Dubnica nad Váhom

Dubnica ist eine Planstadt, eines der vielen Juwelen des tschechoslowakischen Städtebaus. Es liegt im Westen der Slowakei im Tal des Váh, das als eine der wenigen Regionen des Landes schon in vorsozialistischer Zeit industrialisiert war. Das heutige Dubnica wurde für zwei große, heute weitgehend stillgelegte Werke, die vor allem Waffen herstellten, errichtet. Warum es sich aber so betont „nad Váhom“, am Váh, nennt, ist nicht ersichtlich, da der Fluß für die Stadt keinerlei Bedeutung hat. Überhaupt empfängt einen Dubnica enttäuschend. Gegenüber dem sehr renovierten kleinen Bahnhof ist ein großer Friedhof und hinter diesem auf einem Hügel eine barocke Kirche.

Die Stadt beginnt erst etwas weiter links bei einem langen achtgeschossigen Gebäude, das wie fast alle weiteren in Großplattenbauweise aus Beton errichtet ist. Es steht quer zu den Gleisen und vor ihm verlaufen ein kanalisierter Bach, der Dubnický potok, und eine Straße. Jenseits davon erstreckt sich das erste Wohngebiet, Sídlisko pod Kaštieľom, durch das Stadion von den Gleisen getrennt. Mit fünf- und achtgeschossigen Gebäuden und einigen achtgeschossigen Punkhäusern, die locker ins Grün eingebettet sind, stellt es auch schon die vorherrschenden Gebäudetypen von Dubnica vor. Jenseits der ersten Gebäudes verläuft auch der Weg, der weiter in die Stadt hineinführt. Ist er bloß auf naheliegende und effektive Weise vom Autoverkehr getrennt, so endet er in einem kleinen Platz, der vorbildlich zeigt, wie einfach ein guter und unverwechselbarer Raum geschaffen werden kann:

SídliskoPodKaštieľomDubnica

ein quadratisches Hochbeet, zwei hohe alte Bäume, rechts der rötlich gekachelte Flachbau einer Kaufhalle, dessen weißverkleidetes überstehendes dach links an das vorgesetzte Obergeschoß eines zweigeschossigen Baus in derselben Farbe anschließt, dazwischen ein schräger Durchgang, und im Hintergrund auf dem Hügel der barocke Turm des Schlosses (Kaštieľ), das diesem Wohngebiet unter dem Schloß seinen Namen gab. Der Durchgang führt zurück zur Straße, ist aber auf subtile Art auch ein Tor in die weitere Stadt.

Ein Stück hügelan und man ist im Kern eines viel älteren Dubnica. Rechts das Schloß, ursprünglich ein vierflügeliger Renaissancebau, links die barocke Kirche, in der Mitte zwischen den Spuren der Straße ein breiter Grünstreifen, in dem auf einem aufgeschütteten Hügel eine barocke Skulptur des Johannes von Nepomuk steht. Die beiden Gebäude erzählen von der spannungsvollen Geschichte der Slowakei: das Schloß gehörte de ungarischen Adelsfamilie Illésházy, in der Kirche wirkte Ján Baltazár Magin, der sich für die Gleichberechtigung der slowakischen Bevölkerungsmehrheit einsetzte. Heute sind beide Teil von etwas Neuem, wobei das Schloß ihm, vor allem dank seines großen englischen Parks, mehr gibt. Doch es ist der Grünstreifen, aus dem das Zentrum von Dubnica so wirklich erwächst. Er setzt sich fort, bald ist die Straße nur noch links von ihm und viel schmaler als er, während rechts ein Fußgängerboulevard ist. Die Bebauung beginnt links, respektvoll gegenüber der Kirche, mit zweigeschossigen Reihenhäusern

KircheReihenh§userDubnica

und wird erst nach einem Stück fünf- und achtgeschossig, während sie rechts noch später mit achtgeschossigen Punkthäusern beginnt, die dann locker hinter einer zweigeschossigen Ladenzeile am Boulevard angeordnet sind.

PunkthäuserDubnica

Wo sich eine Grünachse quer zur Straße nach links öffnet, auf ein Kaufhaus zu und weiter in die Bebauung hinein, hat dieser Teil des Zentrums seinen schönsten Moment:

PaarBushaltestelleDubnica

auf der Wiese vor einer großen Weide lagert ein Liebespaar aus Stein und beidseits der Straße stehen Bushaltestellen. Obwohl nicht mehr als zwei schlanke П-förmige Stahlstützen, die eine stählerne Sitzbank und ein Dach und eine Rückwand aus blauem Wellblech halten, sind diese wie Symbole von Dubnica.

Eine große querende Straße, Obrancov Mieru (Straße der Verteidiger des Friedens) die Dubnica mit seinen Nachbarstädten verbindet, bildet den deutlichen Abschluß dieses Teils der Stadt. Auf der anderen Seite wird die Bebauung mit zwölfgeschossigen Punkthäusern einerseits höher denn je, andererseits stehen dort letzte Häuschen des Dorfs, das Dubnica einmal war.

UnterführungDubnica

Eine Unterführung schafft die Verbindung zwischen den Straßenseiten. Rechts neben dem erhaltenen dörflichen Straßenzug ist der Námestie Matice Slovenskej, der Mittelpunkt der Stadt. Seine etwa quadratische Form ist umgeben vom einem großen stalinistischen Schulbau noch diesseits der großen Straße im Nordwesten

SchuleDubnica

und einem Kaufhaus, braungekachelt und dreigeschossig, die Seiten aber einmal zwei-, einmal eingeschossig abgeschrägt endend, und einer flachen Bankfiliale, an die ein neungeschossiges Terrassenhaus, das Hotel Filegor, anschließt, im Südosten.

NámestieDubnica

Die einstige Gestaltung des Platzes ist nur zu erahnen, er wurde wohl in der sozialistischen Zeit auch nie fertig. Es spricht für die heutige Slowakei, daß das neuere Gebäude im Südwesten die Terrassenstruktur des Filegor aufnimmt, und gegen sie, daß das Gebäude im Nordosten eine Betonruine blieb.

RohbauDubnica

Zwischen Kaufhaus und Bank geht es weiter, im Hintergrund zwölfgeschossige Punkthäuser. Rechts gegenüber des Hotels beginnt eine flache Ladenzeile.

LadenzeileDubnica

Sie ist beinahe nur ihr breites freischwebendes Dach, bietet nach rechts Durchblicke und Verbindungen zur Poliklinik und grenzt links an Grünanlagen, die bald zu einem Park werden. Hier kommt auch der Bach wieder zum Vorschein, nun aber in weit naturnäherem Bett und als Teil der Parklandschaft, die nahtlos ins Grün zwischen den Zwölfgeschossern überfließt.

ParkDubnica

Weiter rechts, ebenfalls nicht weit vom Platz, ist ein Hügel, Háj, Hain, genannt, der teils von einem Schulgelände, teils von einem weiteren Park eingenommen wird. Die Wohnbebauung, nun fast ausschließlich achtgeschossig, und vielleicht etwas eintöniger und enger, legt sich um diesen Hügel und entsprechend heißt die Gegend Sídlisko pod Hájom, Wohngebiet unter dem Hain. Eine gar nicht große Straße, die an der großen Obrancov Mieru beginnt und endet, führt etwa hufeisenförmig durch diese Wohngebiete und speist kleine Erschließungsstraßen, während die Fußwege davon völlig unabhängig sind. In regelmäßigen Abständen stehen an der Straße auch weitere der markanten Bushaltestellen.

BushaltestelleDubnica2

Kommt man so wieder an die große Straße, überraschen dort fünfgeschossige Gebäude mit Satteldach, die so wenig wie die Schule zuvor zur Stadtstruktur, die die Bedeutung dieser, und jeglicher Straße, gerade zu minimieren sucht, passen will.

ObrancovMieraDubnica

Sie sind offensichtlich Teil einer älteren Planung. Neben dem Gebäude zweigt die Pionierská ab und führt hinein in ein ganzes frühes Wohngebiet, das sich an ihr und der kreuzenden Bratislavská ausbreitet. Es besteht aus einfachen dreigeschossigen Gebäuden mit Satteldach, die in recht großem Abstand aufgereiht sind. Dort, wo die Bratislavská schräg auf die Obrancov Mieru stößt, bilden zwei um ein ehemaliges Uhrtürmchen schräg aneinandergesetzte Gebäude sogar eine Eingangssituation, die aber schon lange zugebaut ist.

EingangsbauDubnica

Das Zentrum dieses Teils bildet eine Grünachse parallel zur Pionierská, die auf das Dom Kultury (Kulturhaus) zuführt, ein monumentales Gebäude mit Rundbögen im Erdgeschoß, das auf bis zu fünf Geschosse ansteigt.

DomKultúryDubnica

Der Platz vor ihm jedoch tut alles, diese spätstalinistische Monumentalität zu mildern.

UradMiastaPoštaDubnica

Zwischen Beeten stehen, durchaus hübsche, Denkmäler für Alexander Dubček (vielleicht weil auch er die Eiche, Dub, im Namen trägt?) und die Städtepartnerschaft mit Otrokovice, Zawadzkie und Vác. Rechts das Urad Mesta (Stadtverwaltung), ein einfacher dreigeschossiger Bau, dessen beiden Obergeschosse an der platzseitigen Ecke als verglaster Würfel überstehen. Unterhalb davon an der Schmalseite sind eine weiße Wellenstruktur, eine Metallschale und eine Gedenktafel als schlichtes Denkmal für die Befreiung von Dubnica durch die sowjetische und rumänische Armee.

SowjetischesEhrenmalDubnica

Links die Post, ein zweigeschossiger Bau, der neben dem Eingang einen überdimensionierten Poststempel mit einem Datum, vielleicht dem der Grundsteinlegung oder Eröffnung, trägt,

PoštaDubnica

und dahinter ein Kaufhaus mit einer roten Gitterfassade. So entsteht hier ein administratives und kulturelles Zentrum, das zwar nicht weit von den übrigen Teilen der Stadt und auch nicht schlecht mit ihnen verbunden ist, aber doch einen anderen Charakter hat. Vielleicht muß man für diesen Bruch dankbar sein, da man so den Fortschritt von der ersten Planung, die einerseits nicht städtisch-dicht genug ist, andererseits aber an der aus dem 19. Jahrhundert stammenden Vorstellung einer Verkehrsachse als Boulevard festhält, zur neuen Form der Urbanität, die Dubnica ausmacht, einen entscheidenden Fortschritt also, erleben kann.

Dubnica zeigt beispielhaft, wie eine Stadt für 25.000 Einwohner geplant werden kann: ein Kern dichter, aber offener mehrgeschossiger Bebauung, darum einige Einfamilienhäuser und Datschen, Ausnutzung der landschaftlichen Gegebenheiten, Aufheben des Alten, Trennung von Fahrzeug- und Fußgängerverkehr, Schaffung unverwechselbarer Plätze und Fußgängerachsen und alles eingebettet in Grünflächen und Parks.

DubnicaBlick

Wie tragfähig das grundlegende städtebauliche Konzept ist, kann man auch daran sehen, daß im Südwesten an der hufeisenförmigen Erschließungsstraße noch heute neue Wohngebäude gebaut werden.

NeueGebäudeDubnica

Als größtes Problem bleibt auch in Dubnica die große Straße, obwohl die Unterführung an genau der richtigen Stelle ist und ganz selbstverständlich frequentiert wird. Und einen Bahnhof, der seiner würdig ist, hätte es auch verdient.

Advertisements