Letohrad

Letohrad ist ein Ort, der ganz von seinem Schloß bestimmt wird. Das soll aber nicht heißen, daß er etwa im Schatten eines erhöht gebauten Schlosses liege oder als Achse auf ein Schloß zuführe. Bloß, wenn man durch das Tal der Tichá Orlice nach Letohrad kommt, wird man zuerst das Schloß sehen. Etwas höher am Hang hinter einer großen Terrassenebene steht es, ein dreigeschossiger Barockbau mit mittigem Dachreiter, der durch dicke schräge Stützen bei den Ecken einen älteren Ursprung verrät.

Doch sobald man die nur geringe Steigung zum Platz hinaufgegangen ist, kann man das Schloß beinahe übersehen. Viel wichtiger für den langen rechteckigen Platz, um den zweigeschossige Häuser, teils mit Arkaden, stehen, ist die reichgeschmückte Pestsäule in seiner Mitte und die breite Fassade der barocken Kirche auf seiner linken Seite.

LetohradKircheKapelle

Das Schloß steht ganz bescheiden neben der Kirche in einer Ecke des Platzes, es braucht sich nicht in den Vordergrund zu drängen, denn es weiß sehr gut, daß der ganze Ort, Platz, Häuser, Pestsäule, Kirche, nur wegen ihm existieren, nur für es da sind. Erst nach dem zweiten Weltkrieg auch bekam der Ort den schönen Namen Letohrad (léto heißt Sommer, hrad Burg, wobei der Diminituv letohrádek auch ein sinniger Name für ein Lustschloß ist), vorher hieß er nach einer alten Burg Kyšperk oder eher noch Geiersberg, da die Adelsfamilie, ob sie nun gerade Cavriani, Nimptsch oder Stubenberg hieß, deutsch war.

LetohradSchloßKirche

Das Schloß besteht aus dem genannten dreigeschossigen Teil, der quer zum Platz steht, einem niedrigen zweigeschossigen Eingangs- und Verbindungstrakt mit Arkaden und einem wiederum querstehenden höheren zweigeschossigen Trakt. Sobald man durch den, eher bescheidenen Eingang des Schlosses tritt, ist man in einer anderen Welt. Das streng rechtwinklig gegliederte Gartenviereck zwischen den drei Flügeln öffnet sich als großer Landschaftspark, der sich den Hang hinaufzieht.

LetohradSchloßhofPark

Vom Schloßgarten führt eine Brücke über eine der Dorfstraßen in den Park, sie ist wie ein Symbol für die absolute Trennung zwischen dem Leben des Volks und dem der Adelsfamilie. Im Park wechseln sich Gruppen alter Bäume mit Wiesen, die Blicke auf wohlplazierte Skulpturen freigeben. Auch eine künstliche Grotte und, ganz oben in der Ecke, eine Laube gibt es selbstverständlich.

Den schieren Kontrast zwischen dem Platz und der privaten Idylle des Parks zu erleben, hilft mehr als ganze Bücher, zu verstehen, was der Feudalismus war. Aber ganz begreifen wird man doch nie, daß ganze Generationen in Geiersberg lebten, ohne jemals den Park zu betreten. Zumindest versuchen sollte man es, um ein wenig zu ahnen, was es hieß, als die Adelsfamilie 1945 enteignet und ausgesiedelt und der Ort zu Letohrad wurde. Heute kann jeder durch das Tor des Schlosses treten und auch die Mauern um den Park haben viele Durchgänge. Heute dient das Schloß dem Ort statt andersherum.

Ein weiteres Gebäude sieht man vom Letohrader Marktplatz aus, hoch oben auf dem Hügel (zu erkennen auf einem Bild weiter oben), und man könnte es zuerst gut für eine Burg halten. Man kommt dorthin, wenn man am Park entlang hügelan geht. Dort beginnt eine Lindenallee, die noch etwas ansteigt und dann lange einen schmalen Grat, von dem es zu beiden Seiten tief hinabgeht, entlangführt.

LetohradKapelle

Bevor die Allee aber recht beginnen kann, wird sie von dem Gebäude unterbrochen, das mit einem massiven Sockel direkt in diesen Grat gesetzt ist und so weit breiter als dieser ist. Es hat einen fünfeckigen Grundriß, so daß man sich von Letohrad aus einer geraden Mauer, von außerhalb aber einer Mauerspitze nähert. Noch immer haben die schmucklosen Mauern, die Türmchen in den Ecken, etwas Wehrhaftes, etwas von einer Burg. Aber tatsächlich ist es eine barocke Kapelle, wie die zierlichen Hauben der Türmchen und die Kuppel in der Mitte und auch schon die ungewöhnliche fünfeckige Form verraten. Sie heißt Kaple sv. Jana Nepomuckého (Johannes-Nepomuk-Kapelle) und man kann nicht umhin, ihre fünf Ecken mit den fünf Sternen, die Johannes von Nepomuk traditionell in seinem Heiligenschein hat, in Verbindung zu setzen. Sie ist ein paradoxes Gebäude. Sie steht außerhalb des Orts, ist aber zugleich Teil von ihm. Sie stört die Lindenallee, ist aber zugleich Teil von ihr. Sie ist wehrhaft, abweisend, aber zugleich durch ihre öffentliche Funktion, einladend. Vielleicht paßt sie gerade dadurch gut nach Letohrad.

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