Kraków Plaza

Wenn ein Einkaufszentrum explizit das Photographieren verbietet, weiß man, daß es ein Problem hat. Im Kraków Plaza ist dieses Verbot auf wohldesignten Schildern direkt neben denen, die das Rauchen verbieten, ausgedrückt und es hat das einzige Problem, das ein Einkaufszentrum haben kann: ihm fehlen die Kunden. Man merkt das nicht sofort nach dem Eintritt, aber man merkt sofort, daß etwas nicht stimmt. Das ganze riesige Einkaufszentrum ist menschenleer. Unweigerlich fragt man sich, ob man einen Feiertag übersehen hat oder es eine Bombendrohung gab. Nach und nach aber sieht man, daß durchaus einzelne Kunden durch die stillen Hallen huschen, daß auf Sofas Jugendliche mit ihren Handys herumhängen und daß viele Geschäfte geöffnet sind, allerdings bis auf die gelangweilten Verkäuferinnen menschenleer sind.

Dabei hat Kraków Plaza ein Gebäude, dem anzumerken ist, daß sich jemand, leider, etwas bei ihm gedacht hat. An der Aleja Pokoju zwischen dem Stadtzentrum und dem stalinistischen Vorort Nowa Huta gelegen, wendet er dieser eine gewellte Backsteinfassade mit runden Spielzeugtürmen zu, zeigt aber durch eine kleine Zugangsbrücke bei der Straßenbahnhaltestelle und einen künstlichen See ein gewisses Eingehen auf seine Umgebung.

KrakówPlazaAußen

Innen besteht es aus drei quadratischen Platzbereichen, die durch zwei breite Gänge verbunden sind. Sie öffnen sich jeweils über eine Galerie im zweiten Geschoß zu großen Glasdächern. Die entscheidende Idee nun, die jemand, leider, für dieses Einkaufszentrum hatte, zeigt sich in der Innengestaltung. Der erste Platz ist gotisch, Spitzbögen und ein Erker in der Galerie geben ihm sein Gepräge.

KrakówPlazaGotik

Der zweite Platz zeigt sich in Renaissanceformen und bildet mit Stadtwappen und Springbrunnen den Mittelpunkt von Kraków Plaza.

KrakówPlazaRenaissance

Beim dritten Platz, wo das Multikino und der Supermarkt sind, werden die angedeuteten Säulen blau mit silbernen Kapitellen und oben hängt ein Planetenmodell, was dem der, leider, diese Idee hatte, wohl futuristisch vorkommt. Da aber die Nachahmungen alter Stile nicht genug der Dekoration waren, hängen entlang der Erdgeschoßwände überdimensionierte Plastikfackeln. Das Bizarre an Kraków Plaza ist, daß seine Gotik und seine Renaissance nicht aus Stilfibeln stammen, sondern von einem lokalen Vorbild abgeleitet sind: der Sukiennice (Tuchhalle) auf dem Rynek Głowny, dem Hauptplatz der Altstadt.

Aus Kostrowicka, Irena/Kostrowicki, Jerzy: Polen – Landschaft und Architektur, Warschau 1980

Aus Kostrowicka, Irena/Kostrowicki, Jerzy: Polen – Landschaft und Architektur, Warschau 1980

Die Ähnlichkeit läßt keinen Zweifel. Wieso es aber eine gute Idee sein sollte, die Sukiennice in einem Einkaufszentrum nachzuahmen, wenn jeder Kunde jederzeit einfach Original sehen kann, wird für immer in dem Kopf, der das, leider, erdacht hat, verborgen bleiben. Man kann ihm, immerhin, dafür dankbar sein, daß er so die Sukiennice als Vorgängerin der Einkaufszentren erkennbar macht.

Mit dem so eklatanten Mißerfolg des Kraków Plaza hat seine Architektur aber selbstverständlich nichts zu tun. Es war 2001 das erste die erste der großen Shopping Malls der Stadt. Schon der Name ist eher unglücklich gewählt, da Polen dabei leicht an plaża, Strand, denken. Letztlich war das Problem jedoch wohl die Lage. Direkt zwischen dem Zentrum und Nowa Huta zu sein, war zu Anfang vielleicht ein Vorteil, wurde aber zum großen Nachteil, seit drei größere Einkaufszentren näher am Zentrum entstanden. So steht Kraków Plaza heute als Denkmal seines eigenen Niedergangs, eine zukünftig leerstehende Shopping Mall, die bei Urban Explorers beliebt sein wird. Wer einmal eine Art postapokalyptisches Neo-Kraków erleben will oder einfach nur einen Ort der Ruhe und Stille sucht, der besuche Kraków Plaza, solange es noch offen ist.

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