Der Engel der Geschichte in der Oberfinanzdirektion

Zu den Bemühungen, fortschrittliche Architektur als patrimoine, heritage oder eben, wie es im Deutschen so unelegant heißt, Denkmäler zu schützen:

Einerseits wünsche ich ihnen allen Erfolg, damit es spätere Generationen bei ihrer archäologischen Entdeckung nicht noch schwerer haben als schon ich Spätgeborener.

Man nehme die Oberfinanzdirektion in Frankfurt.

OberfinanzdirektionFrankfurt1

Ein ganz einfaches Gebäude, langer rechteckiger Grundriß, elfgeschossiger Baukörper, flaches Dach, regelmäßige quadratische Fenster, die Verkleidung ganz aus Kacheln in herbstlichen Braun- und Rottönen. Doch in der linken Hälfte, auf vielleicht einem Fünftel der Länge, vorgesetzt ein Treppenhaus, dessen äußere Wand einen leichten Schwung hat, während die Seitenwände ganz aus Glas sind und den Blick auf eine großzügige Wendeltreppe freigeben.

OberfinanzdirektionFrankfurt2

Und rechts vorgesetzt ein zweigeschossiger Eingangsbau, das Erdgeschoß links in schmale Stützen aufgelöst und rechts mit den Kacheln verkleidet, das Obergeschoß eine Fensterfront unter einem Pultdach, rückwärtig ein leicht abfallender verglaster Verbindungstrakt zum Gebäude hin.

OberfinanzdirektionFrankfurtVorbau

Und vor dem Gebäude zum Bogen der Adickesallee eine große Grünfläche. Das so einfache Gebäude bekommt durch die Vertikale des Treppenhauses, die Horizontale des Eingangsbaus und den Raum davor Leben und Charakter und wird zu einem archetypischen Ausdruck der westdeutschen, ach, westeuropäischen Architektur der fünfziger Jahre. Wie könnte man es nicht lieben und wie könnte man nicht bedauern, daß es abgerissen wird?

Andererseits geht bei der Bemühung um die Erhaltung von patrimoine, heritage, Denkmälern allzuleicht der Blick auf größere Zusammenhänge verloren. Die Oberfinanzdirektion in Frankfurt, um bei diesem Beispiel zu bleiben, ist ein hinreißend schönes Gebäude, aber sie ist nicht mehr. Sie ist trotz ihrer Größe ein Kleinod. Der Stadt gibt sie nichts. Der Raum vor ihr repräsentiert Offenheit und Großzügigkeit bloß, ist aber in keiner Weise nutzbar. Sogar gut zu sehen ist sie nur von einem kleinen Teil der Adickesallee und vielleicht noch von der Kreuzung mit der Eckenheimer Landstraße. Und was für ein Staat repräsentiert sich ausgerechnet in einer Oberfinanzdirektion? So schön sie ist, man lernt nichts von ihr, sie schafft nichts Neues.

Es ist leicht, den Impuls des Denkmalschutzes zu verstehen. Aber es ist der Impuls von Walter Benjamins Engel, der die Geschichte als Trümmerhaufen sieht und das Zerschlagene zusammenfügen will. Vieles von diesem Zerschlagenen ist auch unendlich schön. Trotzdem, und gerade deshalb, kommt es darauf an, die „Kette der Begebenheiten“ (Benjamin) statt der einzelnen Trümmer zu sehen.

Wenn, anders als bei der Oberfinanzdirektion, etwas wirklich Neues und Wertvolles zerstört wird, dann heißt das, daß die gesellschaftliche Grundlage dieses Neuen und Wertvollen nicht mehr besteht. Einzelne Trümmer einer untergegangenen besseren Gesellschaft erhalten zu wollen, ist ein besonders trauriges und letztlich ohnedies vergebliches Unterfangen. Hier gilt das Wort von Walter Womacka:

„Nun ist das Wandfries am Haus des Lehrers inzwischen so alt, wie es die DDR wurde. Es scheint älter zu werden. Das freut mich. Wäre es umgekeht gekommen, freute es mich mehr.“ (Womacka, Walter: Farbe bekennen – Erinnerungen eines Malers, Berlin 2004, S. 174)

Advertisements

Ein Gedanke zu „Der Engel der Geschichte in der Oberfinanzdirektion

  1. Pingback: „Zur Erinnerung an den Vandalismus früherer Jahrhunderte“ | In alten und neuen Städten

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.