Masarykův Studentský Domov

Wer an Brno und moderne Architektur denkt, der denkt an die Villa Tugendhat. Daß sie ihren Ruhm verdient hat, sei, trotz allem, was an ihr zu kritisieren ist, nicht bestritten. Der Grund für ihren Ruhm sind aber nicht ihre Qualitäten, sondern der simple Umstand, daß ihr Architekt Mies van der Rohe später in den USA äußerst erfolgreich war und seine Gebäude daher von der bürgerlichen Architekturgeschichte kanonisiert wurden. Diese ist im eigentlichen auch keine Architekturgeschichte, sondern eine Aufzählung der immergleichen kanonischen Namen und Gebäude.

Ein objektiverer Blick auf Brno wird verraten, daß es dort noch viele weitere fortschrittliche Gebäude aus der Zeit der ersten tschechoslowakischen Republik, 1918 bis 1938, gibt, die oft nicht weniger gut oder sogar besser als die Villa Tugendhat sind. Angesichts der Fülle der Architektur des sogenannten Brnoer Funktionalismus (Brněnský funkcionalismus), in dem hier alles von Kaufhäusern und Banken über Polizeireviere, Kirchen und Sporthallen bis hin zu Wohngebäuden errichtet wurde, drängt sich die Frage auf, ob nicht Mies van der Rohes Gebäude einfach als ein Ausfluß des genius loci der Stadt zu betrachten ist.

Welchen der betreffenden Bauten Brnos man in einer ohnedies unsinnigen Hitparade als besten wählte, ist egal. Da sind der Palác Alfa, ein Eckbau mit einer Passage, die alle Elemente dieses Raumtyps, Galerie, Uhr, Schaufenster, aufs funktional Notwendigste reduziert, die Moravská Banka am zentralen Náměstí Svobody (Freiheitsplatz), die mit ihrer völlig horizontalen, einzig aus Fensterbändern und weißer Verkleidung bestehenden Fassade so eklatant mit allem ringsum kontrastiert, oder die Zemanova Kavárna (Café Zeman), die sich mit ihrer Glasfassade ganz dem Grün der Parkanlagen um die Altstadt öffnet. Unweigerlich jedenfalls stößt man auf den Namen eines Architekten, der am Bau all dieser drei Gebäude, die wie gesagt nur eine Auswahl darstellen, beteiligt war: Bohuslav Fuchs.

Dieser Name sei hier erwähnt, um zu zeigen, wieso jeder Mies van der Rohe kennt und, zumal außerhalb von Tschechien, nur Experten Fuchs. Mit der Qualität ihres jeweiligen architektonischen Schaffens hat das nichts zu tun, sondern mit den Umständen. Bohuslav Fuchs stammte eben nicht aus dem größten kapitalistischen Staat Europas und machte keine Karriere in Amerika. Noch dazu wurde sein Land 1948 sozialistisch. In diesem Moment hörte es für die westliche bürgerliche Architekturgeschichte auf zu existieren und damit verschwand auch das, was Fuchs geschaffen hatte, als die Tschechoslowakei noch kapitalistisch gewesen war.

Das Gebäude von Fuchs nun, das Gebäude in Brno, an dem man am besten zeigen kann, wie weit die fortschrittliche Architektur in dieser Stadt kam, wie viel weiter als die Villa Tugendhat, ist das Masarykův Studentský Domov (Masaryk-Schülerheim). Im nördlichen Stadtzentrum, zwischen tschechoslowakischer Blockrandbebauung, steht es fast außerirdisch auf einem von drei Straßen umgrenzten rechteckigen Grundstück.

MasarykůvStudentskýDomovBurešova

Einer von ihnen, der Burešova, wendet es die Fassade eines Eingangs- und Saaltrakts zu. Konventionelle Unterteilungen nach Geschossen werden hier sinnlos. Der rechte Teil ist eben so hoch, wie er für einen geräumigen Speisesaal sein muß. Entsprechend zeigt er eine hohe und langgezogene Fensterfläche zwischen zwei breiten weißen Putzstreifen. Davor ist eine Grünfläche, die von einem halbrunden Betonmäuerchen umgeben ist. Links befindet sich der Eingang, zu dem einige Stufen hinaufführen und über dem ein dünnes Vordach freischwebend nach oben strebt. Der Teil darüber ist eine fensterlose weiße Fläche, schmaler und höher als der Saal, so daß dessen Horizontale eine Vertikale entgegengesetzt ist. Oben wölbt sich die rechte Wand leicht über den Saal.

MasarykůvStudentskýDomovBurešovaCihlářská

Erst wenn man nach links weitergeht, vorbei an einer weiteren, eckigen Grünanlage, kann man sagen, daß das Gebäude hier drei Geschosse hoch ist. Das unterste ist etwas vorgesetzt, vor dem zweiten verläuft eine gittergeländrige Terrasse und das dritte hat eine höhere Fensterfront, hinter der man einen Saal, der auch der Wölbung auf der anderen Seite einen klaren Sinn gibt, weiß. Ein schmaler Trakt mit vertikalen Glasbausteinen, der eine Durchfahrt zu einem Anlieferbereich hat, verbindet den Eingangsbau mit dem quer, aber ganz leicht schräg dazu gesetzten eigentlichen Wohnheimtrakt, der fünfgeschossig ist.

MasarykůvStudentskýDomovCihlářská

An der linken Schmalseite sind Balkone mit massiven Geländern. An der Breitseite, die nach Südosten zeigt, sind Fensterbänder und die nächste Ecke und die rechte Schmalseite umlaufen Balkone mit Gittergeländer.

MasarykůvStudentskýDomovBotanická

Geht man weiter, sieht man, wie der Eingangstrakt mit die Ecke umlaufenden Fensterbändern und zweigeschossig beginnt. Es ist ein Gebäude, dem man nichts hinzufügen oder wegnehmen kann, ein Gebäude, das genau so ist, wie es sein muß.

Wie die Villa Tugendhat wurde das Masarykův Studentský Domov im Jahre 1930 fertiggestellt und beide haben dieselbe Klarheit und Schönheit. Anders als sie aber ist es nicht nur für eine Elite da, anders als sie richtet es sich an die Stadt. Statt einer reichen Familie wohnten dort Kinder. Statt schloßgleich isoliert steht das Gebäude frei in Grünanlagen. Es schafft so zwar noch keinen neuen Raum, fordert ihn aber, ist ein Gegenentwurf zur etwa gleichzeitg entstandenen Blockrandbebauung ringsum. Damit ist das Masarykův Studentský Domov von einer tieferen Fortschrittlichkeit als sie eine private Villa je haben könnte. Wenn man schon bei einer Stadt nur an ein einziges Gebäude denken will, dann sollte es im Falle Brnos dieses sein.

Advertisements