In Novi Sad an der Donau

Der Ort, von wo aus sich die Stadt Novi Sad im Norden Serbiens am besten begreifen läßt, ist auch der, wo alle Touristen ihre Photos machen und alle Einheimischen promenieren: das Donauufer. Breit erstreckt sich der Fluß und trennt die Stadt an seinem flachen westlichen Ufer vom hügeligen Umland im Osten. Dort, wo die Donau einen fast U-förmigen Bogen macht, steht auf einem Felsen und selbst wie ein Fels die Festung Petrovaradin. Sie kann nur dort stehen, ihre Lage ist strategisch völlig zwangsläufig. Zu sagen, Novi Sad läge im Schutze dieser Festung, wäre aber verfehlt. Vielmehr lag Novi Sad jedem heranrückenden Eroberer völlig schutzlos ausgeliefert, während die Festung die umliegenden Landesteile verteidigte. Bewohner von Novi Sad, die in früheren Zeiten am Ufer der Donau standen, sahen in dem heutigen Wahrzeichen mit seinen kahlen Wänden, keilförmigen Bastionen und dem kleinen Uhrturm also wohl weniger ein Zeichen der Macht als eine Erinnerung an mögliche Gefahren.

DenkmalOpferDesFaschismusNoviSadPlastikBrücke

Nur an einen der Kriege, die Novi Sad erlebte, wird der Betrachter am Donauufer direkt erinnert: den zweiten Weltkrieg. Da sind zum einen die Betonstützen einer Eisenbahnbrücke, die auf die Festung zuführen. Laut einer Gedenktafel wurde sie von der jugoslawischen Armee bei ihrem Rückzug 1941 gesprengt, von den Deutschen später wieder aufgebaut und 1944 endgültig gesprengt.

Sichtbarer aber ist das Denkmal für die Opfer des Faschismus und insbesondere eines Massakers im Januar 1942. Seine rechteckige Fläche erstreckt sich neben der Uferpromenade und liegt direkt gegenüber der Festung.

DenkmalOpferDesFaschismusNoviSadGesamt

So wie diese Fläche gleichsam zwangsläufig aus der Promenade erwächst, wächst das Denkmal auf der niedrigen Ziegelmauer von deren Umrandung heraus. Etwas vorgesetzt auf einem quadratischen Sockel ist eine schräge Bronzetafel, auf der man in kyrillisch geschriebenem Serbokroatisch liest, daß im Januar 1942 in der südlichen Bačka (der weiteren Region von Novi Sad) vom ungarischen Besatzer unter Beteiligung einer gewissen Zahl einheimischer Ungarn mehr als viertausend Serben, Juden und Zigeuner ins Eis von Donau und Tisa geworfen und ganze Familien so ausgelöscht wurden.

DenkmalOpferDesFaschismusNoviSadTafel1

Während auf dem Boden nun ein Beet mit niedrigen Sträuchern verläuft, sind auf der Umrandung selbst schräge Tafeln mit unzähligen Namen gesetzt, die in regelmäßigen Abständen von rechteckigen Blöcken mit Davidsternen und zwei verschiedenen Arten von Kreuzen unterbrochen sind.

Dieser Teil leitet über zu einem etwas höheren Beet, das dreieckig die Ecke der Denkmalfläche einnimmt. In den beiden Ecken stehen wiederum Sockel mit schrägen Tafeln, auf denen serbokroatisch und hebräisch beschrieben ist, daß die ungarische Soldateska mit Gehilfen in Novi Sad mehr als 1300 unschuldige Frauen, Kinder, Männer und Alte ermordete: „Ewiger Ruhm den Opfern des Massakers.“

DenkmalOpferDesFaschismusNoviSadTafel2

Vom gesamten Massaker führt der Weg also nach Novi Sad. Zugleich aber führt er von der konkreten Nennung der Nationalitäten und der Auflistung der Namen der Opfer zur Erinnerung, zu etwas Allgemein-Menschlicherem, Abstrakterem. Entsprechend steht auf einem Sockel im Beet eine große Plastik, die eine Familie zeigt.

DenkmalOpferDesFaschismusNoviSadPlastikFestung

Die Gestalten sind langgezogen und dünn, menschlich, aber leicht abstrahiert. Ihre Vertikalität wird unterbrochen und sie werden zusammengefügt durch den Arm des Kindes, die waagerecht zur Hand des Vaters geht und den Arm des Babys auf dem Arm des Vaters, der zur Schulter der Mutter geht. Politik ist keine mehr in diesen Figuren, die oberhalb des Wassers der Donau und neben der Festung stehen. „Ewiger Ruhm ihnen“, steht wiederum serbokroatisch und hebräisch auf dem Sockel, dazu die Zahlen „1941 – 1945“. In der Mauer zwischen den Tafeln, zu Füßen der Plastik aber steht auf lateinisch und kyrillisch geschriebenem Serbokroatisch, auf Ungarisch und Slowakisch: „Žrtvama fašisma * Жртвама фашисма * A fasizmus áldozatainak * Obetiam fašismu“ – „Den Opfern des Faschismus“.

Neben dem Beet und der rechten Tafel führt eine Treppe hinab auf eine tiefere Ebene am Ufer. Rechts der Treppe, Schlußpunkt des Denkmals, ist ein letzter Sockel mit serbokroatischer Inschrift, wieder kyrillisch, aber in einer anderen Schrift, die nicht zufällig an das Altkirchenslawisch der orthodoxen Bibel erinnert.

DenkmalOpferDesFaschismusNoviSadTafel3

Dort lies man: „Die Erinnerung ist ein Denkmal / härter als Stein / Wenn wir Menschen sind / müssen wir vergeben / vergessen dürfen wir nicht.“ So erzählt das Denkmal von einem schrecklichen Verbrechen auf eine letztlich sehr positive, versöhnliche Art. Die einheimischen Ungarn, zu Beginn als Mittäter genannt, sind zu Füßen der Plastik schon wieder integriert, indem auch ihre Sprache vorkommt.

Käme man ohne Vorwissen, aber mit einigen Sprachkenntnissen nach Novi Sad, dieses Denkmal ließe einen schon viel ahnen von der komplizierten Mischung der Nationalitäten, die die Stadt und die gesamte Vojvodina ausmacht. Doch das ist nur ein Nebeneffekt, das Denkmal richtet sich an ein jugoslawisches Publikum und sagt sicher viel über das Selbstbild des sozialistischen Vielvölkerstaats Jugoslawien. Auch ganz ohne Sprachen sieht man sofort, wie perfekt das Denkmal städtebaulich eingeordnet ist. Man kann es nicht sehen, ohne die Festung zu sehen, und man kann diese nicht sehen, ohne das Denkmal zu sehen. Auch die Brückenpfeiler im Hintergrund sind gewissermaßen einbezogen. Die Geschichte und die Erinnerung werden so zum notwendigen Bestandteil der Stadt und es entsteht nicht zuletzt ein wunderschöner Ort.

Nur richtig, daß sich dort an der Donau in Sommernächten die Jugend von Novi Sad trifft. Sie gehört schon zu einer Generation, die den Staat, der das Denkmal baute, nicht mehr erlebte. Auch der letzte Krieg, den Novi Sad erlitt und der die letzten, nurmehr traurigen Reste dieses Staats zerstörte, ist ihnen sicher fern, obwohl er erst 15 Jahre zurückliegt. In seinem Verlaufe zerstörten 1999 Kampfflugzeuge der Nato, darunter deutsche, sämtliche Brücken der Stadt. Auch das kann man heute fast übersehen, da bei der Festung eine elegant geschwungene neue Brücke gebaut wurde. Aber weiter nördlich steht noch immer eine behelfsmäßige Eisenbahn- und Straßenbrücke.

BehelfsbrückeNoviSad

Dahinter wird eine Brücke mit großen Betonbögen gebaut, ironischerweise mit EU-Förderung, aber es wird eben keine neue Brücke sein, sondern ein Wiederaufbau des 1961 errichteten Žeželjev Most (Žeželj-Brücke).

Geht man an der Donau entlang nach Süden, kommt man zu einer weiteren großen Brücke, dem Most Slobode (Brücke der Freiheit), deren Fahrbahnen von zwei hohen Pfeilern und Stahlseilen getragen werden. Auch dieses Bauwerk, das 1981 errichtet wurde, aber noch heute nirgends veraltet wirkte, mußte nach seiner Bombardierung neu aufgebaut wurden. Heute ist darunter ein Strand, von dem man außerdem auch die zerbombte Ruine des Fernsehsenders in den Hügeln am anderen Ufer sehen kann.

MostSlobodeNoviSad

Auf ein Denkmal werden diese Brücken von Novi Sad so lange warten wie so vieles andere, was in dieser Stadt im Laufe der Jahrhunderte zerstört wurde. Viel verrät einem also das Donauufer von Novi Sad, viel verschweigt er aber auch.

Advertisements

2 Gedanken zu „In Novi Sad an der Donau

  1. Pingback: Das sozialistische Einkaufszentrum – СПЕНС | In alten und neuen Städten

  2. Pingback: Die Boulevards von Novi Sad | In alten und neuen Städten

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.