„Lieber Axe Anarchy als Anarchismus“

Überall in Wien sieht man anarchistische Slogans,

AnarchistenFavoriten

Plakate,

AnarchistenLeopoldstadt

Aufkleber, die Anarchisten sind die mit Abstand wahrnehmbarste linke Gruppe der Stadt.

AnarchistenMargareten

Für den deutsche Verhältnisse Gewöhnten ist das recht überraschend, da in Deutschland immer die Antifa diese Rolle einnimmt. Das anarchistische A hingegen ist dort nur noch wenig mehr als ein unpolitisches Accessoire für Punks und solche, die es sein wollen. Die Antifa hat eine eher vage politische Ausrichtung, aber die unzweifelhaft sinnvolle Fokussierung auf ein praktisches Ziel: den Kampf gegen Faschisten. Was aber wollen Anarchisten?

Am prägnantesten ist das Denken der hiesigen Anarchisten in einem Aufkleber zusammengefaßt, auf dem da steht: „Alle Politiker sind Arschlöcher. Überall.“

AnarchistenHeiligenstadt

Diese Aussage mag durchaus wahr sein. Es ist durchaus möglich, daß es nötig ist, ein Arschloch zu sein, um ein Politiker zu sein. Bloß was sollte daraus folgen? Solange man keinen persönlichen Umgang mit jemandem hat, kann einem seine Persönlichkeit völlig egal sein. Ein Politiker soll kein guter Mensch sein, sondern gute Politik machen. Wäre Lenin beispielsweise pädophil gewesen, so änderte das nichts, rein gar nichts an der segensreichen weltverändernden Wirkung seiner und seiner Partei Politik. Genau das ist es ja, was die Anarchisten ignorieren: die Partei. Eine Partei ist eine Organisation, die dafür sorgt, daß die Persönlichkeiten der individuellen Mitglieder und insbesondere der Politiker dem politischen Ziel untergeordnet werden. Die Partei sorgt dafür, daß es ganz egal ist, ob man ein Arschloch ist.

Diesen Zusammenhang aber wollen Anarchisten wie alle kleinbürgerlichen Idealisten nicht verstehen. Sie sind wie Kinder, die angesichts der offenkundigen Ungerechtigkeiten denken, man müsse nur ein guter Mensch sein, damit eine heile Welt entstehe, man müsse es nur ganz doll wollen. Daß sie diese heile Welt Anarchie oder klassenlose Gesellschaft oder was auch immer nennen, ist dabei nur ein Detail. Man kann den Anarchisten zugute halten, daß ihr Ziel, ganz wie das des Kindes, ein richtiges ist. Man kann sogar großzügig sagen, daß es mit dem Ziel der Kommunisten, das wir Kommunismus nennen, identisch ist. Bloß wissen Kommunisten, daß es nicht genügt, etwas zu wollen, damit es geschehe, sondern daß es zu jedem Ziel erst einmal einen Weg braucht. Diesen Weg nennen wir Weltrevolution, Diktatur des Proletariats, Sozialismus. Es ist ein Weg so schwer und weit, daß es verrückt wäre, auf ihm auf irgendwelche Hilfe, die sich anbietet, also auch die von Arschlöchern, zu verzichten. Dadurch, daß die Anarchisten die Notwendigkeit dieses Wegs bestreiten, diskreditieren sie auch ihr Ziel und sind, seit sie es vor hundert Jahren aufgegeben haben, Staatsoberhäupter und Könige zu ermorden, für die bürgerliche Gesellschaft bestenfalls ein harmloses Ärgernis, das eben ein paar Wände beschmiert, und schlechtestenfalls eine willkommene Beihilfe, die Gesellschaftskritik in idealistische Bahnen zu lenken.

Der einzige der anarchistischen Slogans in Wien, der geeignet sein sollte, den Betrachter zu einem Moment des Nachdenkens zu verleiten, besagt: „Weiße Wände = teure Mieten“.

AnarchistenWände

Anders als die sonstigen weltfremden Banalitäten enthält er so etwas wie eine Argumentation, wie einen Gedanken. Wer ihn liest, könnte für einen Moment seine Haltung zu beschmierten Wänden überdenken. Aber er müßte schon Anarchist sein, um zu meinen, diese seien ein besonders guter Weg zu niedrigeren Mieten und um nicht im zweiten Moment zu sehen, daß sie durch auf die Mieten umgelegte Reinigungskosten das genaue Gegenteil bewirken könnten.

Als letztes, um mit etwas Positiverem zu enden, ein Beispiel nicht aus Wien, sondern aus einem Land, wo man jede linke Regung ein wenig großzügiger zu betrachten hat: aus Polen. Im verlorenen Städtchen Kłodzko, im Park oberhalb der Festung, gibt es etwas, was man mit gutem Recht als ein anarchistisches Denkmal beschreiben darf. Die Überbleibsel eines anderen Denkmals, vielleicht eines sowjetischen Ehrenmals, sind hier anarchistisch umgestaltet.

DenkmalKłodzko

Wie das A auf den Obelisken und dann die Inschrift, übersetzt „Die beste Regierung ist die, die es nicht gibt“, auf den Sockel gesetzt sind, verrät ein großes Feingefühl, das weit über typische Schmierereien hinausgeht. Wirklich nur so, durch die Aneignung eines älteren Denkmals, kann ein angemessenes anarchistisches Denkmal entstehen. So ist es etwas Besonderes, ja, etwas Schönes, und auch, wer sich immer noch lieber von billigem Deodorant als von Anarchismus umwölkt weiß, sollte das zu schätzen wissen.

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2 Gedanken zu „„Lieber Axe Anarchy als Anarchismus“

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