Wiener Gebäude und die Kunst: Dampfschiffe in Aspern

„Kunst am Bau“ gibt es viele und meist handelt es sich dabei um genau das, was dieses unschöne Wort aussagt: beliebige Kunst, die auf beliebige Art an einem beliebigen Bau angebracht ist. Nur selten findet man Kunst, die wirklich in einen Bezug zu dem Gebäude, das sie trägt, oder der Umgebung, der sie sich zuwendet, steht. In dieser Reihe sollen in loser Folge besonders positive oder besonders negative oder sonstwie bedeutende Beispiele von Kunst an Wiener Gebäuden dargestellt sein. Siehe auch Das Wien der Zukunft im Jahre 1968.

Ecke Nordmanngasse/Fultonstraße im 21. Bezirk, typische Blockrandbebauung aus den Sechzigern, offenbar in letzter Zeit renoviert. Beidseits der Ecke im Erdgeschoß ist neben den blau-weißen Emailleschildern mit den Straßennamen je eine vertikale rechteckige Kachelfläche mit einem Wandgemälde.

NordmanngasseFultonstraße

Das eine zeigt links einen Offizier zu Pferde, der nach rechts zeigt, wohin sich eine große Zahl von Soldaten bewegt, und oben ein Dorf und eine Bergsilhouette. Unten steht neben der Jahreszahl 1809: „General Armand von Nordmann eröffnet die siegreiche Schlacht um Aspern.“

ArmandVonNordmannFloridsdorf

Das andere zeigt rechts einen blonden Mann im Frack, der den Zylinder zum Gruß hebt, links das Schiff „Claremont“ mit Schaufelrad, amerikanischer Flagge am Mast und hohem Schornstein, der nach oben Flammen und Rauchwolken spuckt. Unten steht neben der Jahreszahl 1807: „Robert Fulton erbaute das erste brauchbare Dampfschiff.“

RobertFultonFloridsdorf

Beide Bilder, signiert „AK 64“, sind in einem farbenfrohen, reduziert realistischen Stil gehalten. Nichts Besonderes, könnte man sagen, in Wien gibt es dergleichen dutzendfach. Doch der Unterschied hier ist, daß die Kunstwerke nicht einfach irgendwo auf der Fassade sind, sondern im Erdgeschoß, auf der Augenhöhe des Fußgängers. Dies allein schon hebt sie weit über die allermeiste Kunst in Wien, da es zeigt, daß hier jemand, Künstler oder Auftraggeber, verstand, nicht einmal unbedingt wie, sondern, entscheidender: wo Kunst sein muß, um gesehen zu werden. Während man sonst meist wie in Kirchen den Kopf in den Nacken legen muß, um die Werke zu betrachten, steht man ihnen hier wie in einem Museum gegenüber.

Der Inhalt ist da fast zweitranging, doch auch er ist nicht schlecht. Gerade dadurch, daß die Kunst sich auf Illustration der Straßennamen beschränkt, wird sie menschlich und nah. Sie kann zudem eine Anregung sein, sich über das Dargestellte näher zu infomieren. Dann erfährt man etwa, daß Nordmann ein Franzose aus dem Elsaß war, der auf österreichischer Seite gegen Napoleon kämpfte, und daß Fultons Schiff eher „Clermont“, eigentlich aber „North River Steamboat“ hieß. Wenn der Künstler nicht auch die „siegreiche Schlacht“ so harmlos und geradezu fröhlich mit gesichtslosen Soladten und zum Betrachter blickenden General gestaltet hätte, könnte sich aus der zeitlichen Nähe der weltverändernden Erfindung und des Kriegsgeschehens, der die räumliche Nähe der Bilder entspricht, noch ein lehrreicher Kontrast bilden lassen. So bleibt es bei der Information. Wenn Wien schon Straßenecken haben muß, dann wäre zu wünschen, daß es mehrere wie diese hätte.

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