Über Braunkohletagebau

Eine Doppelseite aus dem Bildband „Československo“ (Tschechoslowakei):

Aus Československo, Praha/Bratislava 1988

Aus Československo, Praha/Bratislava 1988

So ist der Abschnitt über den nordböhmischen Bezirk eingeleitet, in dem sich sonst Bilder von Landschaften und alten und neuen Städten abwechseln. Entsprechende Bilder, schön und malerisch, wie es sich für einen Bildband eben gehört, sind auch vorher zu sehen, so daß dieses einleitende Bild wie ein Schock wirkt. Es zeigt die wichtigste Industrie des Bezirks, den Braunkohletagebau, in einer äußerst direkten, harten Weise und frei von jeglicher Schönheit. Durch die nebenstehendne Worte des Dichters Ilja Bart aber bekommt es einen viel weitergehenden Sinn:

Kraj, jehož cesta k ráji
vede přes hřbitov
a jehož kosmická záře
stoupá z podzemních hlubin
Gegend [oder auch Bezirk], deren Weg zum Paradies
über einen Friedhof führt
und deren kosmischer Glanz
aus unterirdischen Tiefen aufsteigt

 

So entsteht ein vollendeter Ausdruck eines spezifisch sozialistischen Blicks auf den Braunkohletagebau. Selbstverständlich wurde immer dessen entscheidende Bedeutung für die Energiegewinnung betont, aber mit Megawattzahlen allein ist schwer Begeisterung auszulösen. Die klügsten Autoren, die sich dem Thema widmeten, betonten deshalb die landschaftsverändernden Auswirkungen des Tagebaus. In den Worten Barts klingt das, gerade in Verbindung mit dem Bild, schon ein wenig an: aus der Landschaft, die ein Friedhof war, wird ein Paradies, aus der kahlen zerstörten Landschaft eine umso schöner aufblühende.

In seiner Einleitung zum Bildband „Cottbus“ von 1979 führt Hans-Hermann Krönert den gleichen Gedanken weiter aus. Er setzt die vom Tagebau bewirkten Veränderungen in Zusammenhang mit den Parkplanungen des Fürsten Pückler im 19. Jahrhundert. So wie dieser die Natur zu seinem Privatvergnügen veränderte, verändert der Sozialismus sie zum Nutzen aller. Und wenig verändert die naturgegebene Landschaft so sehr wie der Braunkohletagebau. Für die Niederlausitz aber ist das ein Gewinn: „Wo die Landschaft wenig natürlichen Reiz besitzt, wird der Mensch ihr neue Reize zu seinem Nutzen abgewinnen.“

Das prominenteste Beispiel für eine solche Umgestaltung der Landschaft im Gefolge des Braunkohletagebaus war in der DDR der Senftenberger See, der zwischen 1968 und 1973 entstand. Direkt südlich der Stadt Senftenberg gelegen, umfaßt er eine 1200 ha große Wasserfläche, große Strandbereiche und Naturschutzgebiete. Senftenberg selbst, eine ziemlich banale Kleinstadt, richtete sich ganz auf den See aus, nannte sich sogar „Senftenberg am See“. In seinem Buch „Rund um die Natur“ erzählt Reimar Gilsenbach von Stadt und See, die sich füreinander schön machen, als Märchen, das Wirklichkeit wird. Dazu gibt es eine Illustration von Rainer Sacher:

Aus Gilsenbach, Reimar: Rund um die Natur, Berlin 1982

Aus Gilsenbach, Reimar: Rund um die Natur, Berlin 1982

Die Realität blieb dahinter ein wenig zurück, aber Senftenberg wuchs tatsächlich am See entlang. Westlich der kleinen Altstadt mit ihrer großen backsteingotischen Kirche entstand ein Wohngebiet, das sich entlang der Schwarzen Elster,  die hier nur durch einen schmalen Streifen vom See getrennt ist, erstreckt. Die fünfgeschossigen Gebäude sind als lange eckige Mäander zu Fluß und See ausgerichtet und führen auf ein zehngeschossiges Gebäude zu, das die Dominante des Wohngebiets und seines Zentrums bildet. Einem nicht unwesentlichen Teil der Senftenberger Bevölkerung, Menschen, die auf die eine oder andere Art vom Braunkohletagebau lebten, wurden so Wohnungen gebaut, von denen sie auf die langsam entstehende neue Landschaft, die auf den Tagebau folgt, blicken konnten.

Das große Ziel des Sozialismus, eine neue Welt zu schaffen, wurde im Braunkohletagebau zum sehr konkreten Schaffen einer neuen Landschaft. Um das zu begreifen, ist allerdings ein Denken in Jahrzehnten, letztlich sogar Jahrhunderten nötig, denn bevor die neue Landschaft geschaffen werden kann, wird die alte eben völlig zerstört. Und nicht alle hatten es so gut wie die Senftenberger, denen das Ziel, die neue bessere Landschaft, der See, zu Füßen lag. Deshalb zeigt der Braunkohletagebau auch ein Problem des Sozialimus: er meinte, Zeit zu haben. Viele Menschen sahen eben, verständlicherweise, nur den gegenwärtigen Friedhof und nicht das kommende Paradies. Die alte Landschaft, so reizlos sie auch gewesen sein mochte, konnten sie sich angesichts der Zerstörung eher vorstellen als die neue, so viel schöner sie auch werden mochte.

Auch nach dem Ende der DDR wurden die Planungen für weitere Seen, ebenso wie der Braunkohletagebau, weitergeführt. Es entsteht ein ganzes sogenanntes Lausitzer Seenland nach dem erfolgreichen Vorbild des Senftenberger Sees. Die Pläne sind ambitioniert, Kanäle, teils Tunnel für Sportboote sollen die Seen miteinander verbinden. Man könnte sagen, der neue kapitalistische deutsche Staat erntet, was der sozialistische säte. Bloß ist nicht mehr ersichtlich, wer die neuen Seen eigentlich nutzen sollte. Die Vorstellung, genügend Touristen kämen ausgerechnet in die Niederlausitz, um an neuen Seen ihre Freizeit zu verbringen, wenn es weiter nördlich, in Brandenburg und Mecklenburg so viele ältere Seen mit etablierter touristischer Infrastruktur gibt, wirkt reichlich illusorisch und für die verarmende und sich entvölkernde Niederlausitz selbst sind gar so viele Seen eigentlich nicht nötig. Auch die paradiesischste Landschaft ist letztlich ein Friedhof, wenn in ihr keine Menschen sind.

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