Oberża Złoty Młyn

Schon der Name dieses Ortes ist eigenartig und doch ist es einer, der das gegenwärtige Polen besser als viele andere repräsentiert. „Złoty Młyn“, das heißt „Goldene Mühle“, was auch durch eine Mühle auf den Spitzdächern des Gebäudes betont wird, aber bei „Oberża“ könnte man zögern, bis man begreift, daß es sich, stark polonisiert, um das französische „auberge“ handelt.

Eine Herberge also, gelegen an einer größeren Straße außerhalb von Skarżysko Kamienna, irgendwo südöstlich der Mitte von Polen. Nur ein großer Zufall kann einen dorthin führen. Das weiß die Oberża auch und genau deshalb lenkt sie des Autofahrers Aufmerksamkeit mit den nachts gelb erleuchteten Mühlenflügeln auf sich, Novelty in amerikanischer Highwaytradition, und verlockt ihn mit dem Versprechen eines vierundzwanzig Stunden geöffneten Grill, vielleicht, zum Anhalten. Doch das reicht ihr nicht, sie zeigt der Straße weiterhin stolz einen Wassergraben, der von kleinen Sandsteinplatten als Felsimitation umgeben ist, und eine Terrasse.

Geht man hinein ins Restaurant, ahnt man an den blauweißen Kacheln der Theke, hinter der auch spät in der Nacht hübsche Mädchen stehen, eine holländische Thematik, wird aber sogleich von riesigen raumhohen Krügen, aus denen künstliche Blumen ragen, abgelenkt. Als sollte diese surreale Wirkung und die Angst des Besuchers, am Steuer eingeschlafen zu sein und dies zu träumen, noch verstärkt werden, hängen von der Decke gedeckte Tischen, die Lampen sind. Hat dies immerhin noch eine, wie wahnwitzige auch immer, Stringenz, so paßt die wieder aus Sandsteinplättchen gestaltete Felswand, in die auf zwei Stufen große Wasserbecken, eins mit Fischen, eingebettet sind, zu gar nichts und wirkt, als habe der Gestalter mit billigen Mitteln ein klassisches James Bond-Set nachbilden wollen. Daß über den Spielautomaten in einer Ecke ein Jesusbild hängt, überrascht dann nur noch, weil man eine polnischere Maria erwartet hätte.

Alles an diesem Ort wirkt auf den unvorbereiteten Besucher befremdlich. Es gibt Vergleichbares in Westeuropa nicht. Die Autobahnraststätten dort sind, sofern ihnen nicht etwas modernistische Eleganz verblieben ist, zwar nicht geschmackvoller, aber schlichter. Sie müssen einfach nicht einen solchen Aufwand betreiben, da ihnen die Kunden sicher sind. Mit der Oberża Złoty Młyn fühlt man sich wie in eine frühere Zeit des Kapitalismus und dazu noch nach Amerika versetzt. Das ist hier in allererstes Linie ein sehr lustiges Erlebnis.

Bleibt abzuwarten, ob diese Herberge mit Mühle und ihre Schwestern, ähnlich wie es bei der Fertigstellung des Freewaynetzes der amerikanischen Noveltyarchitektur, den riesigen Colaflaschen und Enten am Straßenrand, geschah, marginalisiert werden, falls Polen einmal ein dichtes Autobahnnetz haben sollte. Bis dahin sei diese polnisch-amerikanische Zeitreise jedem empfohlen (es gibt sogar einen virtuellen Spaziergang, der auch nicht wesentlich virtueller als die Realität der Oberża Złoty Młyn ist).

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