Felswand, in die auf zwei Stufen große Wasserbecken, eins mit Fischen, eingebettet sind, zu gar nichts und wirkt, als habe der Gestalter mit billigen Mitteln ein klassisches James Bond-Set nachbilden wollen. Daß über den Spielautomaten in einer Ecke ein Jesusbild hängt, überrascht dann nur noch, weil man eine polnischere Maria erwartet hätte.

Alles an diesem Ort wirkt auf den unvorbereiteten Besucher befremdlich. Es gibt Vergleichbares in Westeuropa nicht. Die Autobahnraststätten dort sind, sofern ihnen nicht etwas modernistische Eleganz verblieben ist, zwar nicht geschmackvoller, aber schlichter. Sie müssen einfach nicht einen solchen Aufwand betreiben, da ihnen die Kunden sicher sind. Mit der Oberża Złoty Młyn fühlt man sich wie in eine frühere Zeit des Kapitalismus und dazu noch nach Amerika versetzt. Das ist hier in allererstes Linie ein sehr lustiges Erlebnis.

Bleibt abzuwarten, ob diese Herberge mit Mühle und ihre Schwestern, ähnlich wie es bei der Fertigstellung des Freewaynetzes der amerikanischen Noveltyarchitektur, den riesigen Colaflaschen und Enten am Straßenrand, geschah, marginalisiert werden, falls Polen einmal ein dichtes Autobahnnetz haben sollte. Bis dahin sei diese polnisch-amerikanische Zeitreise jedem empfohlen (es gibt sogar einen virtuellen Spaziergang, der auch nicht wesentlich virtueller als die Realität der Oberża Złoty Młyn ist).

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Bauen an Verkehrsachsen

„L’alignement des habitations au long des voies de communication doit être interdit“ (Die Anordnung von Wohngebäuden entlang von Verkehrsachsen muß verboten werden), fordert Le Corbusier im 27. Punkt der „Charte d’Athènes“ (Charta von Athen). Diese völlige Trennung von Verkehrsachsen und Bebauung wäre auch wirklich ein wünschenswerter Zustand. Da die neue Stadt aber nicht dadurch entsteht, daß man die alte einfach abreißt, wie Le Corbusier das in architektentypischer Realitätsfremdheit gedacht haben mag, sondern in einem äußerst komplizierten und langwierigen Prozeß der Veränderung, ist ein solches Verbot nicht realistisch.

Die Frage ist vielmehr, auf welche Art architektonisch mit dem Bauen an Verkehrsachsen umgegangen wird. Die ernüchternde Antwort lautet, wie zumeist: gar nicht. Entlang großer Straßen werden ohne jeden Gedanken Büro- und Wohngebäude in Blockrandbebauung errichtet.

Ein schönes Beispiel dafür, wie es anders geht, kann man in der Hadikgasse im 14. Bezirk betrachten. Beidseits des kanalisierten Wienflusses und der ebenso kanalisierten Strecke der U-Bahn bilden große Straßen, Hietzinger Kai und Hadikgasse, die wichtigsten Zubringer zur Autobahn nach Westen. Die Bebauung dieser Straßen besteht zumeist aus kleineren, bürgerlichen k.u.k.-Mietshäusern mit Vorgärten, die daran erinnern, daß es sich hier unter anderen Verkehrsbedingungen um bevorzugte Lagen gehandelt hat.

HadikgasseWienfluß

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Bei der U-Bahnstation Braunschweiggasse wird dieses Einerlei unterbrochen. Ein Steg aus Beton überspannt den Hietzinger Kai, die U-Bahn, zu der er eine Verbindung schafft, den Fluß und die Hadikgasse. An dieser schließt er an den Gebäudekomplex Hadikgasse 128 an, der sich nach links erstreckt.

WohnanlageHadikgasseGesamt

Auf Straßenebene sind dort eine Tankstelle und die Einfahrten der Tiefgaragen, aber schon weit zurückgesetzt unter einer großen Terrassenebene, die die Grundlage für die übrigen Gebäudeteile bildet. Nur deren Rand, der sich von unten leicht emporschwingt und die Shell-Farben trägt, greift die Flucht der älteren Bebauung auf.

WohnanlageHadikgasseShell

Erst hinter Gärten mit üppigem Baumbewuchs steht ein drei-, mit Dachterrasse viergeschossiger Gebäudeteil, dessen Fassade ganz in abwechslungsreiche Balkone aufgelöst ist, während die Schmalseite von weißgetünchtem Beton und einem halbrunden Treppentrakt bestimmt ist.

WohnanlageHadikgasseBrücke

Es folgt ein weiterer Gartenbereich, durch den zwei Laubengänge an den nächsten Gebäudeteil anschließen.

WohnanlageHadikgasseLaubengang

Er ähnelt dem ersten, ragt aber elf Geschosse auf, so daß er zur Dominante der gesamten Umgebung wird.

WohnanlageHadikgasseHöhererTeil

Er steht schon weit von der großen Straße entfernt, fast an der Penzinger Straße, der Parallelstraße höher am Hang, aber auch von ihr noch durch einen Grünstreifen getrennt. Zu dieser Seite besteht dieser Gebäudeteil ganz aus Fenster- und Brüstungsbändern, die durch rechteckige vorgesetzte Teile rhythmisiert sind. Im Erdgeschoß sind ein Supermarkt und ein Kiosk.

WohnanlageHadikgassePenzingerStraßeUnten

Doch markant sind hier zwei Aufzugstürme, die monolithisch weiß mit abgerundeten Ecken und sehr schmalem vertikalen Fensterschlitz in den Grünstreifen stehen und mit Brückentrakten auf etwa jedem zweiten Stock an das Gebäude anschließen.

WohnanlageHadikgassePenzingerStraße

Wie dieses Gebäude in mehreren Stufen Abstand zwischen sich und dem Verkehr schafft, ist vorbildlich. Doch dem Menschen und der Stadt gibt es nicht genug. Die Brücke nämlich endet neben der Terrassenebene und zwingt den Fußgänger hinab in eine Querstraße, während auf ihr bloß private Gärten sind. Der zweite Gartenbereich ist sogar dem Blick der Öffentlichkeit weitgehend verschlossen.

WohnanlageHadikgasseGitter

Was in der Architektur angelegt, beinahe schon gelöst ist, ein neuartiger, offener städtischer Raum, wird von den kapitalistischen Eigentumsverhältnissen versperrt. Das erinnert an eine weit entscheidendere Forderung aus der „Charte d’Athènes“, ihren 95. und letzten Punkt: „L’intérêt privé sera subordonné à l’intérêt collectiv“ (Das Privatinteresse wird dem Gemeinschaftsinteresse untergeordnet werden).

Demonstration auf dem Zentralfriedhof oder Vom Jugendstil zum sozialistischen Realismus und von Wien in die DDR

Mitten in der Weite des Wiener Zentralfriedhofs bricht aus der einheitlichen und etwas langweiligen Reihe der Gräber ein Demonstrationszug hervor.

DemonstrationAufDemFriedhof

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Da marschieren Männer und Frauen verschiedenen Alters, unverkennbar Arbeiter, aufgebracht, entschlossen, nach vorne drängend, und an ihrer Spitze gehen ein junger Arbeiter mit hocherhobenem Hammer und eine junge Arbeiterin mit Kopftuch.

GrabmalJosefScheu

Diese Masse von Menschen scheint verschmolzen zu einer Einheit und ist das auch, denn sie ist eine Skulptur aus Stein. Von vorne, aber auch von den beiden Seiten ist die Gruppe gezeigt, was sie noch einmal lebensnäher wirken läßt.

GrabmalJosefScheu3

Die Skulptur gehört zu einem Grabmal. Und doch fällt sie so sehr auf, wie es eine echte Demonstration täte. All die anderen Skulpturen sind Schmuck für die Gräber reicher Toter, sie zeigen würdevolle Persönlichkeiten, haben religiöse oder symbolische Inhalte, sie sind der Besinnlichkeit des Orts angemessen. Diese aber ist, als wäre der ständige Lärm des nahen Güterbahnhofs in ihr zu Stein geworden. Sie bringt Unruhe und Leben, sie bringt die Arbeiterklasse in ihrer bewußten, organisierten Form, als Demonstration, auf den Friedhof. Es kann dies nur das Grab eines Sozialisten sein: Josef Scheu und seine Frau Karoline sind hier begraben.

Eine Platte aus hellerem Stein zeigt sein Porträtrelief und ihrer beider Namen und Lebensdaten in einer Jugendstilschrift, die zu den Todesjahren, 1904 und 1908, paßt. Doch wie dieser eigentliche Grabstein der Demonstrationsskulptur gleichsam untergeordnet ist, so nimmt auch auf diesem die Sache so viel Platz ein wie die Persönlichkeit, mit der sie verbunden ist: in der unteren Hälfte sind Worte und Noten des letzten Refrains des „Lieds der Arbeit“ zu sehen.

GrabmalJosefScheuInschrift

Zu dieser Hymne der österreichischen Sozialdemokratie hatte Scheu, Gewerkschafter und Musiker zugleich, die Musik verfaßt. Die Demonstrierenden der Skulptur selbst singen gerade dieses, mehr ihr als sein, Lied. Wie Victor Adler in seiner Rede zur Einweihung des Grabs sagte: „Die Sänger, Männer und Frauen des Proletariats, die wir hier dargestellt sehen, die der Künstler so lebendig vor Sie hingestellt hat als eine Gruppe Singender und zugleich Kämpfender, soll ein Zeugnis geben vom Wirken Scheus, davon, daß er die Brücke geschlagen vom Proletariat zur Kunst.“ (Arbeiter-Zeitung vom 2. April 1907)

Zu sagen, daß es sich hier um ein großartiges sozialistisches Grabmal handelt, geht fast an der Sache vorbei, denn die Kraft der Skulptur ist an diesem Grabmal eher verschwendet. Statt auf einem Friedhof, einem Ort des Todes, sollte sie, Josef Scheu, dem „Lied der Arbeit“ oder etwas anderem wichtigen zum Denkmal, auf einem öffentlichen Platz, einem Ort des Lebens, stehen.

Denn diese Skulptur des Bildhauers Richard Luksch ist radikaler, besser, zukunftsweisender als fast alles, was die Bildhauerei im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts hervorbrachte. Schon der Inhalt, nicht etwa einzelne Arbeiter, sondern die Arbeiterklasse, kam damals einfach nicht vor. Aber auch die Form sucht ihresgleichen. Wo zur selben Zeit der Historismus und der Jugendstil ihre Skulpturen auf hohe Sockel stellten, steht diese fast ebenerdig und auf Augenhöhe des Betrachters. Wo die meisten Skulpturen nur eine Betrachtungsweise zulassen, bietet diese von drei Seiten ständig neue. Die entscheidende Idee und Neuerung dieser Skulptur ist es aber, das Zusammenwachsen der einzelnen Arbeiter zur Einheit der Demonstration durch die Einheit der Figuren im Steinblock, dessen Teil sie bleiben, auch wenn sie aus ihm hinauswachsen, darzustellen.

GrabmalJosefScheu2

Diese Darstellung, simpel und überzeugend, wurde in der Kunst der DDR geradezu typisch, etwa beim Denkmal für die Augustkämpfe 1919 von Hanns Diettrich, das vor dem Bahnhof in Karl-Marx-Stadt zu finden ist. Doch das war fünfzig, sechzig Jahre später!

Was man an dieser unwahrscheinlichen und unpassenden Stelle erleben kann, ist also nicht weniger als der Beginn des sozialistischen Realismus im Jugendstil. Ja, Richard Luksch schuf eine der ersten Skulpturen des sozialistischen Realismus! Davon, daß Jugendstil vielerlei heißen kann, war hier schon früher die Rede. Auch die Verbindung von Jugendstil und sozialistischem Realismus ist nicht so absurd wie sie sie im ersten Moment scheinen mag, man denke an den großen Heinrich Vogeler, der es von Worpswede bis, immerhin, Kasachstan schaffte.

Eine spezifisch Wiener Tragik ist es, daß die künstlerischen Ansätze dieser Skulptur nicht fortgeführt wurden, als die Sozialdemokratie in der ersten Republik in der Stadt an die Macht kam. Während die Kommunisten in Deutschland sich immerhin mit von Gropius oder Mies van der Rohe gestalteten abstrakten Denkmälern auf der Höhe der Zeit zeigten, schaffte es das rote Wien der Zwanziger weder zur Abstraktion noch zu einem überzeugenden sozialistischen Realismus. Von wenigen Ausnahmen abgesehen blieb seine Kunst, die zumeist bei den Gemeindebauten zu finden ist, sogar hinter durchschnittlicherem Jugendstil zurück und war voller lebloser antikisierender Symbolik. Daß die SPÖ ihr bestes Kunstwerk schuf, als sie eine ansatzweise revolutionäre Partei in der Opposition war, zeigt, wie verheerend sich Reformismus auch in der Kunst auswirkt. Man kann nur spekulieren, ob es anders gewesen wäre, wenn Luksch nicht 1907, bald nach der Vollendung dieser Skulptur, einen Lehrauftrag in Hamburg angenommen hätte. Kontakt zur Arbeiterbewegung hatte er in Deutschland offenbar keinen mehr. Über Will Lammert, der dort sein Schüler war und in den Fünfzigern die Nationale Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück gestaltete, führt aber dafür ein direkter Weg von Wiens Zentralfriedhof in die DDR.

Zittau in fünf Farben

Eine längliche Holzplatte und darauf ein Druck, der die Stadt Zittau zeigt.

ZittauVEBRoburHanddruckOehler

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Der Untergrund ein etwas vergilbtes Weiß, die Linien schwarz, dazu Gelb, Grün und Rot, allesamt eher blaß. In einem schwarzen Rahmen die Gebäude und Sehenswürdigkeiten der Stadt (von links nach rechts):

In Rot der mächtige Marstall auf dem August-Bebel-Platz (jetzt Neustadt), davor der barocke Herkulesbrunnen in Grün, der tatsächlich davorsteht. In Gelb der minarettartig schlanke barocke Turm der Klosterkirche. In Rot Giebel und Türme der klassizistischen Johanniskirche, für deren Unterschiedlichkeit sich die Stadt nicht einmal, wie etwa in Kraków, eine Legende einfallen ließ. Darunter in Gelb der Nazibau des Gerhart-Hauptmann-Theaters, das es wundersamerweise noch gibt, ohne daß es aber noch das hübsche Logo auf der Fassade verwendete. In Gelb das Rathaus in seinem für das Zittau des mittleren 19. Jahrhunderts typischen, an mediterrane englische Neogotik erinnernden Stil, ein Oberlausitzer Miramare. Darunter, schwarz auf roter Fläche und unaufdringlicher Mittelpunkt, das filigrane Schmiedewerk des Grünen Borns. In Grün der barocke Eckerker der Alten Post in der Bautzener Straße. In Gelb das Eingangsgebäude des VEB Robur-Werke mit dem markanten, an eine Kurbelwelle erinnernden Logo des Kleinlasterherstellers. Und dezent hinter den vier letztgenannten, in Weiß und Schwarz mit roten Balkonen, eines der typischen fortschrittlichen Wohngebäude der Stadt. In Rot der Hefftergiebel am Kloster, Höhepunkt der Renaissancearchitektur in Zittau und von kaum irgendwo gut zu sehen. Davor mehrfarbig die Blumenuhr, die zum Wahrzeichen der Stadt zu machen man als Leistung des Stadtmarketings im frühen 20. Jahrhundert betrachten kann. Abschließend in Gelb der Turm des Gymnasiums, dessen oberer Teil eine Nachahmung eines Bautzener Stadttores ist. Dazu hie und da einige grüne Sträucher und Bäume, das Wappen, in dessen Mittelpunkt zwischen böhmischen Löwen und schlesischen Adlern einfach ein Z ist, der verschnörkelte Name und unterhalb des Rahmens die Worte „Unseren Werktätigen zum 25. Jahrestag der DDR . VEB Robur-Werke Zittau“, sowie der Hinweis „Handdruck Oehler Zittau“.

Man kann in diesem schönen und schlichten, Alt und Neu, Kultur, Wohnen und Arbeit umfassenden Stadtpanorama vielleicht die ganze DDR des Jahres 1974 erkennen. Man kann daran, daß kein VEB Robur-Werke seinen Werktätigen mehr so etwas schenkt, da von ihm nur beeindruckende Industrieruinen am Bahnhof, einige liebevoll gepflegte Fahrzeuge und Nostalgie blieben, den ganzen Niedergang Zittaus, einer Region, eines Landes beschreiben. Doch für den Moment genügt mir, daß dieses kleine Kunstwerk mich an der Wand meiner Wiener Gdańsker Wohnung (ergänzt 20.1.2019) an eine alte Heimat erinnert.

Masarykův Studentský Domov

Wer an Brno und moderne Architektur denkt, der denkt an die Villa Tugendhat. Daß sie ihren Ruhm verdient hat, sei, trotz allem, was an ihr zu kritisieren ist, nicht bestritten. Der Grund für ihren Ruhm sind aber nicht ihre Qualitäten, sondern der simple Umstand, daß ihr Architekt Mies van der Rohe später in den USA äußerst erfolgreich war und seine Gebäude daher von der bürgerlichen Architekturgeschichte kanonisiert wurden. Diese ist im eigentlichen auch keine Architekturgeschichte, sondern eine Aufzählung der immergleichen kanonischen Namen und Gebäude.

Ein objektiverer Blick auf Brno wird verraten, daß es dort noch viele weitere fortschrittliche Gebäude aus der Zeit der ersten tschechoslowakischen Republik, 1918 bis 1938, gibt, die oft nicht weniger gut oder sogar besser als die Villa Tugendhat sind. Angesichts der Fülle der Architektur des sogenannten Brnoer Funktionalismus (Brněnský funkcionalismus), in dem hier alles von Kaufhäusern und Banken über Polizeireviere, Kirchen und Sporthallen bis hin zu Wohngebäuden errichtet wurde, drängt sich die Frage auf, ob nicht Mies van der Rohes Gebäude einfach als ein Ausfluß des genius loci der Stadt zu betrachten ist.

Welchen der betreffenden Bauten Brnos man in einer ohnedies unsinnigen Hitparade als besten wählte, ist egal. Da sind der Palác Alfa, ein Eckbau mit einer Passage, die alle Elemente dieses Raumtyps, Galerie, Uhr, Schaufenster, aufs funktional Notwendigste reduziert, die Moravská Banka am zentralen Náměstí Svobody (Freiheitsplatz), die mit ihrer völlig horizontalen, einzig aus Fensterbändern und weißer Verkleidung bestehenden Fassade so eklatant mit allem ringsum kontrastiert, oder die Zemanova Kavárna (Café Zeman), die sich mit ihrer Glasfassade ganz dem Grün der Parkanlagen um die Altstadt öffnet. Unweigerlich jedenfalls stößt man auf den Namen eines Architekten, der am Bau all dieser drei Gebäude, die wie gesagt nur eine Auswahl darstellen, beteiligt war: Bohuslav Fuchs.

Dieser Name sei hier erwähnt, um zu zeigen, wieso jeder Mies van der Rohe kennt und, zumal außerhalb von Tschechien, nur Experten Fuchs. Mit der Qualität ihres jeweiligen architektonischen Schaffens hat das nichts zu tun, sondern mit den Umständen. Bohuslav Fuchs stammte eben nicht aus dem größten kapitalistischen Staat Europas und machte keine Karriere in Amerika. Noch dazu wurde sein Land 1948 sozialistisch. In diesem Moment hörte es für die westliche bürgerliche Architekturgeschichte auf zu existieren und damit verschwand auch das, was Fuchs geschaffen hatte, als die Tschechoslowakei noch kapitalistisch gewesen war.

Das Gebäude von Fuchs nun, das Gebäude in Brno, an dem man am besten zeigen kann, wie weit die fortschrittliche Architektur in dieser Stadt kam, wie viel weiter als die Villa Tugendhat, ist das Masarykův Studentský Domov (Masaryk-Schülerheim). Im nördlichen Stadtzentrum, zwischen tschechoslowakischer Blockrandbebauung, steht es fast außerirdisch auf einem von drei Straßen umgrenzten rechteckigen Grundstück.

MasarykůvStudentskýDomovBurešova

(Bilder zum Vergrößern anklicken)

Einer von ihnen, der Burešova, wendet es die Fassade eines Eingangs- und Saaltrakts zu. Konventionelle Unterteilungen nach Geschossen werden hier sinnlos. Der rechte Teil ist eben so hoch, wie er für einen geräumigen Speisesaal sein muß. Entsprechend zeigt er eine hohe und langgezogene Fensterfläche zwischen zwei breiten weißen Putzstreifen. Davor ist eine Grünfläche, die von einem halbrunden Betonmäuerchen umgeben ist. Links befindet sich der Eingang, zu dem einige Stufen hinaufführen und über dem ein dünnes Vordach freischwebend nach oben strebt. Der Teil darüber ist eine fensterlose weiße Fläche, schmaler und höher als der Saal, so daß dessen Horizontale eine Vertikale entgegengesetzt ist. Oben wölbt sich die rechte Wand leicht über den Saal.

MasarykůvStudentskýDomovBurešovaCihlářská

Erst wenn man nach links weitergeht, vorbei an einer weiteren, eckigen Grünanlage, kann man sagen, daß das Gebäude hier drei Geschosse hoch ist. Das unterste ist etwas vorgesetzt, vor dem zweiten verläuft eine gittergeländrige Terrasse und das dritte hat eine höhere Fensterfront, hinter der man einen Saal, der auch der Wölbung auf der anderen Seite einen klaren Sinn gibt, weiß. Ein schmaler Trakt mit vertikalen Glasbausteinen, der eine Durchfahrt zu einem Anlieferbereich hat, verbindet den Eingangsbau mit dem quer, aber ganz leicht schräg dazu gesetzten eigentlichen Wohnheimtrakt, der fünfgeschossig ist.

MasarykůvStudentskýDomovCihlářská

An der linken Schmalseite sind Balkone mit massiven Geländern. An der Breitseite, die nach Südosten zeigt, sind Fensterbänder und die nächste Ecke und die rechte Schmalseite umlaufen Balkone mit Gittergeländer.

MasarykůvStudentskýDomovBotanická

Geht man weiter, sieht man, wie der Eingangstrakt mit die Ecke umlaufenden Fensterbändern und zweigeschossig beginnt. Es ist ein Gebäude, dem man nichts hinzufügen oder wegnehmen kann, ein Gebäude, das genau so ist, wie es sein muß.

Wie die Villa Tugendhat wurde das Masarykův Studentský Domov im Jahre 1930 fertiggestellt und beide haben dieselbe Klarheit und Schönheit. Anders als sie aber ist es nicht nur für eine Elite da, anders als sie richtet es sich an die Stadt. Statt einer reichen Familie wohnten dort Kinder. Statt schloßgleich isoliert steht das Gebäude frei in Grünanlagen. Es schafft so zwar noch keinen neuen Raum, fordert ihn aber, ist ein Gegenentwurf zur etwa gleichzeitg entstandenen Blockrandbebauung ringsum. Damit ist das Masarykův Studentský Domov von einer tieferen Fortschrittlichkeit als sie eine private Villa je haben könnte. Wenn man schon bei einer Stadt nur an ein einziges Gebäude denken will, dann sollte es im Falle Brnos dieses sein.