Die Boulevards von Novi Sad

Novi Sad ist eine Stadt, in der man sich unmöglich zurechtfinden kann. Da es aus einer Vielzahl kleiner Orte, die ungeplant beieinander gegründet wurden und ungeplant zusammenwuchsen, entstand, ist es ein gänzlich undurchschaubares Gewirr verwinkelter Sträßchen. Orientierungspunkte, wie man sie aus anderen Städten kennt, der Verlauf einer Stadtmauer etwa, fehlen in Novi Sad völlig. Bloß vielerlei Kirchen, orthodoxe, katholische, protestantische, auch eine große Synagoge, ragen aus dem Chaos auf, schaffen aber ihrerseits keine Orientierung. Eher tragen sie noch mehr dazu bei, daß man sich mitten in der Großstadt wie auf dem Dorf fühlen kann.

KircheAlmaškaNoviSad

In der ungarischen Zeit bekam Novi Sad zwar einen Platz und an diesen eine neogotische Kirche und ein Rathaus, die auch überall sonst in Österreich-Ungarn stehen könnten, aber in den angrenzenden Straßen herrscht dennoch dörfliche zweigeschossige Bebauung vor.

Als Stadt erleben kann man Novi Sad einzig an seinen Boulevards. Die muß man suchen, um sich zu orientieren, heißt es.

Der erste entstand im ersten jugoslawischen Staat in den zwanziger und dreißiger Jahren und trug entsprechend vielerlei Namen, am längsten aber den Titos. Er erstreckt sich von der Donau im Osten bis zum etwa zwölfgeschossigen Hochhaus der Post im Westen. Zum Fluß öffnen sich gleich einem Tor zwei sechsgeschossige weiße Gebäude, die erst quer zur Straße stehen und dann schräg von ihr wegstreben. Hier wie bei manchen anderen Gebäuden des Boulevard ist es schwer einzuschätzen, ob sie vor oder nach dem zweiten Weltkrieg entstanden, aber es ist auch nicht so wichtig. Das Posthochhaus etwa wurde zwar erst 1961 fertiggestellt, aber der Architekt war schon dreißig Jahre früher prominent am Bau des Boulevard beteiligt. Der weitere Boulevard großzügig und breit, die Blockrandbebauung meist sechsgeschossig und in Formen, wie sie in der Zeit eben modisch waren, mal monumental, mal sachlich. Nördlich öffnet sich der ältere Park Dunavski, südlich ein kleiner Platz, der seine Planungsvorgaben sehr klar dadurch zeigt, daß die beiden ihn flankierenden Gebäude, wiewohl recht verschieden, höhergeführte Eckteile haben.

PlatzAmBulevar

Das markanteste Gebäude am Boulevard steht ebenfalls auf seiner südlichen Seite. Ganz mit weißem Stein verkleidet, besteht es aus einem turmartigen, von vertikalen Streben geprägten Teil und einem etwa viergeschossigen Teil mit Fensterbändern, der langgezogen und horizontal an den ersten anschließt und abgerundet endet.

VerwaltungVojvodinaNoviSad

Auf seiner anderen Seite steht völlig frei noch ein weiteres Gebäude, das einen runden Saal und zu gleich vier Seiten monumentale Stützenreihen hat. Staatliche Repräsentationsarchitektur dieser Art, die zwischen Machtdemonstration und Sachlichkeit schwankt, hätte zur gleichen Zeit, 1939, auch im faschistischen Italien entstehen können. Nachdem das Gebäude nur kurz seinen Zweck als Verwaltungssitz der Dunavska Banovina (Donau-Banschaft), einer territorialen Einheit des Königreichs Jugoslawien erfüllen konnte, beherbergt es nun schon lange die Verwaltung und das Parlament der autonomen Vojvodina. Gegenüber öffnet sich der Boulevard zwischen zwei langen Geschäfts- und Wohngebäuden zum k.u.k.-Zentrum der Stadt, was denn auch seine bemerkenswerteste städtebauliche Leistung ist.

BulevarKircheHochhausNoviSad

Besonders südlich des Boulevards, mit dem Novi Sad verspätet etwas von einer typischen kapitalistischen Stadt bekommt, entstand auch ein ganzes neues Stadtviertel, dessen meist in Blockrandbebauung, teils als Villen errichteten Gebäuden eine Art Museum der fortschrittlicheren Architekturmoden der Zwischenkriegszeit bilden.

BauhausstilNoviSad

Man sieht alles von abgerundeten verglasten Ecken über bauhausstilige Stahlrohrbalkone bis zur Dachterrasse à la Villa Savoye.

SavoyeNoviSad

Diese schattigen Straßenzüge sind mithin die einzigen, wo man in Novi Sad eine klassische europäische Urbanität erleben kann, wobei deren schlimmsten Aspekte, die Enge und das Chaos, schon gemindert sind.

Den zweiten Boulevard baute schon der sozialistische jugoslawische Staat und daher heißt er Bulevar Oslobođenja (Boulevard der Befreiung). Er erstreckt sich in Nord-Süd-Richtung vom Bahnhof zum Most Slobode, der größten Donaubrücke.

Der Bahnhof hat nur drei Gleise, tut aber durch seine Größe und Gestaltung alles, das neue Novi Sad zu repräsentieren. Von einem der Bahnsteige tritt man, vorbei an Wappen und Namen der Stadt, direkt auf die Galerie der Bahnhofshalle.

НовиСадNoviSad

Links das Restoran und das Ekspres Restoran. Ihre zwar serbokroatischen, aber international verständlichen Namen passen zur verbindenden Funktion des Bahnhofs und ihre Anordnung im Gebäude paßt zu den unterschiedlichen Funktionen der beiden Restaurants: ersteres, Ort des längeren Verweilens, hat ein Fenster zur Halle und eins zur Stadt hinaus,

RestoranBahnhofNoviSad

zweiteres, Ort für einen schnellen, vielleicht gar hektischen Imbiß während des Wartens, hat Fenster zu den Bahnsteigen.

EkspresRestoranBahnhofNoviSad

Rechts an der Wand ein abstraktes Kunstwerk. Oben das eckig gefaltete Dach, das außen noch leicht übersteht und mit schrägen Metallstreben ein Vordach über den Eingängen hält.

BahnhofshalleNoviSad

Doch vor allem direkt vor einem, direkt jenseits der völlig verglasten Front: der Boulevard. Er endet hier oder beginnt mit einer weiten Wendeschleife um ein Beet, in der die weiß-blauen Busse des Stadtverkehrs halten.

BulevarOslobođenja

Bevor man sich ganz dem Boulevard, der einem die Großstadt verheißt, zuwendet, mag man noch bemerken, daß es rechts zum Busbahnhof und weiter in einen Park geht, daß der Bahnhof die funktionale Klarheit seines Inneren von außen zeigt und noch um eine große Uhr rechts der Halle ergänzt

BahnhofNoviSad

und daß links ein Denkmal für die 1883 eröffnete erste Zugverbindung nach Novi Sad steht. Es entstand hundertundfünf Jahre später und besteht aus einer ungarischen Dampflokomotive mit jugoslawisch-sozialistischen Insignien, vor der, ohne Sockel und etwas überlebensgroß, die Bronzeplastik eines Eisenbahners steht, der mit scharfen, wettergegerbten Zügen und aufgeschlagenem Mantelkragen an den Comichelden Corto Maltese erinnert.

DenkmalBahnhofNoviSad

Dieser ausdrucksvolle, aber unpathetische Realismus tröstet auch über die banale und dekorative Abstraktion in der Halle hinweg.

Vor einem der Boulevard der Befreiung. Vielspurig, breit, aber an seinen Seiten auch viel Platz für Fußgänger und, auf eigenem, durch Bordsteine und Grünflächen abgetrennten Spuren, Fahrräder lassend, führt er in die Stadt hinein. Als ein Tor dienen ihm zwanziggeschossige Wohnhochhäuser, zwei links, eins rechts, deren rot- und graubetonene Fassaden durch vorgesetzte Balkone rhythmisiert sind, die an den Breitseiten horizontal, an den Schmalseiten aber vertikal wirken. Es ist ein beeindruckender Anblick, wenn man aus dem Bahnhof tritt. Lange jedoch hält die Begeisterung nicht vor. Es ist eben doch nur eine große Straße, ein konventioneller Boulevard, der sich von dem älteren nicht grundsätzlich unterscheidet. Zu seinen Seiten ist zwar keine Blockrandbebauung, insbesondere die Wohngebäude bieten auch oft Durchlässe in grünere Ruhebereiche, aber alles bleibt der Straße untergeordnet. Der Boulevard ist eine Schneise in der alten Stadt, nicht aber eine neue Stadt. Zum anderen Boulevard und zum ungarischen Zentrum hat er keine klaren Bezüge. Letztlich führt er nur vom Bahnhof zu den fortschrittlichen Wohngebieten im Süden, Südwesten der Stadt. Dort tut dann das Sport- und Einkaufszentrum СПЕНС sein Bestes, Verbindungen zu schaffen.

Die Wohngebiete, Liman 1-4, sind an einem rechtwinkligen Straßenraster ausgerichtet, zeigen aber viel stärker, was eine neue Stadt sein könnte. An einer Stelle an der Ulica Narodnog Fronta (Straße der nationalen Front), ist das Problem des Bauens an Verkehrsachsen sogar lehrbuchhaft gelöst. Direkt an der Straße ein viergeschossiger Verwaltungsbau, der noch sein Schild aus der Sozialistischen Republik Serbien behalten hat (selbstverständlich auf Serbokroatisch, kyrillisch und lateinisch geschrieben, Ungarisch, Slowakisch und Ukrainisch, aber im Unterschied zu neuen Schildern ohne den ungarischen Stadtnamen Újvídek).

VerwaltungsgebäudeNarodnogFrontaNoviSad

Dahinter, schon vom Verkehr abgeschirmt, ein zweigeschossiger, stark verglaster Pavillon, in dem unter anderem eine Bibliothek ist.

BibliotekaDaniloKiš

Erst dahinter beginnt mit zehn- und fünfzehngeschossigen Punkthäusern, die um einen platzartigen Grünbereich mit vielerlei Betonbänken angeordnet sind, das Wohngebiet.

PlatzNarodnogFrontaNoviSad

In den meisten Fällen jedoch grenzt die Wohnbebauung unmittelbar an die größeren Straßen. Sie besteht teils aus längeren, bis zu zehngeschossigen Gebäuden, die große Höfe bilden, und teils aus höheren Punkthäusern, die locker um offenere Bereiche stehen. Es sind vor allem diese, abwechslungsreich mit Sitzelementen, Spielgeräten und, wir sind in Jugoslawien, Basketballkörben aus Beton gestaltet, die den Wohngebieten das Neue geben.

SpielplatzNoviSad

Unterbrochen wird die Wohnbebauung manchmal von breiten Grünstreifen, in denen die Schulen sind. Die Gebäudeformen sind sehr vielfältig, oft wird ockerfarbenes Mauerwerk mit vorgefertigten Betonelementen kombiniert, und erinnern an solche in den kapitalistischen Ländern Westeuropas.

ArchitekturNoviSad

Insgesamt ist das, was das sozialistische Jugoslawien hier schuf, eher solide als revolutionär.

Jede Kritik, die man daran äußert, erscheint aber sinnlos, wenn man betrachtet, was in Novi Sad nach 1990 gebaut wurde und weiter gebaut wird.

MietskasernenNoviSad

Der gesamte Westen der Stadt nämlich wird von Mietskasernen eingenommen, die sich bloß in ihren Fassaden, nicht aber in ihrer Anlage von denen des 19. Jahrhunderts unterscheiden. Es handelt sich nicht nur um Blockrandbebauung, auch das Innere der Blocks besteht aus Schuppen mit Garagen und manchmal Hinterhäusern.

HinterhofNoviSad

Parallel zum Bulevar Oslobođenja gibt es dort einen weiteren Boulevard, der passenderweise Bulevar Evrope (Europa-Boulevard) heißt. In der Tat ist das hier Gebaute die perfekte europäische Stadt, der Traum aller reaktionären Stadtplaner, die Rückkehr ins 19. Jahrhundert. Für Novi Sad ist das eine besonders tragische Ironie, da es zuvor nie Mietskasernen gehabt hatte. Seine Blockrandbebauung war im 19. Jahrhundert dörflich geblieben und die ersten Mietshäuser waren erst in der Zwischenkriegszeit entstanden. In seinen neusten Teilen holt Novi Sad damit etwas nach, was keiner Stadt je zu wünschen war. Man findet sich dort zwar zurecht, aber es gibt absolut nichts mehr zu finden.

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