Ústí nad Orlicí

Ústí nad Orlicí ist nur eine kleine Stadt im Osten Böhmens, die noch dazu das Unglück hat, sich den Namen mit dem weit größeren Ústí nad Labem in Nordböhmen teilen zu müssen (ústí heißt Mündung, also ist das nicht überraschend). Zwar verläuft durch Ústí die wichtigste tschechische Bahnstrecke, die von Prag über Pardubice nach Brno und weiter nach Bratislava, Wien, Budapest führt, ja, man könnte es sogar als Eisenbahnknoten bezeichnen, da hier eine Strecke hoch nach Polen abzweigt, doch wie wenig diese Bedeutung für das Bahnwesen mit der Stadt zu tun hat, zeigt sich schon daran, daß der Bahnhof weit außerhalb liegt.

Es läßt sich auch wirklich nicht sagen, daß es in Ústí sehr viel gäbe. Wem es um Sehenswürdigkeiten zu tun ist, der fahre ins nahe Letohrad. Aber Ústí ist etwas anderes: die vielleicht perfekte tschechoslowakische Kleinstadt. Alles, was die Architekturgeschichte der Tschechoslowakei ausmachte, kann man hier auf engem Raum in höchste Brillanz erleben. Dazu steige man nicht am entfernten Hauptbahnhof, sondern an der kleinen Station Ústí nad Orlicí město (Stadt) aus. Hinein in die Stadt geht es jenseits einer großen Straße zwischen einem dreizehngeschossigen Hochhaus rechts und mehreren verschieden hohen würfelförmigen Gebäuden, deren Seiten entweder aus rotbraunen Kacheln oder aus Fensterbändern und grüner Verkleidung bestehen.

VÚB

Jeweils daran anschließend erstreckt sich an der Straße weiter nach rechts ein großes Industriegelände und nach links ein kleines Wohngebiet. In einer Straßengabelung steht die Skulptur eines Trommlers, Denkmal für die tschechoslowakischen Legionen. Daneben geht es zwischen niedriger Bebauung den Hang hinauf zum Marktplatz, der noch heute den so altmodisch sozialistischen Namen Mírové naměstí (Friedensplatz) trägt.

Aus Hyhlík, Vladimír/Přeučil, František: Východní Čechy, Praha 1978

Aus Hyhlík, Vladimír/Přeučil, František: Východní Čechy, Praha 1978

Ein kleiner quadratischer Platz auf leicht ansteigendem Gelände, in der Mitte eine sehr schlichte barocke Pestsäule, ringsherum zweigeschossige Häuser, teils mit Arkaden, die schlichte barocke, klassizistische, historistische Fassaden zeigen. Etwas abseits einer Platzecke das Rathaus, ein kleiner Bau mit barockem Türmchen und daneben der Durchgang zur Kirche, die eine gewisse klassizistische Strenge hat. Und sogar dieses Wenige ist noch weit mehr als Ústí durch verschlafene Jahrhunderte, in der es nur Holzbauten kannte, hatte.

Dann kam mit der Eisenbahn der Kapitalismus. Beim Bahnhof entstanden Fabriken, aber eine wichtige auch oberhalb der Altstadt, wirklich nur eine Straße weiter als der Platz. Direkt daneben steht eine riesige historistische Villa, mit der sich ein Fabrikbesitzer auch symbolisch an die Stelle des Feudalherren, der in Ústí nie residiert hatte, setzte.

Dann entstand 1918 die Tschechoslowakei, die, mit den ungenügenden Mitteln, die ein kapitalistischer Staat dazu hat, die Entwicklung auch ärmerer Landesteile zu fördern suchte. Im Westen, unterhalb der Altstadt, entstand eine Gegend mit Einfamilienhäusern. Als deren Zentrum und zur Belebung des kulturellen Lebens der Stadt, vielleicht auch zur Schaffung eines solchen, wurde 1936 ein großes Theater gebaut.

RoškotovoDivadlo1

Der Eingang liegt höher am Hang in der Biegung einer Straße. Seine leicht vorgewölbte zweigeschossige Fassade wird nur von den Türen mit ihren runden Fenstern und einem Fensterband im Obergeschoß strukturiert. Dieser Bauteil wird nach hinten hin schmaler und schließt an den höheren Bühnenaufbau an, der rückwärtig halbrund endet. An beiden Seiten, tiefer am Hang, sind rechteckige Bauteile angefügt, die um die Schrägen als Balkone beginnen.

RoškotovoDivadlo2

Ein sehr klarer Bau also, dem sofort abzulesen ist, wie die Besucher vom Eingang zum Saal geleitet werden, während flankierend die Funktionsräume untergebracht sind. Roškotovo divadlo (Roškot-Theater) heißt es heute nach seinem Erbauer und derjenige, der in Ústí nad Orlicí die Informationstafeln schrieb, meint, Kamil Roškot sei in Europa als tschechischer Le Corbusier bekannt. Selbst wenn das stimmte, wäre es eher traurig, denn nicht tschechische Variante von irgendwas wollte Roškot hoffentlich werden, sondern einfach ein funktionales und aus seiner Funktion heraus schönes Gebäude bauen. Das ist ihm gelungen, insbesondere auch durch die Ausnutzung der Hanglage. Vom kleinen Park unterhalb tritt das Theater zudem in eine spannende Beziehung zur Kirche weiter oben.

RoškotovoDivadloKirche

Mit nur einem Gebäude gab die erste tschechoslowakische Republik der Stadt somit wertvolle neue Qualitäten.

Dann kam 1948 der Sozialismus. Wie schon unten am Bahnhof gesehen, brachte er die weit stärkeren Veränderungen. Ústí nad Orlicí wurde Stadt der Baumwolle. Die vorhandenen Strukturen der Textilindustrie wurden systematisch ausgebaut und ergänzt. Auf einem Schild, das heute eher ein Denkmal ist, kann man lesen, was es alles gab:

SchildVÚBElitexPerla

Forschung im VÚB, Výzkumný ústav bavlnářský (Forschungsinstitut für Baumwolle), das, mit der Entwicklung neuer Textilmaschinen befaßt, unter anderem die genannten Gebäude links des Eingangs zur Stadt hatte. Herstellung in einem Teilbetrieb des in Liberec sitzenden k.p. (koncernový podník, Konzernbetrieb) Elitex, dem die genannten Anlagen rechts des Eingangs zur Stadt gehörten. Anwendung im n.p. (národní podník, nationaler Betrieb) Perla, der das Gelände oberhalb des Stadtzentrums hatte.

Planmäßig also wurde die wirtschaftliche Basis der Stadt entwickelt und planmäßig wurde die Stadt selbst erweitert. So gut das Theater war, es reichte nicht aus. So wurde angrenzend an die riesige Villa, die zum Museum umgewidmet wurde, ein Kulturní Dům (Kulturhaus) errichtet.

KulturníDůmÚstíNadOrlicí

Ein zweigeschossiger Bau, die recht lange Fassade strukturiert durch Fensterbänder und die Treppenhäuser neben dem Eingangstrakt in der rechten Hälfte völlig verglast. Dieser selbst ist ein wenig vorgesetzt und wirkt durch die breiten hellen Steinbänder seines Balkons und seines Dachs, die von dünnen Stützen getragen werden. Neben den Türen sind zwei Mosaiks in metallisch glänzenden Farben.

Mosaik1

Links zwei Figuren, von denen man vielleicht nicht sehen, aber annehmen kann, daß sie Mann und Frau sein sollen, in einer stilisierten Landschaft mit Fabrik. Auch wenn die Fahne hinter ihnen früher rot war, vielleicht auch Hammer und Sichel trug, die beiden schauen doch zu leblos, um gelungener Ausdruck des Sozialismus zu sein.

Mosaik2

Rechts drei Frauen, deren Bedeutung vollends rätselhaft ist. Wie aus dem Art Déco übergebliebene Göttinnen sitzen sie da im Vagen. Auf der anderen Seite des Gebäudes sind Säle, von denen sich ein weiter Blick über die Stadt hinweg in die umliegenden Hügel bietet, man sieht die Tanzveranstaltungen geradezu vor sich. Ist das Gebäude selbst nur eine ähnlich funktional schöne Fortsetzung dessen, was das Theater begonnen hatte, so ist der städtische Raum, zu dem es gehört, viel umfassender gedacht. Um seinen Vorplatz stehen verschiedene Schulgebäude, vor allem aus sozialistischer, aber auch ein großes aus österreichischer Zeit. Zwischen diesen und Kindergärten führt ein Weg weiter hinauf zur nächsten Straße, an der etwas entfernt ein siebengeschossiger Bürobau, der sicher auch zum VÚB gehörte, steht.

Jenseits der Straße Einfamilienhäuser, doch hinter denen ragen schon die Bauten des Wohngebiets Štěpnice auf. Wo die Einfamilienhausgegend auf das Wohngebiet stößt, ist ein großer Schulkomplex, der sich hufeisenförmig zu dessen Zentrum öffnet. Es ist ein ganz simpler zweigeschossiger Bau an einer leicht ansteigenden Straße, die nach dem nahen Nachbarland Polská (Polnische Straße) heißt.

NákupníStřediskoŠtěpnice

Doch da er von dieser durch einen Grünstreifen getrennt ist und vor dem Obergeschoß eine Terrasse verläuft, die wegen der Steigung ebenerdig endet, bildet er zwei angenehme Einkaufsbereiche, einen schattigen unteren und einen sonnigen oberen, wo auch ein Restaurant mit großem Außenbereich ist. Von den braunen Kacheln über die Aufschriften „Nákupní středisko“ (Einkaufszentrum, aber nicht das heute übliche Wort dafür) und „Dům služeb“ (Haus der Dienstleistungen) auf dem Dach bis zum großen sandsteinernen Frauenakt, der im Grünbereich halb sitzt und halb liegt,

DůmSlužebŠtěpnice

ist hier alles noch wie einmal geplant und funktioniert auch genau so. Auch die örtlichen Supermärkte heißen noch „Konzum“ und sind genossenschaftlich organisiert.

KonzumŠtěpnice

Gerade dieser „Konzum“ aber plant, das Wohngebietszentrum durch einen Umbau seiner Terrasse zu berauben, angeblich schon im November 2014.

Umbau

Das Wohngebiet ringsum entspricht der schlichten Gelungenheit seines Zentrums. Sechs- und achtgeschossige Gebäude sind in lockerer Zeilenbebauung an die Straßen gesetzt und in den Grünflächen dazwischen gibt es Spielplätze und Kindergärten.

Oben auf der Hügelkuppe gelegen, mit allseitig freiem Blick in die Landschaft, ist das Wohngebiet so etwas wie der natürliche Abschluß einer Entwicklung, die mit der Ankunft der Eisenbahn begann. Die archetypische tschechoslowakische Kleinstadt, als die man Ústí nad Orlicí auf dem Weg von der Bahnstrecke im Tal bis hier herauf erleben konnte, ist auf ihre Art nicht weniger sehenswürdig als viele andere Orte, die mit typischen Sehenswürdigkeiten reicher gesegnet sind.

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