Die Zuckerfabrik in Plattling

Plattling, ein Ort, den keiner kennt und keiner kennen muß. Er liegt irgendwo im Osten von Bayern und ist ein Eisenbahnknotenpunkt, an dem auch heute noch jeden Tag ein paar ICEs auf der Strecke Wien-Nürnberg halten. Sein Name jedenfalls ist passend. Mitten im platten Land vor den nahen, aber doch unendlich fernen Bergen des Bayrischen Walds, liegt Plattling. Den flachen Gegenden wohnt oft eine besondere Trostlosigkeit inne und Plattling hat besonders wenig, was diesen geographischen Nachteil ausgleichen könnte.

Das Zentrum ist ein langgestreckter Platz an einer Durchgangsstraße, der von einer weiteren Durchgangsstraße gekreuzt wird. Auf jedem Schritt spürt man, daß Plattling erst seit 125 Jahren Stadt ist, was es 2013 auch feierte, stolz wohl, obwohl unklar ist, worauf. Abseits des Platzes geht die enge dörfliche Bebauung unmerklich in Einfamilienhäuser über, die verschiedenen Renovierungsschritte der letzten fünfzig Jahre haben alle Unterschiede und Nuancen verwischt. Neben dem Ort, aber ohne jeden Bezug zu ihm, fließt die Isar, nicht mehr weit von ihrer Mündung in die Donau.

Die Zuckerfabrik steht weithin sichtbar am Ortsrand. Fast sieht man sie von Weitem auch besser als von Nahem: drei miteinander verbundene große zylinderförmige Silos, am dritten ein rechteckiger Turm, der etwas höher geführt ist, um aller Umgebung seine ziffernlose Uhr darzubieten, und mit etwas Abstand ein hoher weißer Schornstein.

ZuckerfabrikPlattling

An der Straße, die sich um die Silos schwingt, stehen drei eingeschossige Doppelhäuser mit Satteldächern und Giebelwänden aus rot-braunem Backstein, der dem des Pförtnerhäuschens entspricht, weshalb man in ihnen den Ansatz einer Werksiedlung erkennen kann. Sie sind amerikanisch weit hinter nicht umzäunten front lawns zurückgesetzt, haben aber unamerikanischerweise keinen Fahrzeugstellplatz.

Es braucht nur eine Entdeckung wie diese Zuckerfabrik, um sich auch mit dem trostlosesten Ort zu versöhnen. Nachdem Plattling so seine Existenz legitimiert hat, kann man beruhigt weitergehen und dieser, nun ja, Stadt, vieles abgewinnen. Da wird dann die Feuerwache mit ihrem weißgetünchten Turm, dessen kantige Form oben leicht nach vorne abgeschrägt ist, zur Mondbasis. Da freut man sich, daß der neoromanische Turm der bis zur Unkenntlichkeit umgebauten Kirche immerhin die Mitte der Stadt markiert, auch wenn man lieber den Feuerwehrturm an seiner Stelle sähe. Da entdeckt man den von vielen Seiten zugebauten winzigen, in seiner Schlichtheit andeutungsweise neobarocken Bau der evangelischen Kirche, der ohne den, allerdings ebenfalls winzigen Turm, auch gut eine Synagoge sein könnte, was viel über die Situation des Protestantismus in einer katholischen Gegend aussagt, und ein Einfamilienhaus, das wie ein Inbegriff der konservativen westdeutschen Architektur der Fünfziger ist: Walmdach, links drangesetzter Backsteinkamin, Terrasse zwischen einem Raum links und einer halbrunden milchig orangenen Glaswand rechts, mosaikgekacheltes Becken im Garten.

Haus

Da findet man es umso lustiger, daß man beim Bahnhof ein Denkmal für eine Entlausungstation aus dem ersten Weltkrieg sah, das vormals im Ortsteil Sanierung (!) stand.

Und das reicht, um aus der in Plattling verbrachen Zeit eine lohnende zu machen. Denn selbstverständlich ist der Großteil der gebauten Umwelt, in Plattling und anderswo, unerträglich häßlich und menschenunwürdig. Dies aufzuzeigen, ist einfach und wohlfeil wie jede Kritik. Es kommt aber darauf an, darin das Schöne und über die Gegenwart Hinausweisende zu finden und zu loben. Gerade in Orten, die immer kapitalistisch waren, sind das meist Einzelobjekte wie die Zuckerfabrik in Plattling. Doch wie weit greift diese mit ihrer Uhr in die Stadt aus, wie klar sagt sie, daß die die Fabriken die Kirchen ersetzt haben.

UhrZuckerfabrik

In der DDR wäre diese Uhr wenigstens ansatzweise in ein Ensemble integriert worden und an der Stelle der Einfamilienhäuser stände fortschrittliche Wohnbebauung. Plattling hätte etwas mehr das Antlitz einer Stadt und ganz gewiß fände man am Tor des Betriebs, des VEB Zuckerfabrik Plattling, ein ihm würdiges Kunstwerk. So ist man in den Städten des Kapitalismus immer ein wenig darauf angewiesen, zu träumen und im Kopf zu bauen, aber auch das hat seinen Wert.

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