Einkaufen in Bratislava: Obchodný Dom Prior

(siehe auch Tržnica und Obchodné Centrum Central)

Gebäude für die Versorgung der Bevölkerung mit Konsumgütern gehörten in den sozialistischen Staaten zu den wichtigsten und prestigeträchtigsten Bauaufgaben. Sie waren Symbol für die allgemeine Verbesserung des Lebensstandards, die seit den Sechzigern das höchste Ziel war. Oft herrschte auf sie ein Stolz, der heute, in einer Zeit, wo viele Linke sich etwas Dekadentem wie Konsumkritik hingeben, unverständlich erscheinen mag.

Die Königsdisziplin war das Kaufhaus. Diese im Kapitalismus des späten 19. Jahrhunderts entstandene Form eignete sich für den Sozialismus auch vorzüglich, da sie all die Waren und Dienstleistungen, die vorher kleinbürgerliche Händler in ihren Läden angeboten hatten, in einem Gebäude zentralisierte und ihren Verkauf rationalisierte.

Auch in der slowakischen Hauptstadt Bratislava wurde so zwischen 1964 und 1968 ein großes Kaufhaus der Marke Prior errichtet. Es befindet sich in der Altstadt, die hier aber wenig alt wirkt, weil die gesamte Umgebung mehr von Kapitalismus der ungarischen und vor allem der erstrepublikanischen Epoche geprägt ist. Inmitten dieser zusammengewürfelten Beliebigkeit, an der hier auch einige Gebäude aus sozialistischer Zeit nichts ändern, sticht der Gebäudekomplex, zu dem das Kaufhaus gehört, als das ganz Neue heraus.

Aus Vyskočil, Kamil: Bratislava, Bratislava 1989

Aus Vyskočil, Kamil: Bratislava, Bratislava 1989

Kamenné námestie (Steinplatz) heißt der kleine, mit runden Beetflächen gestaltete Platz davor und man könnte meinen, er trage ihn zu Ehren des Kaufhauses. Denn was man an ihm zuerst bemerkt, ist seine weiß-grau gesprenkelte Steinverkleidung, die noch heute so makellos wirkt wie vor bald fünfzig Jahren. Entlang der Straße erstreckt sich ein langer zweigeschossiger Bau mit rechtgeschossigem Grundriß. Sowohl Erdgeschoß als auch Obergeschoß sind vollständig verglast, aber dieses zweite ist über dem ersten ein wenig vorgesetzt und ist wie gerahmt zwischen einem schmaleren unteren und einem breiteren oberen Streifen der steinernen Verkleidung. Am anderen Ende erhebt sich quer über diesem Baukörper das fünfzehngeschossige Bettenhaus des Hotel Kijev. Seine Breitseiten bestehen ganz aus Fensterbändern und brauner Verkleidung, während an den Schmalseiten von Neuem die Steinverkleidung verwendet wurde. Im zweigeschossigen Bau, der an einer Stelle von einer Passage durchquert wird, befinden sich zuerst kleinere Geschäfte und dann der Eingangsbereich des Hotels. Direkt am Kamenné námestie steht rechts dieses Bau viergeschossig das eigentliche Kaufhaus, das einen dreieckigen Grundriß hat. Über dem verglasten Erdgeschoß ist es fast völlig in Stein verkleidet, bloß neben den jeweils weit überstehenden Ecken und einem vorgesetzten Treppenhaustrakt gibt es weitere Glasflächen.

PriorTreppe

Damit ist der Komplex auch schon fast beschrieben, so schnörkellos ist er, so sehr zieht er seine Wirkung einzig aus seiner eleganten Verkleidung und der Klarheit seiner Formen.

Wie bewußt hier geometrische Grundformen wie das Dreieck und das Rechteck verwendet wurden, sieht man auch daran, daß sich ihnen für die Deckenverkleidung im Kaufhaus noch Sechsecke hinzugesellen.

PriorDecke

Doch das ist nicht nur ästhetische Spielerei. Mit seinem dreieckigen Grundriß etwa fügt sich das Kaufhaus perfekt in den schrägen Verlauf der rechts am Platz vorbeiführenden Straße ein. Die Mietshäuser aus der ersten Republik, die im weiteren Verlauf der Straße stehen, werden dann durch die Freiräume rechts des langen Baus von ihren Hinterhöfen befreit.

Aus Československo, Praha/Bratislava 1988

Aus Československo, Praha/Bratislava 1988

Der lange Bau selbst folgt einfach der linken Straße, aber dadurch, daß er weit von ihr zurückgesetzt und nur zweigeschossig ist, läßt er der älteren Bebauung auf der anderen Straßenseite, zu der eine klassizistische und eine barocke Kirche gehören, respektvoll Raum. Von einer Gedenktafel an einem Teil ersterer Kirche blickt so der „Komponist und Humanist“ Béla Bartók, der dort von 1894 bis 1908 lebte, zum Hotel Kijev.

BartókKijev

Links des Baus, parallel zur Straße, führt eine breite Rampe vom Platz empor zu einer kleinen Terrasse vor dem Obergeschoß und von der anderen Seite eine Treppe. Mit den Öffnungen in den Stützen dieser Terrasse, die anderswo auch als selbstständige abstrakte Kunstwerke stehen könnten, kommt als weitere geometrische Grundform der Kreis hinzu.

PriorRund

Schon von dieser Terrasse und mehr noch von der Dachterrasse kann man erleben, wie gelungen dieser Komplex seine neue Architektur und die umgebene ältere in einen neuen Zusammenhang setzt.

Dort, wo eine breite Treppe aus dem Obergeschoß auf die Dachterrasse führt, spannt sich ein Vordach. Vier runde Betonstützen, die sich oben zu einer nach außen sehr leicht ansteigenden quadratischen Fläche verbreitern, sind hier zusammengestellt und die schmalen Zwischenräume mit Glasdächern verbunden. Entsprechende Betonelemente finden sich außerdem zwischen dem zweigeschossigen Bau und dem Kaufhaus, wo zwei aufeinandergesetzt die verglaste Verbindungsbrücke tragen, und am anderen Ende des Baus vor dem Eingang des Hotel Kijev, wo eines als Vordach dient.

Eine kleine Extravaganz leistet sich der Komplex einzig in einer großen Uhr mit mehreren Reihen vorgehängter Glocken über dem platzseitigen Eingang des Kaufhauses,

Aus Vebr, Jaroslav: Soudobá architektura ČSSR, Praha 1980

Aus Vebr, Jaroslav: Soudobá architektura ČSSR, Praha 1980

doch selbst diese hat ja eine praktische Funktion und wächst aus der Steinverkleidung gleichsam heraus.

Aus Pechar, Josef: Československá architektura, Praha 1979

Aus Pechar, Josef: Československá architektura, Praha 1979

Auf einem dreieckigen Stein vor dem Komplex, der außerdem noch dessen Grundriß

PriorGrundriß

und das Logo von Prior trägt,

PriorLogo

kann man den ganzen Stolz der Stadt über ihr Kaufhaus in Worte gefaßt lesen:

PriorText

„Kaufhaus auf dem Kamenné námestie, errichtet in der Hauptstadt der Slowakei zum fünfzigsten Jahrestag der freien tschechoslowakischen Republik als Symbol der kulturellen Entwicklung der slowakischen Nation und als Zeugnis der schöpferischen Fähigkeiten unseres Volks und Ausdruck seiner Sehnsucht nach einem erfüllten Leben in einer besseren Welt, zu welcher die gemeinsamen Anstrengungen unserer Hände und unseres Geistes hinstreben.“

Zu den Kiewer Tagen im September 1977 wurde der Platz dann in Kijevské námestie (Kiewer Platz) umbenannt. Das wurde später wieder verändert, aber, Ausdruck des gerade im Vergleich zu seinen hysterischen tschechischen Nachbarn angenehm gelassenen Umgangs des slowakischen Staats mit seiner sozialistischen Geschichte, ein Gedenkstein daran steht nach wie vor auf dem Platz, dem im übrigen beide Namen gut stehen. Während das Hotel Kijev nicht mehr in Betrieb ist, ohne daß man es ihm ansieht, ist das Kaufhaus auch heute noch, nun von der britischen Firma Tesco betrieben, eine wichtige und beliebte Einrichtung im Zentrum von Bratislava. Bloß das Café auf der Dachterrasse gibt es nicht mehr, aber nach Lage der Dinge ist das eine vernachlässigbare Zerstörung.

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