Städte und Sprachen

Städte kann man lesen. Im übertragenen Sinne zum einen: sie sind wie Texte, die man verstehen lernen muß. Die meisten Städte aber sind Texte, die sich dem Verständnis eher entziehen als es zu fördern. Sie sind wie von unzähligen Generationen geschriebene Manuskripte, ein Wirrwarr von Handschriften und Revisionen, das nur zufällig mit der Erfindung des Buchdrucks einen Abschluß findet, ohne dadurch ein zusammenhängendes oder sinnvolles Ganzes zu sein. Sie können wie Rätsel erscheinen, haben aber keine Lösung. Man kann sie entziffern, ihre verschiedenen disparaten Teile in einen Zusammenhang bringen, aber nie endgültig verstehen. Nur wenige Städte lassen sich gleich bei der ersten Lektüre oder gar schon beim Überfliegen lesen wie ein Buch, weil eine Zeit oder eine gesellschaftliche Kraft sich in ihnen, ob geplant oder glücklichen Umständen geschuldet, in aller Klarheit und Schönheit ausdrücken konnte. Solche Städte können dann gar wie Gedichte sein, einige mit strengem Versmaß und Reimen, andere frei und assoziativ dahinfließend. Die besten Städte vielleicht sind Collagen, in denen alles Alte aufgehoben ist, während das Neue den Rahmen bildet.

Alle Städte aber müssen übersetzt werden, entweder aus früheren, fremd gewordenen Varianten der eigenen Sprache oder aus fremden Sprachen. Und hier wird das Lesen von Städten konkret: sie sind angefüllt mit Sprache. Am stärksten wirkt sicherlich die gesprochene Sprache ihrer Bewohner, aber auch an den kältesten Tagen in den abgelegensten Straßen, wenn kein Mensch zu sehen und keine Stimme zu hören ist, umgibt einen die Stadt mit nunmehr geschriebener Sprache. Sie ist in den Straßenschildern, in den Aufschriften der Geschäfte und in den Werbeplakaten, in den Gedenktafeln, in den Denkmalinschriften und in den Schmierereien an Wänden. Man muß daher die konkrete Sprache der Stadt lesen können, um je zu hoffen, in ihrer übertragenen Lektüre voranzukommen.

Ohne die Sprache kann man zwar die Straßen und Häuser sehen und sich vieles von ihnen sagen lassen, aber gerade das Einfachste und Direkteste, das, was sie durch ihre Aufschriften bereitwillig kundtun, wird einem entgehen. So braucht man etwa einige Kenntnisse der jeweiligen Grammatik, um zu sehen, daß eine Ulice Gorkého in der Tschechoslowakei oder eine Ulica Gorkog in Jugoslawien Gorki-Straßen sind, bei denen der russische Name mit der tschechischen beziehungsweise serbokroatischen Genitivendung versehen ist. Oder man muß die arabische Schrift lesen können, um zu bemerken, daß auf dem Schild des etwas surrealistisch benannten „Vereins für integrierte Pharaonen“ abseits des Viktor-Adler-Platzs in Wien بيت العرب, „arabisches Haus“, steht, was nicht ganz als Entsprechung zu „Haus Des Orıent“ verstanden werden kann.

Pharaonenverein

Und man muß sich in einem altmodischen Polnisch zurechtfinden, um auf einer Tafel in Kraków zu lesen:

„A. Wojczyńscy Małżonkowie postawili na tymże placu pustym 2950 Sążni □ wynoszącym figurę Boga Rodzicy ! oraz 10 roznych budynków od 1865. do 1867. roku.“

TafelWojczyńscy

„Die Eheleute A. Wojczyński erbauten auf diesem leeren 2950 Klafter □ umfassenden Platz von 1865 bis 1867 eine Figur der Mutter Gottes ! sowie 10 verschiedene Gebäude.“

Es geht hier also darum, daß ein Ehepaar in spekulativer Absicht in der Vorstadt von Kraków zehn Gebäude errichten ließ, klassizistisch angehauchte Mietshäuser wie das an der Ecke Józefa Szujskiego und Krupnicza, an dem die Tafel ist, offenbar.

JózefaSzujskiegoKrupnicza

Daß sie es aber für nötig befanden, zuerst eine Marienfigur „!“ zu erwähnen, ein Stück barock angehauchter Afterkunst, kann einem mehr über den polnischen Katholizismus und dessen Zentrum Kraków sagen als all die großen Kirchen der Stadt.

BogaRodzicaSzujskiego

Man mag diese Beispiele für banal halten, aber sie können doch zeigen, wie viel einem ohne die Sprache verborgen bliebe. Schmerzhafter erlebt man die Bedeutung der Sprache im Negativen, wenn man vor etwas steht, was einem die Stadt sagen will, aber es einfach nicht versteht. Mehr als ein Reise- oder Architekturführer hilft einem beim Lesen der Stadt ein Wörterbuch.

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