Trafalgar Square Wien

Auch Wien hat seinen Trafalgar Square, wie auch Österreich seine Seehelden hat. Nun, genauer gesagt hat Österreich einen Seehelden: Wilhelm von Tegetthoff. Und so lächerlich sein Sieg bei Lissa (Vis) von der Propaganda aufgeblasen wurde, um ein wenig über das Desaster, das der Krieg 1866 für Österreich war, hinwegzutäuschen, so lächerlich nimmt sich auch sein Denkmal in Wien im Vergleich zu Nelson‘s Column, dem Londoner Vorbild, aus.

TegetthoffWien

Auf einer steilen ovalen Treppenanlage steht ein ovaler Sockel, auf dem links und rechts aus Bronze eine weibliche und eine männliche Figur auf Wesen, die halb Pferd, halb Fisch sind, reiten. Dazwischen ragt auf einem quadratischen Sockel mit dem Namen Tegetthoffs eine hohe dorische Säule auf. Sie darf aber nicht einfach Säule sein, sondern wird an drei Stellen von den Rümpfen bronzener Galeeren durchdrungen (betrachtet man die weitere Geschichte der dann österreichisch-ungarischen Marine, drängt sich der Gedanke auf, daß sie vielleicht wirklich besser Galeeren statt militärisch ähnlich unnützer Dreadnoughts hätte verwenden sollen). Oben, so hoch oben, daß man ihn bloß etwas besser sieht als Nelson in London, steht Tegetthoff, scheint aber, wiewohl aus Bronze, eine Stütze unter dem Po zu brauchen, immerhin darin Nelson ähnlich.

Aus Goldman, Leonard/ Bartsch, Ernst: Grossbritannien, Leipzig 1961

Aus Goldman, Leonard/ Bartsch, Ernst: Grossbritannien, Leipzig 1961

Eine Touristenattraktion ist der Wiener Trafalgar Square nicht, er ist nur ein abweisender verkehrsumtoster Platz vorm Bahnhof Praterstern, das heißt auf dessen dem Prater abgewandten Seite. Im Sommer sitzen auf den Stufen des Denkmals manchmal Trinker, die in großen Zahlen vor dem Bahnhof herumhängen, da dort ein Supermarkt bis 22 Uhr und sogar sonntags geöffnet hat (sonst sind österreichische Supermärkte bestenfalls bis 20 Uhr offen). Sie sitzen dort und blicken in die Brandung der Autos, aber es sind gar nicht viele, die meisten bleiben lieber in der beruhigenden Nähe des Supermarkts, auf dem Festland gleichsam.

Das Beste am Trafalgar Square von Wien ist der Blick die unmerklich abfallende Praterstraße hinab zum Stephansdom.

BlickTegetthoffStephansdom

Dadurch ist er eine der wenigen Stellen, wo man diesem Bau nicht entweder zu nah oder zu fern ist und ahnen kann, wie er im Mittelalter auf Reisende gewirkt haben muß. Damit hat er dem Londoner Original, von dem man so wenig sieht wie überall sonst in dieser Stadt, schließlich doch noch etwas voraus.

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Ein Gedanke zu „Trafalgar Square Wien

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