Plauen – Vom Oberen Bahnhof hinab in die Altstadt

Nur wenige Städte empfangen einen so perfekt wie Plauen. Noch bevor man wirklich merkt, daß man die Stadt im Westen des Bezirks Karl-Marx-Stadt erreicht hat, hält der Zug auch schon an den Bahnsteigen, die genau in einer Biegung der Strecke liegen. Man geht hinab in die Unterführung, die man trotz Glasvitrinen und Leuchtbändern an den Seiten eben eine Unterführung glaubt.

PlauenImBahnhof

Doch statt zu einer anderen Treppe zu führen, verwandelt sie sich in den Gang des Bahnhofs. Zwischen ockerfarbener Steinverkleidung und eckigen Stützen sieht man schon überall Licht und weiß, daß man nun nie mehr irgendwo hinaufgehen werden muß. Rechts öffnet sich die Tür zu Busbahnhof und Straßenbahnhaltestelle, geradaus gelangt man in die Bahnhofshalle, die hoch und rechteckig links anschließt. Ihre lange Wand ist vertikal gewellt und die schmale Wand, auf die man blickt, wird von einem Kunstwerk aus Metallumrissen und Bronzeplatten eingenommen.

PlauenBahnhofshalle

Man ahnt, dieses Kunstwerk erzählt von der Stadt Plauen und dem Leben im Sozialismus, aber man ist geneigt, es nicht zu beachten, denn durch die gänzlich verglaste zweite Längsseite der Halle sieht man bereits ein weites Panorama von Plauen, das durch und durch vom Sozialismus geprägt ist.

PlauenBahnhofsterrasse

Unter einem großen Vordach verläßt man den Oberen Bahnhof, dessen Namen man nun versteht. Vor dem Gebäude, das von außen bloß ein großer dreigeschossiger Würfel aus Fensterbändern und türkiser Verkleidung ist, spannt sich eine weite Terrassenebene. Deutlich tiefer erst sind eine Kreuzung zweier großer Straßen und die übrige Bebauung.

PlauenVormOberenBahnhof

Nach links ziehen sich vier elfgeschossige Punkthochhäuser an der Bahnstrecke entlang, während an der hinabführenden Bahnhofstraße die Ausläufer eines Wohngebiets mit viergeschossigen Satteldachbauten sind. Rechts sind weit hinter der Straßenkreuzung zwei elfgeschossige Gebäude über Eck gesetzt, während direkt an dieser ein roter, fast fensterloser Flachbau steht. Neben der Terrasse führt eine Treppe herab. Bei ihrem Ende hängt eine Gedenktafel für den von den Nazis ermordeten Lokführer Paul Dittmann: „Er gab sein Leben für ein neues Deutschland.“

PlauenGedenktafelPaulDittmann

Eine ganz simple Gedenktafel mit Namen, Daten, rotem Winkel, wie man sie vielerorts sieht, aber durch ihre wohldurchdachte Plazierung an diesem Bahnhof des neuen Deutschland wird sie zu etwas Größerem.

Nun geht man wieder Stufen hinab in eine Unterführung. Wo sie sich gabelt, sind die Betonwände abgerundet und stehen drei runde, mit Metallgittern ummantelte Stützen.

PlauenUnterführungBahnhofstraße

Wieder sieht man schon Licht, wieder steht am Ende keine weitere Treppe. Wenn man geradeaus zurück ins Freie tritt, bemerkt man überrascht, daß man schon unter dem roten Gebäude, einem Restaurant, hindurch ist. Man steht am Beginn eines kleinen Boulevards, links üppiges Buschwerk, rechts an die Terrasse des Restaurants anschließend freistehende Laubengänge aus dünnen Stahlstreben und gewölbten Plastedächern, dazu das Betongrau des Bodens und der Wohnhäuser.

PlauenBoulevardBahnhofstraße1

Von der großen Straße sieht man, zweite Überraschung, gar nichts. Auf gleichsam fließende Weise wurde man vom Bahnsteig hierher geleitet.

Vor einem historistischen Plattenbau und einem Bürogebäude geht man zwar wieder an der Straße, aber das Neue und Harmonische bleibt.

PlauenBoulevardBahnhofstraße2

Bei der folgenden Kreuzung links ein zehn- und elfgeschossiger Bau und rechts eine hübsche kleine Grünanlage.

PlauenGrünanlageBahnhofstraße

Durch die Wiese schreitet freundlich blickend die Bronze eines nackten Mannes, hinter dem einige Steine gleich den Trümmern der alten Welt liegen. Im Hintergrund beginnt bei einer freistehenden Wendeltreppe ein Laubengang, der erst rankenbewachsen offen ist und sich dann mit Holzdach zwischen steinverkleideten Wänden um ein großes rundes Beet legt. Dieser, wiederum trotz der Nähe zur Straße, sehr intime Bereich bildet eine Membran, die ins Wohngebiet überleitet.

Jenseits der Straße geht man unter dem aufgestützten Teil eines achtgeschossigen Bürogebäudes hindurch und mag so fast übersehen, daß hier beidseits der Bahnhofstraße stalinistische Bebauung ist, einst als Tor zur Stadt gedacht, nun gänzlich aufgehoben.

PlauenEckbauBahnhofstraße

Hier wird die Straße zur Fußgängerzone, auf der nur die Straßenbahn fährt. Um die Haltestelle vielfach ineinandergesetzte rechteckige Hochbeete, über deren Betonumrandungen das Grün den leichten Hang hinabquillt.

PlauenFußgängerzoneBahnhofstraße

Daneben, wie um dem Stalinistischen zu zeigen, was fortschrittliche Architektur ist, eine Imbißstube aus einem kleinen Pavillon, einem Glasdach mit Theke und einem quadratischen Dach, das in einer mittigen Litfaßsäule beginnend völlig frei darüber schwebt.

PlauenImbiß

Jetzt erst wird die Bahnhofstraße zu einer typischen Geschäftsstraße, die von Büro- und Kaufhausgebäuden des 19. Jahrhunderts und wenig Neuerem geprägt ist. War sie vorher weitgehend gerade und fiel nur sanft ab, so führt sie nun in weitem Schwung den viel steileren Hang hinab.

PlauenFußgängerzone

Nach einer Weile sieht man in der Achse der Straße den hohen, irgendwie bunkerartigen Turm des Rathauses aufragen. Er steht schon leicht erhöht am nächsten Hang. Darunter der Nonnenturm, viel zierlicher, ein schlanker weißer Zylinder mit spitzem Dach, doch er verschwindet fast nebem dem riesigen Klotz des Einkaufszentrums, der sich gleichgültig vor die Altstadt schiebt.

PlauenBlickAufsEinkaufszentrum

(Fortsetzung in Plauen – Stadtbild und Überhöhung)

Advertisements

Ein Gedanke zu „Plauen – Vom Oberen Bahnhof hinab in die Altstadt

  1. Pingback: Plauen – Stadtbild und Überhöhung | In alten und neuen Städten

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.