Neofaschistische Architektur am Karlsplatz

Eigentlich ist es nicht ganz richtig zu sagen, daß am Karlsplatz in Wien ein Beispiel neofaschistischer Architektur stehe. Es ist vielmehr ein Beispiel neofaschistischer Bauplastik.

Das Gebäude, um das es geht, könnte kaum banaler sein: Ein Sockel aus Glasflächen, ein Mittelteil aus vertikalen Streben und Fenstern, oben ein massiver, fast fensterloser Dachteil in jener beigen Steinverkleidung, die auch den Rest bestimmt. Es beherbergt die Bibliothek der Technischen Universität Wien und erfüllt seine Funktion so gut oder schlecht wie es die meisten anderen Gebäude tun würden.

Karlsplatz

Doch man bemerkt das Gebäude gar nicht, da es sich ganz der riesigen Plastik an seiner Ecke unterordnet, die alle Blicke auf sich zieht. In gelblichem Stein zeigt sie ein Wesen, das oben ein Adler mit ausgebreiteten Flügeln ist, nach unten hin aber anthropomorph, um mit den Klauen eines Adlers auf einer Kugel, die von einer runden Stütze getragen wird, zu enden.

Hier sind die Merkmale faschistischer Bauplastik, die man als Potentialisierung der unmenschlichen Züge der Plastik des 19. Jahrhunderts und Fortsetzung der schlimmeren Formen des Jugendstils und Art Déco beschreiben kann, klar ausgeprägt: eine monumentale Vertikalität, die den Menschen vor sich klein machen, erdrücken will und eine Reduziertheit der Formen, damit kein potentiell gemütlicher Naturalismus in den Weg des Ausdrucks von Macht, der ihr Ziel ist, tritt. Wie genau hier faschistischen Vorbildern gefolgt wird, zeigt ein Vergleich zu einer Bauplastik, die an einem Gebäude in der Eberstadtstraße in Frankfurt am Main hängt.

FrankfurtEberstadtstraßeAdler

Auch sie zeigt einen Adler, auch sie ist an der Ecke des Gebäudes, dessen Funktion (es ist ein Bunker) aber ebenso egal und ihr ganz untergeordnet ist. Während sich die Plastik am Karlsplatz bloß diesem im schlechten Sinne amorphen und zergliederten städtischen Raum zuwendet, hat das Frankfurter Beispiel die klare Funktion, ein Gegengewicht zur menschlichen und fortschrittlichen Architektur der Siedlung Praunheim, an deren Rande das Gebäude steht, zu schaffen.

Aber gewiß, in Frankfurt mußte das Hakenkreuz aus dem Kranz herausgemeiselt werden, in Wien jedoch hielt der Adler immer nur eine Kugel in den Klauen. Denn natürlich ist das hier alles nicht so gemeint, das Gebäude ist schließlich nicht aus den Dreißigern, sondern aus den Achtzigern. Der Adler wirkt zu niedlich, zu sehr wie ein Huhn (er soll eine Eule sein) und seine monumentale Wirkung an der Ecke wird noch dadurch ad absurdum geführt, daß auf dem Dach in Verlängerung der Streben weitere kleine Adlerchen sitzen.

Allein das ändert nichts. Faschistische Architektur bleibt auch in ihrer Karikatur faschistische Architektur. Architektur, da sie nichts darstellt, kann auch nichts karikieren. Jedes Gebäude ist dadurch, daß es potentiell und dem Ziel nach für die Ewigkeit, jedenfalls aber für eine lange Zeit errichtet wurde, etwas unendlich Ernstes. Ernst bleibt es auch, wenn sein Architekt es nicht ernst meint, sondern als Scherz, als Karikatur. Das spricht dann bloß gegen ihn und gegen die, die ihn bauen ließen. In diesem spezifischen Fall ist umso schlimmer, daß nicht nur ein schlechter Witz, sondern ein Stück neofaschistischer Architektur, denn die Plastik bestimmt die Architektur, in die Stadt gesetzt wurde und den Weg für deren Akzeptanz bereiten kann.

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