Erkundungen auf Friedhöfen: Die moderne Gruft

Auf dem Hietzinger Friedhof in Wien, der, abseits von Schönbrunn gelegen, bei Adel und Großbürgertum sehr beliebt war, gibt es viele Gruften, aber keine ist wie die der Familie Huber. Sie steht wenig prominent an der Wand der untersten Terrassenstufe des Friedhofs und tut auch sonst nichts, um auf sich aufmerksam zu machen. Übersehen aber kann man sie nicht.

GruftHuber

Ihre rechte Hälfte wird fast völlig von der großen Grabplatte eingenommen, die sich von denen der Nachbargräber nur durch ihren roten Sandstein unterscheidet. Auf der Platte wäre Platz für viele Namen, aber es gibt bloß vier, die auf kleinen dunklen Metallschildern stehen, der erste von 1963. Hinter ihr steht auf einer niedrigen Bordüre aus rotem Stein in schwarzen Metallbuchstaben „Familie Huber“ und rechts ist auf einem kleinen Steinblock eine schlichte eckige Laterne. Doch noch hinter der Bordüre erhebt sich eine Wand, die ganz mit vertikal angeordneten rechteckigen Plättchen aus rauem roten Stein verkleidet ist. Sie verläuft in einer leichten Welle, so daß aus dem Zwischenraum verschiedene Schlingpflanzen an ihr emporwachsen können. Die Wand wird abgeschlossen von einem dünnen Betondach mit Metallrand, das halbrund beginnt und dann als schmaler Streifen nach links verläuft. Dort schließt an die gewellte Wand eine gleichartige etwa halbrunde an, während sich das Dach in einem etwa runden Teil fortsetzt.

GruftHuberPietà

In der so entstehenden offenen Nische steht eine Pietà aus rotem Stein, der beim quadratischen Sockel rau ist, während er bei ihren schlichten und realistischen Figuren, der sitzenden Maria und dem Jesus auf ihrem Schoß, glatt und gesprenkelt wird. Darüber hat das Dach einige  kleine Oberlichter aus Glas und es ist, als würde es der Pietà zum Heiligenschein. Den Abschluß des Gruftensembles bildet ein dunkelstämmiger Baum, der ganz links vor dem Ende der Wand aus einem efeubewachsenen Beet aufwächst.

Das Grab der Familie Huber ist also keine Gruft im klassischen Sinne, da es keinen allseits umschlossenen Raum gibt. Dennoch ist es eine Gruft, da es wie eine solche als Gebäude wirkt.

GruftHuberDach

Während die alten Gruften ganz wie die Villen ihrer reichen Erbauer alle überkommenen Stile, Barock, Gotik, Klassizismus, plünderten, gleicht diese Gruft den modernen Villen, die in den Fünfzigern und Sechzigern entstanden und in einer von denen vielleicht auch die Textilindustriellenfamilie Huber lebte. Doch während es alte Gruften überall und in großer Zahl gibt, ist diese moderne Gruft eine große Ausnahme.

GruftenHietzing

Wie kam es, daß die Gruftarchitektur mit der übrigen Architektur nicht schritt hielt? Zum einen ist Architektur für den Tod offenbar zwangsläufig konservativer als Architektur für das Leben. Strenge Sachlichkeit zogen die entsprechenden Kreise für ihre Villen in Erwägung, da sie eben modisch war, nicht aber für ihre Gruften. Zum anderen wurden Gruften als solche unpopulär. Die Gruft war das Produkt einer Zwischenzeit, in der das Bürgertum den Adel imitierte. So wie die bürgerlichen Villen Nachahmungen der Schlösser waren, waren die Friedhofsgruften Nachahmungen der Kapellen, in denen sich der höchste und älteste Adel auf seinen Landsitzen bestatten ließ. Als der Adel unwichtig wurde und der Einfluß des Sozialismus das Bürgertum zwang, sich etwas egalitärer zu geben, verschwand die Gruft und auf den Friedhöfen kam es zu einer gewissen Nivellierung. Kitsch ersetzte die Monumentalität. Reichtum wurde weniger sichtbar und bedeutete nun vor allem, eine Dauergrabstätte zu haben.

Nur die Familie Huber und ihr Architekt unternahmen einen späten Versuch, die Tradition der Gruft fortzuführen und zu erneuern. Obwohl sein Ergebnis ganz logisch und folgerichtig ist, wirkt es durch seine Vereinzelung überraschend und fremd. Einen schöneren Abgesang hätte man dem Gebäudetyp Gruft nicht wünschen können.

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