Straßenbahnhaltestelle Pötzleinsdorf

Eigentlich sehen alle Endhaltestellen von Straßenbahnlinien gleich aus, die Funktion bestimmt ja ihre Gestalt: ein tropfenförmiger Wendekreis, ein, zwei, vielleicht drei Bahnsteige. Die Herausforderung aber ist es, diese sperrigen und platzraubenden Anlagen städtebaulich gut einzuordnen. Das geschieht seltener und auch daher gleicht eben doch keine Straßenbahnendhaltestelle ganz der anderen.

Geradezu vorbildlich, wie aus dem Lehrbuch, ist die Endhaltestelle der Straßenbahnlinie 41 in Pötzleinsdorf gestaltet. Die Straße, auf der die Straßenbahn durch den teuren westlichen Wiener Vorort kam, führt fast gerade, mit nur leichtem Schwung nach rechts, weiter, so daß sie gar nicht abbiegen muß, sondern direkt links neben ihr die Fahrgäste aussteigen läßt.

StraßenbahnhaltestellePötzleinsdorf

Erst danach fährt sie um eine tropfenförmige Grünanlage mit hohen Bäumen, die zur Straße hin flach ist und zur anderen Seite mit einer roten Backsteinmauer abfällt. Da zu dieser Seite auch der Hang ansteigt, fährt sie beinahe durch einen Graben.

StraßenbahnhaltestellePötzleinsdorfWendekreis

Links, schon etwas höher am Hang, steht ein Kirchturm als vertikale Dominante. Er ist hoch und schlank, seine etwas breiteren Seiten bloßer Beton, während an seiner Vorderseite vertikale und horizontale Betonstreben große Kreuze im Backstein bilden. Da diese Dezenz offenbar nicht reicht, ragt auch aus dem Dach noch ein Kreuz. Neben dem Turm ist oberhalb der Straßenbahngleise, denen sie eine Betonwand zuwendet, eine große Terrassenebene. Erst auf dieser stehen die weiteren Bauteile der Kirche, ein schlichter zweigeschossiger Büro- und Wohntrakt in Backstein und Beton und ein eher niedriger Saal, der Seitenwände aus Backstein hat und eine breite Front, die außer dem Beton des Dachs und zweier Stützen ganz aus milchigem Glas und dünnen vertikalen Metallstreben besteht.

KirchePötzleinsdorf

Da diese Streben außen dich beieinander sind und zu den Türen in der Mitte hin größere Abstände bekommen, entsteht in dieser äußerst klaren Struktur eine große Dynamik. Wie schon beim Turm zeigt sich der Architekt hier als Meister unterschwelliger Expressivität. Da hier jedoch jeder religiöse Bezug fehlt, könnte man auch meinen, vor einer Turnhalle oder einem Kulturzentrum zu stehen. Daß man das nicht tut, ist der einzige Mangel dieses fast perfekt mit der Straßenbahnhaltestelle verbundenen Gebäudekomplexes.

Weiter rechts, neben der Straße, ist zwischen klassizistischen Eingangsgebäuden und Löwen, die denen am Stephansdom nachempfunden und entsprechend wenig bedrohlich sind, das Tor zum Schloßpark Pötzleinsdorf.

SchloßparkPötzleinsdorfEingang

Direkt von der Endhaltestelle, nach einer Fahrt, die an der Station Schottentor am Rande der Inneren Stadt begann und durch enge Vororte, Reste alter Dörfer und Villengegenden führte, betritt man so den Park, einen der wenigen englischen Landschaftsparks im sonst so französisch-barocken Wien.

StraßenbahnhaltestellePötzleinsdorfSchloßpark

Die Haltestelle und die sie ergänzende Kirche sind ihm ein würdiges Entrée, sie sind seine Nahtstelle zur Stadt.

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