Die eingesperrte Villa

Die Vormosergasse, eine stille Straße im reichen 19. Bezirk Wiens und nicht anders als viele andere in der Umgebung.

Vormosergasse

Fast könnte man übersehen, wie die dreigeschossige Blockrandbebauung von einer kleinen Villa unterbrochen wird.

VillaKornfeld2

Ein kleines, aber entscheidendes Stück von der Straße zurückgesetzt steht sie da, zwei-, zweieinhalbgeschossig mit einfacher barocker Pilastergliederung und Walmdach. An die Brandwände der Nebengebäude schließt sie mit zwei sehr schmalen Quertrakten an. Im linken ist der Eingang und man erkennt in den aufsteigenden seitlichen Fenstern des Erdgeschosses eine Treppe. Links wie rechts folgt als zweites Geschoß eine offene Loggia und darüber eine Dachterrasse, die schon auf der Höhe des Dachs dieses Gebäudes, aber unterhalb der Dächer der angrenzenden ist.

VillaKornfeld1

Sogleich scheint dieses Gebäude, so eigenartig eingezwängt, aber doch stur seinen Platz behauptend, eine Geschichte erzählen zu wollen, diese vielleicht: Im späten 18. Jahrhundert wurde es als Landsitz eines kleinen Adligen errichtet, aber später, in der Mitte des 19. Jahrhunderts kamen seine Nachkommen in Geldschwierigkeiten und ließen auf ihrem Land Mietshäuser errichten. Um aber doch ein wenig Abstand zu ihren neuen Nachbarn zu halten und sich doch einen, wenn auch nur sehr bescheidenen, Rest aristokratischer Großzügigkeit zu bewahren, ließen sie die Quertrakte errichten.

Natürlich stimmt nichts an dieser Geschichte. Die Mietshäuser wie die Villa Kornfeld, so heißt sie nach ihrem Besitzer, wurden um 1910 errichtet, vom selben Architekten auch. Nicht Überbleibsel einer früheren Epoche, in der wenigstens der Adel sich großzügigen Raum leisten konnte, sondern Vorbote einer neuen Epoche, in der jeder ihn haben wird, ist die Villa. Die Quertrakte sind wie Arme, die einen Weg durchs Dickicht bahnen. Dieses Kleinod macht also vor, was wenig später zur Aufgabe jeder fortschrittlichen Architektur wurde. Aber auch davon hätten der Besitzer der Villa und sein Architekt sicher nichts geahnt. Dafür hätten sie sich über die Geschichte vielleicht gefreut, denn man weiß ja, daß neues Geld sich nichts mehr wünscht als wie altes Geld zu wirken. Die Behauptung von Traditionen, die aber frei erfunden waren, ist einer der entscheidenden Gründe für den Erfolg der Neostile, wie man bei Misfits‘ Architecture schön nachlesen kann. Und sogar die Geschichte vom verarmten Adel ist noch besser als die banale Realität.

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