Demonstration auf dem Zentralfriedhof oder Vom Jugendstil zum sozialistischen Realismus und von Wien in die DDR

Mitten in der Weite des Wiener Zentralfriedhofs bricht aus der einheitlichen und etwas langweiligen Reihe der Gräber ein Demonstrationszug hervor.

DemonstrationAufDemFriedhof

Da marschieren Männer und Frauen verschiedenen Alters, unverkennbar Arbeiter, aufgebracht, entschlossen, nach vorne drängend, und an ihrer Spitze gehen ein junger Arbeiter mit hocherhobenem Hammer und eine junge Arbeiterin mit Kopftuch.

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Diese Masse von Menschen scheint verschmolzen zu einer Einheit und ist das auch, denn sie ist eine Skulptur aus Stein. Von vorne, aber auch von den beiden Seiten ist die Gruppe gezeigt, was sie noch einmal lebensnäher wirken läßt.

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Die Skulptur gehört zu einem Grabmal. Und doch fällt sie so sehr auf, wie es eine echte Demonstration täte. All die anderen Skulpturen sind Schmuck für die Gräber reicher Toter, sie zeigen würdevolle Persönlichkeiten, haben religiöse oder symbolische Inhalte, sie sind der Besinnlichkeit des Orts angemessen. Diese aber ist, als wäre der ständige Lärm des nahen Güterbahnhofs in ihr zu Stein geworden. Sie bringt Unruhe und Leben, sie bringt die Arbeiterklasse in ihrer bewußten, organisierten Form, als Demonstration, auf den Friedhof. Es kann dies nur das Grab eines Sozialisten sein: Josef Scheu und seine Frau Karoline sind hier begraben.

Eine Platte aus hellerem Stein zeigt sein Porträtrelief und ihrer beider Namen und Lebensdaten in einer Jugendstilschrift, die zu den Todesjahren, 1904 und 1908, paßt. Doch wie dieser eigentliche Grabstein der Demonstrationsskulptur gleichsam untergeordnet ist, so nimmt auch auf diesem die Sache so viel Platz ein wie die Persönlichkeit, mit der sie verbunden ist: in der unteren Hälfte sind Worte und Noten des letzten Refrains des „Lieds der Arbeit“ zu sehen.

GrabmalJosefScheuInschrift

Zu dieser Hymne der österreichischen Sozialdemokratie hatte Scheu, Gewerkschafter und Musiker zugleich, die Musik verfaßt. Die Demonstrierenden der Skulptur selbst singen gerade dieses, mehr ihr als sein, Lied. Wie Victor Adler in seiner Rede zur Einweihung des Grabs sagte: „Die Sänger, Männer und Frauen des Proletariats, die wir hier dargestellt sehen, die der Künstler so lebendig vor Sie hingestellt hat als eine Gruppe Singender und zugleich Kämpfender, soll ein Zeugnis geben vom Wirken Scheus, davon, daß er die Brücke geschlagen vom Proletariat zur Kunst.“ (Arbeiter-Zeitung vom 2. April 1907)

Zu sagen, daß es sich hier um ein großartiges sozialistisches Grabmal handelt, geht fast an der Sache vorbei, denn die Kraft der Skulptur ist an diesem Grabmal eher verschwendet. Statt auf einem Friedhof, einem Ort des Todes, sollte sie, Josef Scheu, dem „Lied der Arbeit“ oder etwas anderem wichtigen zum Denkmal, auf einem öffentlichen Platz, einem Ort des Lebens, stehen.

Denn diese Skulptur des Bildhauers Richard Luksch ist radikaler, besser, zukunftsweisender als fast alles, was die Bildhauerei im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts hervorbrachte. Schon der Inhalt, nicht etwa einzelne Arbeiter, sondern die Arbeiterklasse, kam damals einfach nicht vor. Aber auch die Form sucht ihresgleichen. Wo zur selben Zeit der Historismus und der Jugendstil ihre Skulpturen auf hohe Sockel stellten, steht diese fast ebenerdig und auf Augenhöhe des Betrachters. Wo die meisten Skulpturen nur eine Betrachtungsweise zulassen, bietet diese von drei Seiten ständig neue. Die entscheidende Idee und Neuerung dieser Skulptur ist es aber, das Zusammenwachsen der einzelnen Arbeiter zur Einheit der Demonstration durch die Einheit der Figuren im Steinblock, dessen Teil sie bleiben, auch wenn sie aus ihm hinauswachsen, darzustellen.

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Diese Darstellung, simpel und überzeugend, wurde in der Kunst der DDR geradezu typisch, etwa beim Denkmal für die Augustkämpfe 1919, das vor dem Bahnhof in Karl-Marx-Stadt zu finden ist. Doch das war fünfzig, sechzig Jahre später!

Was man an dieser unwahrscheinlichen und unpassenden Stelle erleben kann, ist also nicht weniger als der Beginn des sozialistischen Realismus im Jugendstil. Ja, Richard Luksch schuf eine der ersten Skulpturen des sozialistischen Realismus! Davon, daß Jugendstil vielerlei heißen kann, war hier schon früher die Rede. Auch die Verbindung von Jugendstil und sozialistischem Realismus ist nicht so absurd wie sie sie im ersten Moment scheinen mag, man denke an den großen Heinrich Vogeler, der es von Worpswede bis, immerhin, Kasachstan schaffte.

Eine spezifisch Wiener Tragik ist es, daß die künstlerischen Ansätze dieser Skulptur nicht fortgeführt wurden, als die Sozialdemokratie in der ersten Republik in der Stadt an die Macht kam. Während die Kommunisten in Deutschland sich immerhin mit von Gropius oder Mies van der Rohe gestalteten abstrakten Denkmälern auf der Höhe der Zeit zeigten, schaffte es das rote Wien der Zwanziger weder zur Abstraktion noch zu einem überzeugenden sozialistischen Realismus. Von wenigen Ausnahmen abgesehen blieb seine Kunst, die zumeist bei den Gemeindebauten zu finden ist, sogar hinter durchschnittlicherem Jugendstil zurück und war voller lebloser antikisierender Symbolik. Daß die SPÖ ihr bestes Kunstwerk schuf, als sie eine ansatzweise revolutionäre Partei in der Opposition war, zeigt, wie verheerend sich Reformismus auch in der Kunst auswirkt. Man kann nur spekulieren, ob es anders gewesen wäre, wenn Luksch nicht 1907, bald nach der Vollendung dieser Skulptur, einen Lehrauftrag in Hamburg angenommen hätte. Kontakt zur Arbeiterbewegung hatte er in Deutschland offenbar keinen mehr. Über Will Lammert, der dort sein Schüler war und in den Fünfzigern die Nationale Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück gestaltete, führt aber dafür ein direkter Weg von Wiens Zentralfriedhof in die DDR.

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3 Gedanken zu „Demonstration auf dem Zentralfriedhof oder Vom Jugendstil zum sozialistischen Realismus und von Wien in die DDR

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