Was Hildesheim von seinem Tempelhaus lernen könnte

Hildesheim rühmt sich seiner Fachwerkhäuser, von denen sich im Osten der Stadt noch viele erhalten haben, während sie um den Markt, wo sie im Krieg zerstört worden waren, seit den Achtzigern wieder aufgebaut wurden. Doch ob es einen nun stört oder nicht, daß diese nur Kopien sind – das interessanteste Gebäude am Markt ist kein Fachwerkhaus, sondern das, neben dem Rathaus, einzige mit steinerner Fassade: das sogenannte Tempelhaus.

TempelhausHildesheim

Wie das Rathaus ist es gotisch und überstand die Bomben glimpflicher als die Fachwerkhäuser, aber wo jenes dunkel und drohend ist, da ist es hell und freundlich. Sechs Geschosse hoch ist die weißgetünchte Steinfassade und obwohl sie nicht vertikal strukturiert ist, weist alles an ihr nach oben. Im Erdgeschoß als Mittelpunkt ein spitzbögiges Portal und beidseits von ihm große rechteckige Fenster. Im zweiten Geschoß drei etwas kleinere rechteckige Doppelfenster. Im dritten Geschoß drei Fenster, die aus je drei schmalen spitzbögigen Teilen bestehen. Im vierten Geschoß drei entsprechende Fenster, die aber nur noch zwei Bögen haben. Hier endet der Hauptteil der Fassade und sie setzt sich nur noch in der Mitte mit einer rechteckigen Fläche fort. In dieser sind im fünften Geschoß zwei Fenster mit je zwei Spitzbögen und im sechsten Geschoß, als Abschluß und wieder in der Mitte, ein einziges. Die Anordnung der Fenster ergibt so gleichsam einen neuen großen Spitzbogen, schlanker und höher als der des Portals, aber doch wie dessen riesenhafte Vergrößerung.

An beiden Seiten erwachsen aus dem Hauptteil der Fassade schlanke runde Türmchen, die oben von kleinen spitzbögigen Fenstern umlaufen sind und mit ihren helmartigen Hauben so hoch reichen wie die rechteckige Fläche der obersten Geschosse. An diese schließen sie an mit je zwei freistehenden Spitzbögen, die nur aus einem äußerst filigranen Pfeiler, den Bögen selbst und einem dreieckigen, entfernt fialenartigen Aufsatz in der Mitte bestehen. Ganz oben auf dem höchsten Teil der Fassade stehen schließlich noch vier schmale Gebilde, die an Schachfiguren erinnern und äußerst stilisierte Zinnen sein könnten. Weder die Türme noch die Bögen haben irgendeine Funktion. Es ist vielmehr, als wollte hier der Baumeister eines Bürgerhauses zeigen, daß er sich auf Gotik allemal so gut verstehe wie die Baumeister der Burgen und Kirchen, weshalb er dem Bürgerhaus eben die Türme einer Burg und die Bögen einer Kirche gab. Dem Bauherren, der sich sicher gerne gleichauf mit Adel und Klerus sah, kann das nur recht gewesen sein.

Neben dem Spitzbogen aus Spitzbögen und den Burg- und Kirchenzitaten ist an dieser Fassade so ungewöhnlich, daß sie keinen Giebel hat und dennoch die Dachform erahnen läßt. Das Gebäude hinter ihr hat nämlich vier Geschosse und ein hohes Satteldach. Der Unterschied zu den Fachwerkhäusern, die ganz Giebel sind, könnte nicht größer sein.

Doch ganz ohne Bezug zu seiner Fachwerkumgebung ist das Tempelhaus nicht. Was bisher beschrieben war, ist seit fünfhundert Jahren nicht mehr zu sehen. Einige Generationen nach der Errichtung dieser supergotischen Fassade hielt jemand deren splendid isolation offenbar nicht mehr aus und ließ rechts vor die ersten drei Geschosse einen Renaissanceerker errichten.

ErkerTempelhausHildesheim

Der ist zwar aus Stein, aber doch wie ein Hildesheimer Fachwerkhaus im kleinen: über und über mit Schnörkeln und Bildern versehen, große Fenster, Giebel. Er ist sicher schön und für sich selbst wie als Verbindung zur Umgebung wichtig, aber er ist als ein Stück selbstbewußter Architektur auch ein Fremdkörper auf der Fassade. Nichts, aber auch gar nichts an ihm paßt zu ihr. Daß der Bruch nicht sofort wie ein Schock spürbar ist, liegt einzig an der „Patina des Alters“ (Georg Piltz).

Die Fassade des Tempelhauses ist in gewisser Weise ein Argument dafür, auf das Alte keine Rücksicht zu nehmen, sondern einfach zu bauen, wie es in die Zeit paßt, ein Argument damit auch für die Neugestaltung des Hildesheimer Marktes. Nach dem Krieg war er unter Verzicht auf alle Fachwerkhäuser nach Norden erweitert worden, an einer gotischen Kirche entlang und bis zu einem Horten-Kaufhaus,

ResteDesNeuenMarktsMitKircheUndHortenHildesheim

und hatte im Hotel Rose einen neuen Höhepunkt bekommen. Es war ein dezenter und doch markanter Bau, siebengeschossig, die Fassade bestimmt von außenliegenden vertikalen Trägern, die über dem zurückgesetzten Obergeschoß schräg abfielen, und abstrakten Reliefs unter den Fensterbändern. Sowohl das so angedeutete schräge Dach als auch die Reliefs waren Zitate der vorangegangenen Fachwerkhäuser, aber viel zu subtil, um verstanden werden zu können. Das Hotel stand nur zwanzig Jahre, von 1963 bis 1983, bevor es durch die Kopie eines Fachwerkhauses ersetzt und der Markt dann wieder geschlossen wurde. Zwanzig Jahre aber war es der Fassade des Tempelhauses ein würdiger Nachbar. Wenn Hildesheim nur gelernt hätte, diese Fassade zu verstehen, vielleicht gäbe es auch das Hotel Rose noch.

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