Einkaufen in Bratislava: Tržnica

(siehe auch Obchodný Dom Prior und Obchodné Centrum Central)

Eine andere Art von Versorgungsbauten wurde in den sozialistischen Staaten weit länger gebaut als im Westen: Markthallen. Inwieweit diese als Orte, wo individuelle Kleinproduzenten ihre Waren individuell feilbieten, damit sie von individuellen Käufern individuell zubereitet werden, Ausdruck des Sozialismus sein können, ist eher fraglich, zweifelsohne waren sie aber Ausdruck eines bestimmten Zustands des Sozialismus.

Auch Bratislava bekam in den frühen Achtzigern eine neue Markthalle, eine Tržnica.

Tržnica

Ganz im Unterschied zum Kaufhaus Prior, das so eng in den städtischen Raum eingepaßt ist, steht sie ganz für sich da, ohne Bezug zur Umgebung, fast nicht mal zu den Straßen, sehr viel Platz um sich, ohne daß klar wäre, wofür sie den braucht. Nur weil sie so seltsam separiert steht, bemerkt man sie vielleicht, denn sie ist ein denkbar einfaches Gebäude. Ein langes Rechteck mit abgerundeten Ecken, auf dem sich die ganz aus spiegelnde Glas und einem Raster dünner Streben bestehenden Außenwände erheben. Oben gehen sie mit den vertikalen der Streben in ein abgeschrägtes rotes Dach über. Sonst fallen an der Tržnica nur noch oben gebogene rote Lüftungsrohre, die in Reihen aus dem Dach und aus dem Boden neben ihr ragen, auf und die Vordächer, die den Eingängen neben den Gebäudeenden auf der jeweils gegenüberliegenden Seiten vorgesetzt sind. Auf eine einzige mittige Stütze, die zugleich Lüftungsschacht ist, balanciert, ragen sie als große Quadratflächen weit von der Halle weg und auf ihrem Rand steht in großen gelben Buchstaben „Tržnica“.

Über Stufenanlagen, die sich um die geschwungene Ecke legen, gelangt man hinein. Sofort wird alles klar. Die Tržnica ist kein Gebäude, das in die Stadt hinauskommt, sondern eines, das sie zu sich hinein holt. Die Außenwände und das Dach, merkt man, haben keinerlei tragende Funktion, sondern legen sich nur locker um das eigentliche Gebäude. Sie werden getragen von Pfeilern und schrägen Streben aus Beton, während die meisten horizontalen Streben aus Holz sind. Die enorme Transparenz, die man von außen nicht ahnt, dient dazu, die Stadt so vollständig wie möglich ins Halleninnere zu holen.

TržnicaAusblick1

Dieses Innere wird gebildet von zwei langgezogenen dreigeschossigen Gebäuden, die parallel zueinander stehen, so daß drei Einkaufsstraßen entstehen. Doch das Dach erstreckt sich weiter als diese inneren Gebäude, so daß an den Enden Platz bleibt für zwei große Plattformen, die auf der Höhe des zweiten Geschosses fast schweben. Sie bieten großartige Panoramablicke in die Stadt hinaus

TržnicaAusblick2

und sind der Zugang zu der Galerie, die sich beidseits um den mittleren und größten Gang legt.

Wie das Dach zeigen auch die inneren Gebäude betonklar, wie sie gebaut sind, haben aber stellenweise auch dunkelrote Kachelverkleidung. Durch den Luftraum der Halle ziehen sich Lüftungsröhren, die die Farben, Grau, dunkles Rot und fast schwarzes Braun, um ein kräftiges Orange ergänzen. Zum mittleren Gang, der von der Transparenz wenig hat, ragen noch über den Röhren große hohe Betonzylinder aus dem Dach herab, in jedem von welchen ein Kreis aus sechs runden Fenstern ist, die ihr Licht nach unten schicken.

Aus Vyskočil, Kamil: Bratislava, Bratislava 1989

Aus Vyskočil, Kamil: Bratislava, Bratislava 1989

Die Tržnica ist, ganz wie das Kaufhaus und auf ganz andere Art, ein makelloses Gebäude. Sie ist Bratislavas Centre Pompidou, kehrt ihre Funktionsweise aber weniger ostentativ hervor. Sie ist eine perfekte Illustration zu Karel Teiges schöner Bemerkung, Gebäude müßten ihre Konstruktion ja auch nicht stärker zeigen als menschliche Körper das tun. Und ein Körper ist die Tržnica. Das Dach und die Glasfassade sind die Haut, die inneren Gebäude sind Knochen und Organe. Die Menschen, die dort arbeiten und einkaufen, ihr Blutstrom, zirkulieren so rege wie eh und je und halten sie am Leben.

Macht man heute ein Bild etwa von derselben Stelle wie das obige, sieht man bloß etwas weniger Betrieb und deutlich mehr Weinläden.

TržnicaMittelgangAktuell

Im Juni 2014 sieht man dort zudem in der Mitte eine lila Hand mit übergroß ausgestrecktem Mittelfinger, mit dem der Tscheche David Černý zeigt, was er von all jenen hält, die keine antikommunistischen Staatskünstler sind oder nicht sofort einsehen, wieso man solche brauche. Aber diese Beleidigung genau wie die gesamte Kunstaktion „Tutti Frutti“, die eine gute Idee wäre, wenn die gegenwärtige Kunst nicht so wäre wie sie ist, ist der Tržnica und ihren Nutzern reichlich egal.

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