Alfeld an der Leine

Wer Alfeld kennt, der kennt es wahrscheinlich wegen des Fagus-Werks, das dort ab 1911 nach Entwürfen von Walter Gropius errichtet wurde. Wichtiger für die Stadt ist jedoch eine andere Fabrik.

Wenn man sich dem Stadtzentrum vom Bahnhof, über die Leinebrücke nähert, sieht man zuerst das Gelände der Papierfabrik.

PapierfabrikAlfeld

Große Gebäude, ein Gewirr von Rohren und über allem ein 150 Meter hoher Schornstein aus Beton – ein moderner Industriebetrieb. Erst später sieht man etwas rechts des Schornsteins auch die beiden gotischen Türme der Kirche. Bald steht man dort, wo nebeneinander die Eingänge zur Fabrik und zur Stadt sind.

FabrikStadtAlfeld

Links geht es auf das Fabrikgelände, entlang an einem schlichten und eleganten Bau aus den Fünfzigern, dreigeschossig, das Erdgeschoß verglast oder offen hinter Stützen zurückgesetzt, die sich in den vertikalen und horizontalen Streben der Obergeschosse fortsetzen, das Dach überstehend. Rechts geht es zwischen einem Fachwerkhaus und historistischen Gebäuden des 19. Jahrhunderts in die Stadt, die den Hang oberhalb der Fabrik einnimmt.

Getrennt sind beide dort, wo einst die Stadtmauer verlief, von einem Wassergraben und einer Straße.

ZwischenStadtUndFabrikAlfeld

Städtebaulich ist das recht geglückt, da so direkt hinter den Geschäften der Fußgängerzone, die parallel verläuft, Parkplätze angeordnet werden konnten.

Die Fußgängerzone, die Leinstraße, zieht sich durch die gesamte Länge der Altstadt.

LeinstraßeAlfeld

Sie besteht vor allem aus banalen, vielfach umgebauten Fachwerkhäusern mit zwei, drei Geschossen. Etwa in der Mitte kommen dazu auf der linken Seite zwei viergeschossige Bürogebäude aus den Sechzigern, Siebzigern.

LeinstraßeAlfeld2

Über allem ragt aber immer der Schornstein und es ist ganz normal, daß ein Fachwerkportal in einen schaufenstergesäumten Gang führt

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und man an dessen Ende auf Rohre der Papierfabrik blickt.

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Nur wenige Querstraßen führen von der Leinstraße den Hang hinauf. Über eine in der Mitte gelangt man auf den Marktplatz. Sein großzügiger, leicht abschüssiger Raum wird bestimmt vom Rathaus, einem vier- bis fünfgeschossigen Renaissancebau, der ihm seine breite Fassade mit achteckigem Treppenturm und filigran verziertem hölzernen Erker zuwendet. Sowohl der Schornstein als auch die Kirchtürme ragen jenseits des Platzes auf. Während die Fabrik unten im Tal steht, ist die Kirche fast direkt hinter dem Rathaus. Sie ist ein gotischer Bau aus rotem Sandstein, der seine mächtige Eingangsseite mit den beiden spitzen schiefergedeckten Turmhauben bloß einer kleinen Gasse zeigt. So braucht man sie nicht zu beachten. Nur einige Schritte weiter nämlich geht der Blick zwischen der Seite der Kirche und einer Reihe von Fachwerkhäuschen den Hang hinauf zum Gebäude der Lateinschule, ja, er wird geradezu dorthin gezogen.

LateinschuleAlfeld

Die Lateinschule ist ebenfalls ein Fachwerkhaus, aber eins anderer Art. Wo alle anderen bescheiden Teil der engen städtischen Bebauung sind, steht sie frei. Wo alle anderen einen schlichten Wechsel von weißgetünchten Flächen und dunklem Holz zeigen, ergänzt vielleicht von einem frommen Spruch oder farbigen Linien zwischen den Geschossen, ist sie über und über mit farbigem Schnitzwerk bedeckt. Sie hat zwei Geschosse, wobei das obere deutlich über das untere übersteht, und ein ebenfalls überstehendes Satteldach. Zwischen den rechtwinkligen Balken des Fachwerks sind Fenster oder roter Backstein. Keiner der Balken aber ist nur bloßes Holz, sondern ein jeder ist verziert mit Pilastern, die eher Illustrationen verschiedener Säulenstile als deren Nachahmungen sind, oder Karyatiden und Atlanten in weißen Gewändern und verschiedenen Stadien der Nacktheit. Unterhalb der Fenster und des Mauerwerks sind rechteckige Felder mit bemalten Holzreliefs, die sich so als Bänder um das gesamte Gebäude ziehen. Jedes der Felder enthält ein Wort oder einen Namen und ein einfaches darauf bezogenes Bild. Die behandelten Themen sind vielfältig, wobei an den Schmalseiten und an der Rückseite religiöse dominieren. So sind links etwa „D. Martinus Lutherus“ und „Philippus Melanchthon“ zu sehen, während hinten und rechts sehr viele biblische Gestalten auftreten. Jesus hat das Feld an der rechten Seite im Erdgeschoß, direkt neben der Gebäudeecke. Er ist so zwar als Abschluß einer langen Reihe von Propheten gezeigt, aber aus dieser auch nicht besonders hervorgehoben. Auf der Vorderseite nun fehlen die religiösen Themen. Stattdessen sind die Tugenden, die Musen und die verschiedenen Bereiche der Gelehrsamkeit dargestellt. In der Gebäudemitte führt eine kleine Treppe zum Eingang, den ein von zwei halbnackten Karyatiden getragener Dreiecksgiebel abschließt.

Alles an der Alfelder Lateinschule ist ein Ausdruck von Selbstbewußtsein. Sie ist ein Bau der Renaissance. Sie steht oberhalb der Kirche und ist in allem ihr Gegensatz. Wo die Kirche mit Vertikalität überwältigen will, tritt der ruhige horizontale Körper der Schule mit dem Betrachter in einen Dialog. Sie ist Ort der Bildung und zugleich auch Lehrobjekt. Um sie zu gehen ersetzt die Lektüre eines Buchs. Nicht zufällig erinnern die Reliefs an Buchillustrationen, wenn auch die früherer Zeiten.

Der Tastsinn

Der Tastsinn

Ist der Inhalt der Lehre auch außen wie innen noch vor allem religiös, so ist sie doch ein erster Schritt weg von der Religion. Alfelds Lateinschule ist städtebaulicher Ausdruck dafür, wie Bildung über Glauben gesetzt wird.

Viel mehr gibt es in der Altstadt nicht. Wo ihre Mauern waren, sind jetzt Parks, in denen historistische Schul- und Verwaltungsgebäude stehen, die einmal auch einen alten Turm einbeziehen, weiter außerhalb sind neuere Stadtteile.

Was Alfeld so besonders macht ist das unmittelbare Nebeneinander von Altstadt und Fabrik. Es ist dadurch ein perfektes Beispiel für eine kapitalistische Kleinstadt. Doch es ist, seit Luft- und Wasserfilter die gröbsten Umweltbeeinträchtigungen beseitigt haben, ein erstaunlich harmonisches Nebeneinander. Fabrik und Stadt sind wie zwei Teile eines Ganzen, sogar ihre Flächen dürften ähnlich groß sein. Es ist unmöglich, sie getrennt voneinander zu sehen. Jedes Photo der Altstadt, das den Schornstein der Papierfabrik nicht zeigt, ist eine halbe Lüge. Vielleicht gehört diese Verbindung von Stadt und Industrie zum Alfelder genius loci.

BlickLateinschuleSchornsteinAlfeld

Von der selbstbewußten Lateinschule, die die Altstadt krönt, führt ein direkter Weg zur Papierfabrik im Tal und auch zum Fagus-Werk. Die Bildung, die hier vermittelt wurde, wuchs dort als etwas Neues empor und verwandelte Alfeld für immer.

SchornsteinKirchtürmeAlfeld

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