Klosterneuburg in einer Villa

Es gibt Gebäude, deren Perfektion man gleich beim ersten Blick erkennt. So diese Villa in Klosterneuburg.

BlickSachsengasseVillaKlosterneuburg

Sie ist bei diesem ersten Blick nur eine rechteckige weiße Wandfläche mit einem großen Fenster, die sich nur ganz leicht schräg, aber doch ganz deutlich von links in die Achse der steilen Sachsengasse schiebt.

VillaKlosterneuburg

Beim Näherkommen sieht man ein halb im Hang verstecktes Sockelgeschoß, einen freistehenden steinverkleideten Kamin und einen Balkon, der von diesem und dünnen weißen Stützen getragen wird, doch das ist unwichtig. Diese Villa ist nur diese weiße Wand mit Fenster und die Aussicht daraus.

Nun gibt es Häuser, die weiter oben am Nordhang des Leopoldsbergs stehen und eine bessere, umfassendere Aussicht haben. Es sind größtenteils auch keine Villen, sondern vermischte Einfamilienhäuser oder Gartenlauben, die so errichtet sind, als wüßten sie von der Aussicht nichts und das vielleicht auch nicht tun. Es gibt sogar hoch oben auf einem riesigen kahlen Grundstück den traurigen Anblick eines neuen Fertighauses der billigsten Machart, das ein Drittel seiner Fassade für eine Doppelgarage verschwendet.

TraurigesHausKlosterneuburg

Doch auch die wenigen neueren Villen, die offenkundig um sie wissen, haben eine Aussicht, die sich nicht auf Klosterneuburg beschränkt, sondern die gesamte Donaulandschaft nördlich von Wien umfaßt.

BlickKlosterneuburgKorneuburgUmgebung

Die ist am Tag ein trostloses Suburbia und in der Nacht ein Lichtermeer. Tags wie nachts aber ragt das Kraftwerk in Korneuburg am rechten Ufer so prominent aus ihr wie das Stift Klosterneuburg am linken. Und das ist der Unterschied zur Villa.

Durch das Fenster in der weißen Wand sieht man nicht einmal nur Klosterneuburg, nein, man sieht nur das Stift.

BlickVillaStiftKlosterneuburg

Das Wahrzeichen der Stadt, der Grund und jahrhundertelang auch einzige Inhalt seiner Existenz, in diesem Fenster ist es wie gerahmt. Eigentlich ist das gar kein Fenster, sondern ein Bilderrahmen um das Stift Klosterneuburg. Die Türme und Kuppeln des Stifts werden in die Villa hineingeholt, Romanik, Gotik, Barock werden Teil dieser scheinbar so kühlen Architektur aus den Fünfzigern, Sechzigern. Das ist architektonische Perfektion.

Es ist allerdings eine Perfektion, die gänzlich unproduktiv bleibt. Die Villa nimmt sich das Beste der Stadt, gibt aber nichts zurück. Das kann sie auch nicht, sie ist bloß ein privater Wohnsitz auf einem privaten Grundstück, den nichts grundsätzlich von seiner banalen Umgebung unterscheidet. Nicht einmal Lehren kann man aus ihr ziehen, da Gebäude, die einer größeren Zahl Blicke auf Klosterneuburg schenkten, ganz anders aussehen müßten. So handelt es sich um eine zutiefst bürgerliche, elitäre Architektur, um ein ganz nutzlos strahlendes Kleinod.

Unweigerlich wünschte man sich, daß der Erbauer jemand gewesen sein möge, der dem Gebäude gerecht würde, ein wegen Verfehlungen des Stifts verwiesener Mönch, der ihm dennoch nahe sein wollte, letzter dekadenter Sproß eines uralten Adelsgeschlechts, ein verhinderter Prinz Eugen, der sich wenigstens ein zeitgemäßes Belvedere bauen ließ. Die Realität wird, wie meist, prosaischer sein: ein Bauherr mit viel Geld und genug Geschmack, einem Architekten, der ein wenig von seiner Zeit begriffen hatte, beim Bau freie Hand zu lassen. Aber es sind eben Gebäude wie dieses, die die Phantasie anregen.

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