Albertina oder der Sieg des Kapitalismus über den Feudalismus

„Franz Josef I. der Stadt Wien 1869“, steht an der Terrassenebene, die vor einer Schmalseite des barocken Albrechtspalais‘ nach vorne ragt. Sie ist eine Umgestaltung alter Festungsanalgen, denen das Palais seine erhöhte Lage verdankt. Ihre Formen sind eher schlichte Neorenaissance. In seitlichen Nischen stehen schlechte steinerne Allegorien österreichischer Flüsse und in der Mitte ist der große Albrechtsbrunnen.

Albertina

Nun wird man kaum so naiv sein, zu meinen, ein Herrscher mache seiner Hauptstadt uneigennützige Geschenke; vielmehr ist diese Terrasse eine Machtdemonstration des Feudalismus. Schon 1869 hat diese wohl nicht mehr funktioniert. Direkt gegenüber der Terrasse nahm schon 1869 der riesige Klotz der Oper den freien Raum, den dieser in die Stadt getriebene feudalistische Keil um sich bräuchte, ein.

BlickAlbertinaOper

Nach und nach wurden die umliegenden Gebäude durch neue ersetzt, riesige Büro- und Wohnpaläste wuchsen in die Höhe, weit höher als die Terrasse und auch höher als das Palais auf ihr. Der Keil blieb gänzlich wirkungslos, der Kapitalismus besiegte den Feudalismus.

Heute sieht man die Terrasse von nirgendwoher mehr richtig und auch von ihr aus sieht man nichts weiter. Steht man dort oben, fühlt man sich kaum mehr oben. Viel höher auch als Reiterstandbild eines Feldherren erhebt sich das Logo der Riunione Adriatica di Sicurità.

AlbertinaRiunioneAdriaticaDiSicurità

Und zweifelsohne trugen Triester Versicherungsgesellschaften im späten 19. Jahrhundert mehr zum Ruhm Österreichs bei als sein notorisch erfolgloses Heer.

Im Albrechtspalais ist heute das berühmte Museum Albertina, als dessen Eingang vor einiger Zeit ein langes freischwebendes Vordach schräg durch die Terrassenebene gesetzt wurde. Dekonstruktive Architektur wird dieser sogenannte Soravia Wing vielleicht genannt, doch die entscheidende Dekonstruktion der feudalistischen Architektur hatte der siegreiche Kapitalismus schon viel früher erledigt. Gegen die Rolltreppe immerhin, die unter ihm hinauf führt, hätte der Kaiser 1869 sicher nichts einzuwenden gehabt.

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