Das sozialistische Einkaufszentrum – СПЕНС

Јеde im Kapitalismus entstandene Gebäudeart läßt sich auch für sozialistische Zwecke verwenden. Dafür, wie das mit dem Kaufhaus geschah, lassen sich in vielen Städten der sozialistischen Welt Beispiele finden. Das Einkaufszentrum, die shopping mall, aufzuheben, bleib aber Jugoslawien, dem Staat der sozialistischen Marktwirtschaft, vorbehalten. So entstand in Novi Sad das СПЕНС (SPENS, benannt nach der Tischtennismeisterschaft, anläßlich der es 1981 eröffnet wurde).

СПЕНСEingangUnten

Es ist ein ausgedehnter Gebäudekomplex in der Form eines Rechtecks, was man aber nicht erkennt, da man ihn von nirgendwo ganz überblicken kann.

СПЕНСCafés

Entsprechend seinen beiden Funktionen hat es auf der einen Seite vielerlei Cafés und Läden im Erdgeschoß, während es sich auf der anderen Seite mit vielen Sportplätzen und dem Außenbereich des Schwimmbads zum Station öffnet. Doch seine Einladung an den Besucher sind die großen Treppenanlagen, die, meist gleich Segmenten von Amphitheatern um die Ecken gesetzt, an mehreren Stellen über den hohen Sockelbereich auf Terrassenflächen vor den Eingängen führen.

СПЕНСTreppen2

Auf dieser Ebene erhebt sich das eigentliche Gebäude meist zweigeschossig, wobei sich das schwer sagen läßt, da es eher ein System verbundener Hallen ist. Die Dächer wirken allesamt wie freischwebend und sind teils abgeschrägt, weiß verkleidet und dickrandig, teils filigrane Konstruktionen aus dünnen orangegelben Stahlrohren und dunklem Plexiglas.

Betritt man das СПЕНС nicht über eine der Treppen, sondern bei den Geschäften im Erdgeschoß, erlebt man es zuerst als recht öde und lichtlose Einkaufspassage.

СПЕНСEinkaufspassage

Doch bald schon öffnet sich ein erster Lichthof über alle Obergeschosse bis zum gläsernen Dach.

СПЕНСLichthof1

Die Hydrobeete mit ihren exotischen immergrünen Pflanzen, die plätschernden Brunnen, der glatte weiße Stein auf dem Boden, die Rolltreppen, die dicken grünen Belüftungsröhren, die sich unter dem Dach hinziehen – so mögen Einkaufszentren in den Siebzigern überall ausgesehen haben, aber dann ist da ein in mehreren Stufen vertiefter Sitzbereich ohne Sinn für den Einkauf und hinter der Scheibe links kann man Leuten beim Basketballspiel zusehen. Der zweite Lichthof ist mit großen verglasten Wandflächen ganz nach außen geöffnet, eine Treppenanlage verbindet das Erdgeschoß, wo eine monströse Plastik das Schlechteste der jugoslawischen Kunst repräsentiert, mit der Hauptebene, die von vielen verglasten Ladenräumen, etwa der Gradska kafana (Stadtcafé), flankiert wird.

СПЕНСLichthof2

Von diesen Höfen, die man auch Plätze nennen könnte, erschließen großzügige begrünte Gänge, die man auch Gassen nennen könnte, die unzähligen Hallen und Räume für jede nur erdenkliche Sportart.

СПЕНСGang

Das Fortschrittliche am СПЕНС ist jedoch nicht zuerst seine überraschende Verbindung von Einkauf und Sport, sondern eher, wie es einen Innenraum schafft, der dennoch öffentlich und nach außen, zur Stadt hin orientiert ist. Entscheidend dafür ist seine Einordnung in den städtischen Raum.

СПЕНСStraße

Zwar gibt es jenseits der kleinen Straße, die ein Stück durch das Gebäude führt, ein Parkhaus, aber grundsätzlich richtet sich das СПЕНС an die Passanten. Die beiden Teile, Einkauf und Sport, sind auch jeweils anderen Teilen der Stadt zugewendet: ersterer ihren älteren Gegenden, den schattigen Straßen aus der jugoslawischen Monarchie, durch die es nicht mehr weit zum Boulevard, zum Donauufer, zum alten Zentrum ist, zweiterer aber, über Stadion und viele Sportanlagen hinweg, den Wohngebieten des sozialistischen Jugoslawien und dem Bulevar Oslobođenja.

СПЕНСBlickWohngebiete

Gewiß genügt ein einzelnes Gebäude, sei es auch noch so gelungen, nicht, eine so komplizierte und disparate Stadt wie Novi Sad zu einer Einheit zu machen, aber der Versuch allein ist von Wert und zeigt, was ein Einkaufszentrum, richtig, sozialistisch verstanden, wollen kann.

Modell des vom Institut für Architektur und Urbanismus der Architektonisch-urbanistischen Fakultät Sarajevo und „Monter“ Split errichteten Gebäudekomplexes

Modell des vom Institut für Architektur und Urbanismus der Architektonisch-urbanistischen Fakultät Sarajevo und „Monter“ Split errichteten Gebäudekomplexes

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