Die Konvergenztheorie in Meyers Neuem Lexikon

Wenn man durch Meyers Neues Lexikon aus den Siebzigern, die größte in der DDR erschienene Enzyklopädie, blättert, ist beim Eintrag zu vielen Städten ein Beispiel moderner Architektur abgebildet, ein Hotel, ein Regierungsgebäude, ein Theater, ein Stadion.

Aus Meyers Neues Lexikon: Band 14, Tribu - Walth, Leipzig 1976

Aus Meyers Neues Lexikon: Band 14, Tribu – Walth, Leipzig 1976

Es ist dabei egal, wo die Stadt liegt, nur manchmal bieten Berge im Hintergrund oder Palmen im Vordergrund einen kleinen Hinweis, und es ist egal, ob der erbauende Staat kapitalistisch oder sozialistisch, Teil der ersten, zweiten oder dritten Welt war.

Aus Meyers Neues Lexikon: Band 9, Lyna - Nazor, Leipzig 1974

Aus Meyers Neues Lexikon: Band 9, Lyna – Nazor, Leipzig 1974

Ein einzelnes Gebäude kann nie etwas über eine Stadt aussagen, aber es genügt, diese Bilder zu betrachten, um nachvollziehen zu können, wieso es einmal eine Konvergenztheorie gab, die besagte, daß die technologische Entwicklung zur Angleichung der Lebensverhältnisse in den sozialistischen und den kapitalistischen Ländern führen werde.

Aus Meyers Neues Lexikon: Band 6, Guada - Isost, Leipzig 1973

Aus Meyers Neues Lexikon: Band 6, Guada – Isost, Leipzig 1973

Das war selbstverständlich nie wahr und auch ihre Vertreter glaubten es hoffentlich nie ernsthaft. Die Konvergenztheorie war bloß eine Waffe gegen den Sozialismus, denn welchen Sinn sollte die soziale Revolution noch haben, wenn eh alles eins wird?

Aus Meyers Neues Lexikon: Band 3, Cajam - Drent, Leipzig 1973

Aus Meyers Neues Lexikon: Band 3, Cajam – Drent, Leipzig 1973

Heute ist diese Waffe gänzlich unnütz geworden. Die gegenwärtig beliebteste Waffe nicht mehr gegen den lebendigen Körper, sondern gegen die Leiche des Sozialismus ist die Totalitarismustheorie, die besagt, daß jeder Versuch, eine Gesellschaft grundsätzlich umzugestalten, nach Auschwitz führt.

Aus Meyers Neues Lexikon: Band 9, Lyna - Nazor, Leipzig 1974

Aus Meyers Neues Lexikon: Band 9, Lyna – Nazor, Leipzig 1974

Wenn man sich ansieht, mit wieviel Wut auf die Leiche des Sozialismus eingedroschen wird, kann man sich fragen, ob seine Feinde nicht mehr Angst haben, es könnte doch noch etwas Leben in ihm sein, als seine Freunde die Hoffnung darauf. Vielleicht wissen die anderen mehr als wir.

Aus Meyers Neues Lexikon: Band 11, Plück - Rüsse, Leipzig 1975

Aus Meyers Neues Lexikon: Band 11, Plück – Rüsse, Leipzig 1975

Nachstehend jedenfalls der Wortlaut des Eintrags zur Konvergenztheorie in Meyers Neuem Lexikon. Zur Totalitarismustheorie gibt es keinen, da diese in den Siebzigern bestenfalls unter sehr überzeugten Rechtsradikalen Anhänger hatte.

Konvergenztheorie [<lat. + griech.]: 1. bürgerliche Theorie, die fälschlich das Bestehen von Annäherungstendenzen zwischen Kapitalismus und Sozialismus behauptet, die aus dem wissenschaftlich-technischen Fortschritt folgen sollen; reaktionärer, pseudowissenschaftlicher Versuch bürgerlicher Apologeten, die nach dem 2. Weltkrieg eingetretenen und sich ständig zugunsten des Sozialismus entwickelnden Veränderungen der Welt «neu» zu deuten. Nach der K. sollen sich die Ähnlichkeiten zwischen den Systemen ständig verstärken, die Unterschiede im Ergebnis dessen immer mehr abgebaut werden, und schließlich würden sie zu einem sozialökonomischen System gemischten Typus verschmelzen. Die K. besteht in 2 Varianten, der ökonomischen und der sozialen Variante. Während erstere nur die Annäherung und Überwindung der Unterschiede auf ökonomischem Gebiet beinhaltet, geht die zweite weiter. Sie umschließt auch die Annäherung und Überwindung der Unterschiede sowohl auf ökonomischen als auch auf politischen und allen anderen gesellschaftlichen Gebieten. Charakteristisch für alle Vertreter der K. ist ihre technizistische und formale Denkweise und das damit verbundene undifferenzierte Herangehen an die gesellschaftlichen Erscheinungen und Prozesse. Die grundsätzlichen qualitativen Unterschiede in den gesellschaftlichen und ökonomischen Verhältnissen beider Systeme und die Wirkung der objektiven gesellschaftlichen Gesetze werden ignoriert. – Die K. ist nichts anderes als der längst überholte Versuch, das reaktionäre imperialistische System in die Zukunft hinüberzuretten, wobei, wie Buckingham schrieb, solche Eckpfeiler des Kapitalismus wie das Privateigentum, der Profit und der Markt (d.h. die Konkurrenz als Hauptmechanismus der Wirtschaftsregelung), beibehalten werden sollen. Das Bemühen, dem Kapitalismus dabei Merkmale des Sozialismus zuzuschreiben, ist die ungewollte Anerkennung der Stärke und Lebensfähigkeit des Sozialismus.

(Meyers Neues Lexikon: Band 8, Konra – Lymph, Leipzig 1974)

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