Walzerarchitektur

Wenn man die Rainergasse im 4. Bezirk von Wien entlanggeht, bemerkt man eher nicht, daß sich dort eine zweigeschossige Villa erhalten hat, deren simplen rechteckigen, in der Mitte rundbögigen Fenster im zweiten Geschoß eine Herkunft aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts erahnen lassen.

VillaRainergasse

Nach links schließt sie mit einem eigentümlich abgeschnittenen Balkon an eine Mietskaserne an, rechts ist ein neuerer Anbau, der sie gänzlich zum Mietshaus macht.

Wenn man die Villa doch bemerkt, liegt das an einem auffälligen Gebäude weiter links an der Ecke Johann-Strauß-Gasse. Die Ecke selbst ist freigelassen, um den Blick auf die Schmalseite des Gebäudes zu öffnen.

RainergasseEckeJohannStraußGasse

Acht Geschosse ragt sie auf, ganz schmal erst mit mittigen Balkonen, oben aber, wo sich um die beiden obersten Geschosse Balkone legen, plötzlich breiter, als beuge sie dem Betrachter leicht den Kopf zu. In der aufsteigenden Johann-Strauß-Gasse beginnt das Gebäude fünfgeschossig und die Linie des Daches schließt bescheiden an die der Mietskasernen an.

JohannStraußGasse

Doch darauf, zurückgesetzt, sind zwei, drei würfelförmige Aufbauten mit zwei weiteren Geschossen, wirkliche Häuser auf dem Dach, Penthouses, vielleicht. Spät erst nimmt die Linie des Daches eine Stufe nach oben, wobei das Gebäude fünfgeschossig bleibt, dann eine weitere, wobei ein sechtes Geschoß hinzukommt, und schließlich wirft sie sich zu acht Geschossen auf, um der Straßenecke zuzunicken. Nicht nur die Dächer, auch die Fassade ist durch zwei erkerartig vorgesetzte Teile rhytmisiert.

Aber es ist das Dach, welches das Gebäude so merkwürdig macht. Außer den Penthäusern sind da unzählige Schornsteine aus rotem Mauerwerk und schräge Dachteile, so daß man eine Dachlandschaft ahnt, die eher ins Paris des jahres 1860 als nach Wien hundert Jahre später paßte. Denn 1959/60 wurde dieses Gebäude von der Gemeinnützigen Wohnungs- und Siedlungsgenossenschaft Familie erbaut und gleich doppelt mit ihrem Logo versehen, dem Modulor-inspirierten Relief einer fünfköpfigen Familie innerhalb zweier Ellipsen mit den österreichischen Farben, einer Nuklearfamilie anderer Art.

GemeinnützigeWohnungs-undSiedlungsgenossenschaftFamilie

Vielleicht ist das Geheimnis diese Gebäudes in dem Kunstwerk zu suchen, das eine Wandfläche des dritten Geschosses zur Ecke hin einnimmt. Einige Noten aus Metall und ein Fenster sind hier gerahmt von den Worten „An der schönen blauen Donau / Walzer von Johann Strauss“ und blauen Putzstreifen, die es vom ansonsten gelben Putz abheben. Etwas Musikalisches, ein gewisser aufstrebender Rhytmus scheinen denn in diesem Gebäude zu sein, ein Walzer, und es wird, ohne seine Funktion zu vernachlässigen, zu einer Art abstrakten Skulptur für Strauß‘ Musik, feiner und schöner als die vielphotographierte vergoldete Plastik im Stadtpark. Wie jeder solcher Eindruck mag auch dieser nur ein Zufall sein, aber hier ist doch jedenfalls eine tiefere Verbindung zwischen Gebäude und Kunstwerk als sonst so oft.

Im Erdgeschoß der Schmalseite ist rechts das zweiseitig verglaste Café Vitrine und links geht es vorbei an einigen runden Stützen in den Hinterhof.

JohannStraußGasseHinterhof

In seiner begrünten Enge, an der nichts dem Gebäude Würdiges ist, stehen noch eine Treppe, ein steinernes Geländer, ein Springbrunnen, und erst sie lassen einen bemerken, daß dort in der Rainergasse eine Villa steht, der man unerwartet in die Reste des Gartens blickt. Durch diese kleine Freundlichkeit gegenüber dem, was zuvor kam, wird das musikalische Gebäude in der Johann-Strauß-Gasse beinahe zu mehr als einem Kleinod.

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