Stadtbahn Kraków

Nein, eine Stadtbahn hat Kraków nicht, auch keine U-Bahn, obwohl es seit den Siebzigern Pläne gibt, dafür zumindest ein ausgedehntes Straßenbahnnetz. Bis zum Jahre 1911 legten sich um den westlichen Rand der damaligen Stadt auf den Wällen der Festungsanlangen noch die Gleise einer Verbindungsbahn mit dem komplizierten Namen Kolej cyrkumwalacyjna, doch an deren Stelle wurden statt einer Stadtbahn die aleje, die Alleen, angelegt. Sie sollten eine repräsentative Promenade, eine Krakówer Version der Wiener Ringstraße sein und waren das vielleicht auch für einige Jahrzehnte; heute sind sie riesige Verkehrsachsen mit regelmäßigen Staus, wo es niemandem mehr zu promenieren einfallen würde.

Worum es hier jedoch gehen soll, hat mit alledem nur indirekt zu tun. Denn wenn Kraków schon keine eigene Stadtbahn hat, so finden sich dort zumindest Spuren der Wiener Stadtbahn. Sie zu sehen, muß man in die Ulica Kamienna (Steinerne Straße) gehen, wozu es kaum einen Grund gibt. Sie ist zwar gar nicht weit vom Stadtzentrum und vom Bahnhof entfernt, aber doch in einer Gegend, die noch heute nach Stadtrand aussieht. Neben dem Gelände des Dworzec Towarowy (Güterbahnhofs), der weitgehend leersteht, senkt sich die Straße, um unter den nach Nordwesten (Richtung Wien, steht auf alten Stadtplänen) verlaufenden Gleisen hindurchzuführen.

UlicaKamiennaKraków

Sie ist breit, wird aber kaum mehr befahren.

UlicaKamiennaKrakówBüro

Und oben auf den Mauern, die die abgesenkte Straße begrenzen: Stadtbahngeländer. Dieselbe aus Wien so vertraute Sonnen- oder Radform im Quadrat.

StadtbahngeländerKrakówSchwarz

Auf der einen Seite der Gleise, wo ein neues Bürohaus steht, wurden sie neu gestrichen, aber schwarz. Auf der anderen Seite, wo eine Treppe in einige verlorene Gassen mit von den Gleisen eingezwängten kleinen Mietskasernen führt, sieht man sie in Rost, in dem man mit einiger Phantasie ein abblätterndes Grün erahnen kann.

StadtbahngeländerKrakówRostig

Auch dort, wo man sie auf den ersten Blick gar nicht sieht, sind sie versteckt unter wuchernden Pflanzen zu finden.

StadtbahngeländerKrakówZugewachsen

Es ist, als sei die ganze Ulica Kamienna eine der pittoresken Ruinen, die das 19. Jahrhundert so liebte, aber eine Ruine des 19. Jahrhunderts selbst, eine k.u.k.-Ruine, die zeigt, wie die Reste der Wiener Stadtbahn im Zustande des Verfalls aussehen würden. Unweigerlich fühlt man sich dort wie ein Archäologe, der die Reste einer untergegangenen Zivilisation entdeckt.

So mag das auch sein, aber auf die untergegangene folgte, wie das so oft ist, eine neue, bessere Zivilisation. Die heute so stille und nutzlose Straße war um das Jahre 1910, als sie mit dem Güterbahnhof gebaut wurde, der für den Westen Krakóws wichtigste Weg unter den Gleisen hindurch. Noch bis in die sechziger Jahre hätte dort niemand den Eindruck einer verlassenen Ruine in der städtischen Wildnis haben können. Dann aber wurde ein Stück weiter stadteinwärts, in direkter Fortsetzung der Alleen, eine große Straßenbrücke gebaut, ein zeitgemäßer Ersatz für die Ulica Kamienna, die neue Zivilisation. Seit auch der Güterbahnhof weitgehend stillgelegt ist, bleibt von der Ulica Kamienna nicht mehr als eine Erinnerung an die österreichische Zeit.

Was sich nur schwer herausfinden lassen wird, ist, ob die Verwendung der Stadtbahngeländer ein bewußter Versuch von polnischer Seite war, ein wenig hauptstädtischen Glanz an den Stadtrand von Kraków zu holen, oder im Gegenteil von deutscher Seite eine Resteverwertung in der Provinz. Oder vielleicht auch beides, worin man denn ein Symbol des alten Österreich sehen mag.

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