Erkundungen auf Friedhöfen: Görlitzer Nazigrab

Der Görlitzer Hauptfriedhof hat die traurige Besonderheit, einer der wenigen Orte zu sein, wo man ein Nazigrab finden kann. Die Bezeichnung Nazi ist hier keine Verunglimpfung, sondern eine nüchterne Beschreibung. Alle Verunglimpfung übernahm die Familie des Nazis Rolf Pohl selbst, indem sie ihm dieses Grab errichtete:

Nazigrab

vorgesetzte niedrigere Seitenteile und ein Mittelteil aus grau-gemasertem Stein in Formen, die man als eckig-dorisch bezeichnen kann, darauf der brutale Adler des großdeutschen Reichs mit dem umkränzten Hakenkreuz in den Klauen und die Inschrift „Am [] Mai 1940 erlitt den Heldentod für Führer u. Volk bei Calais Oberleutnant u. Komp.-Chef i. Einer Pz-Div. Rolf Pohl geb. Am 1. Aug. 1909“. Genau so, nur hundertmal größer, hätte ein Grab aussehen können, daß Albert Speer für Hitler gebaut hätte. Bloß das Hakenkreuz und das Wort „Führer“ wurden später herausgemeiselt, während eine sehr umfangreiche weitere Inschrift bloß nicht in Schwarz ausgemalt und daher unleserlich ist. Selbst das Bibelzitat ganz unten, „Unser Glaube ist der Sieg (1. Joh. 5,4)“, ist weniger religiös als nazifaschistisch.

Das Grab selbst steht an der Seite der heute zwischen Rhododendron versteckten und mit Efeu bewachsenen Grabstätte der Familie Pohl.

GrabPohlGörlitz

Dieser, Anfang der Dreißiger errichtet, sieht man die politische Haltung der Familie noch nicht an, sie ist bloß eine graue Steinwand mit Amphore, auf der mittig eine Frauenfigur ein Band mit dem Spruch „Der Glaube tröstet, wo die Liebe weint“ und seitlich die Namen sind.

GrabPohlGörlitzBank

Auf der anderen Seite, gegenüber dem Nazigrab, steht eine Sitzbank in dessen Stil und man kann sich gut vorstellen, wie die Familie Pohl dort sonntags in Trauer um ihren Nazisohn saß. So ist dieses Grab eines der seltenen, wo man sich freut, daß der dort Begrabene tot ist, aber zugleich wütend wird, daß die Familie weiterlebte, die ihm dieses Grab bauen ließ und nach 1945 nicht den Anstand besaß, es abzureißen, ja, die sogar das „u.“ vor „Volk“ stehen ließ, damit sich jeder den „Führer“ hinzudenken könne.

Nach dem ersten Schock fragt man sich, wieso man eigentlich so wenige Nazigräber sieht und gibt sich die traurige Antwort, daß die meisten Nazis erst in späteren Phasen des Kriegs starben, als allzu direkte Bekundungen der Weltanschauung wenigstens unterbewußt als weniger opportun begriffen wurden und das Geld für aufwendige Gräber knapper war, oder die noch traurigere, daß die meisten Nazis viel zu lange lebten. Auch weiß man nicht direkt, wie man sich den Umgang mit dem Nazigrab wünschte: antifaschistische Grabschändung oder doch eher eine Hinweistafel, die es in einen Kontext rückte. Eine solche müßte auch erwähnen, daß die schiere Verkommenheit der Familie Pohl umso eklatanter wird im Vergleich zum Grab der Familie Gruender, die an ihren ebenfalls in den großdeutschen Eroberungskriegen, ebenfalls in Frankreich gestorbenen Sohn Georg mit einem schlichten „gef. 24.6.1944 bei Cherbourg“ erinnert.

GrabGruenderGörlitz

Es bliebe und es bleibt jetzt der Ekel, für dieses Nazigrab irgendwelche Worte und nicht bloß Speichel aufgebracht zu haben.

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