Feuerwache und Kirche Neustift am Walde

Neustift am Walde ist kein sonderlich interessanter oder schöner Ort. Ein altes Weindorf eben, wie all die äußeren Wiener Vororte am Fuße des Wienerwalds. So zieht es sich in einer Mischung aus kleinen Weinbauernhäusern und Neuerem zwischen Weinbergen auf der einen und bebautem Hang auf der anderen Seite durch das Tal des unsichtbaren Krottenbachs, ohne je einen wirklich Eindruck zu machen. Alles ordnet sich der Straße unter, wie das für ein Straßendorf normal und in Zeiten allgemeiner Motorisierung verheerend ist.

An dieser zu großen und zu stark befahrenen Straße, der Rathstraße, steht die örtliche Feuerwache.

FeuerwacheKircheNeustiftAmWaldeUnten

Auch sie ist kein auffälliges Gebäude: brauner Putz, im Erdgeschoß zwei Tore für die Einsatzfahrzeuge, im Obergeschoß Fenster und simple Rundbögen, abschließend ein Walmdach. Doch in der Ecke, leicht zurückgesetzt und höher geführt als die Geschosse, ist das Treppenhaus. Zwei schmale vertikale Fenster, die in Rundbögen enden, geben den Blick frei auf eine Wendeltreppe.

FeuerwacheNeustiftAmWaldeTreppenhaus

An diesem Treppenhaus merkt man, daß dieses scheinbar so langweilig-konservative Gebäude etwas mehr weiß, etwas mehr will als es zuerst verrät. Eine Wendeltreppe in einer verglasten Ecke, dieses Urbild der Bestrebungen um eine neue Architektur ist hier schon angelegt und verrät auch die Entstehungszeit: die erste Republik, die späten Zwanziger.

Auch städtebaulich ist das transparente Treppenhaus subtil eingesetzt, denn an ihm vorbei geht der Blick eine Querstraße entlang zur Kirche St. Rochus, die etwas höher am Hang steht. Ein flaches Gebäude rechts zwingt den Blick noch stärker auf deren sehr schmale Fassade, die in ihrer vertikalen Gliederung kaum mehr als ein Sockel für den Turm mit seiner für den örtlichen Barock eher untypischen spitzen Haube ist. Zwei Heiligenfigueren flankieren den Eingang und eine Inschrift erinnert, daß ein „italianischer“ Kaufmann aus Wien die Kirche nach einem abgewendeten Ausbruch der Pest gestiftet hatte.

Wenn einen irgendetwas am Beieinander von Feuerwache und Kirche näherlockt und man von der höher gelegenen Parallelstraße auf sie herabschaut, wird man von beiden überrascht.

FeuerwacheKircheNeustiftAmWaldeOben

Die so schmale und vertikale Kirche bekommt noch einen weit breiteren Teil mit Kuppeldach und noch einen mit Walmdach. Die Feuerwache hat rückwärtig zwei Teile mit spitzen Satteldächern, vor allem aber steht hinter ihr ein völlig unerwarteter, gleichsam skulpturaler Turm. Drei quadratische Ebenen mit Geländern aus Holz und Beton sind aufeinandergesetzt mit Betonstützen, deren vier Flächen aus einem Mittelpunkt erwachsen, schräg nach außen langsam breiter werden und dann abrupt in einem fast waagerechten Teil enden, und verbunden durch eine außenliegende Leiter.

FeuerwacheNeustiftAmWaldeTurm

Schon wenn man beim Eingang der Kirche steht, sieht man neben sich diese Form, die wie eine Abfolge sich öffnender Blütenkelche ist, und erlebt sie, auch Turm, aber ohne Vertikalität, wie eine Antithese zum Kirchturm, der über einem aufragt, und als abstrakte Ergänzung der in menschlichem Maße vor einem stehenden Heiligen.

Während es in der Entstehungszeit, die vom Kampf zwischen der christlich-sozialen Staatsregierung und der sozialdemokratischen Stadtregierung geprägt war, sicherlich eine enorme Provokation darstellte, eine Feuerwache solcherart als Gegenentwurf neben eine Kirche zu bauen, ist es heute gerade das so entstehende Ensemble zweier ganz verschiedener Gebäude, das Neustift am Walde einen wirklichen Ort gibt und Keimzelle zu mehr sein könnte. Statt mehr aber ist neben dem Turm der Feuerwache nun die Wand eines neuen Mietshauses und Neustift am Walde bleibt eine Straße.

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