Ein Missing Link

In der Lerchenfelder Straße im 7. Bezirk ein Gebäude aus den Zwanzigern, klarer als man das in Wien erwartet Art Déco:

LerchenfelderStraße35

Über die ersten beiden Geschosse stilisierte Säulen, die aber nur aus halbrund aus dem grauen Putz ragenden blauen Streben gebildet sind und etwas von Filmkulisse oder auch Kinosaal haben, darüber zwei Geschosse mit halbrunden Erkern, deren vertikale Streben aber von horizontalen Streifen unterbrochen sind, so daß sie weniger Erker als eine Wellenstruktur sind, darüber ein vorgesetzter Gitterbalkon, über dem die Vertikalen der Erker als halbrunde Fenster enden, und noch darüber das Dach, das aber mit weiteren Balkonen beginnt.

Das Gebäude fiele zwischen einer Mietskaserne von 1900 und einem Gemeindebau von 1983 auf jeden Fall auf, doch es gelingt ihm sogar, zu überraschen: „Fecit 1913 Arch. Hans Prutscher“ steht auf der Fassade. Statt eines für seine Zeit, wenn auch vielleicht nicht für seinen Ort, typischen Gebäudes handelt es sich um eines, das seiner Zeit um zehn Jahre voraus war. Man vergleiche etwa dieses Eckgebäude in Kraków von 1928 mit sehr ähnlichen Erkern

KrakówŁobzowskaSłowackiego

oder auch das Gebäude von Ladislav Tisa in Bratislava, das 1932, also fast 20 Jahre später, entstand.

LadislavTisaGalanterieBratislava

So stellt das Gebäude am Neubau eine Verbindung zwischen den beiden wichtigsten konservativen Architekturstilen des ersten Drittels des 20. Jahrhunderts, Jugendstil und Art Déco, her. Es ist ein Missing Link.

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