Archiv für den Monat April 2014

Cottbus-Stadtpromenade

Daß Cottbus in der DDR zur Bezirksstadt wurde, war selbstverständlich. Weit und breit gibt es einfach keine anderen ähnlich großen Städte. Auch als Industriestadt mit entsprechend starker Tradition der Arbeiterbewegung entsprach Cottbus genau den Anforderungen an eine Bezirksstadt. Als rauhe Industriestadt in einer kahlen, flachen Landschaft, nah bei Berlin, aber unendlich weit entfernt, kann man Cottbus auch heute noch allzu leicht erleben. Aber, vielleicht nur aus Zufall, vielleicht, weil es so viel auszugleichen hatte: Cottbus bekam von allen Bezirksstädten der DDR das schönste und gelungenste neue Stadtzentrum.
Stadtpromenade heißt es und erstreckt sich von Süden nach Norden entlang des Rands der Altstadt (im Bild die Situation während des Baus in den späten Sechzigern).

Aus Autorenkollektiv: Bezirk Cottbus, Dresden/Cottbus 1970

Aus Autorenkollektiv: Bezirk Cottbus, Dresden/Cottbus 1970 (Bilder zum Vergrößern anklicken)

Ihren Beginn bilden eine Straßenbahnhaltestelle und ein zehngeschossigen Punkthaus auf der rechten Seite, ein Wohngebäude wie alle höheren hier. Links ist das große dreigeschossige Gebäude des Kaufhauses „konsument“. Sein Erdgeschoß ist stark verglast und um das obere Geschoß zieht sich ein Fensterband, aber sonst ist alle bestimmt von einer Verkleidung aus weißem gemusterten Beton. Davor, aber auf einer leicht erhöhten Terrassenfläche, steht eine Milch-Eis-Mokka-Bar, die über ihren verglasten Wänden ein sternförmig nach allen Seiten aufstrebendes Dach aus einer Holzschalenkonstruktion hat.

Aus Große, Gerald: Spreewald / Błota, Bautzen 1983

Aus Große, Gerald: Spreewald / Błota, Bautzen 1983

Sie heißt selbstverständlich „Kosmos“.

Aus Autorenkollektiv: Bezirk Cottbus, Dresden/Cottbus 1970

Aus Autorenkollektiv: Bezirk Cottbus, Dresden/Cottbus 1970

In der Mitte der Stadtpromenade ist eine Wiese, in die die Trasse der Straßenbahn eingebettet ist. So besteht sie aus zwei klar abgegrenzten Teilen, die jedoch durch eine bei der Milch-Eis-Mokka-Bar ansetzende Fußgängerbrücke mit flach ansteigenden oder spiralförmigen Rampen und Treppen sogleich wieder verbunden sind. Auf dieser Brücke befindet sich eine große vierseitige Uhr, deren Pfeiler nach oben und, unter der Brücke, auch nach unten spitz zuläuft.

Aus Schütt, Erich/Krönert, Hans-Hermann: Cottbus, Leipzig 1979

Aus Schütt, Erich/Krönert, Hans-Hermann: Cottbus, Leipzig 1979

Der rechte Teil der Stadtpromenade ist mit einer Mischung aus leicht abgegrenzten Bereichen mit Beeten und Bänken, die in die Wiese hineinragen, und einem großzügigen Weg für Fußgänger einerseits dem Verweilen, andererseits dem raschen Vorankommen gewidmet. Hier ist, in der Fortsetzung der Brücke, auch die Verbindung in die Altstadt. Das bestimmende Gebäude ist das Restaurant „Am Stadttor“, das Teile der rotbacksteinernen Stadtmauer, darunter einen kleinen Turm, in sich aufnimmt.

Aus Krenz, Gerhard: Architektur zwischen gestern und morgen, Berlin 1974

Aus Krenz, Gerhard: Architektur zwischen gestern und morgen, Berlin 1974

Es ist ein großer Flachbau mit einer ausgedehnten Dachterrasse, über die sich teilweise ein wie schwebendes Vordach spannt.

Aus Große, Gerald: Spreewald / Błota, Bautzen 1983

Aus Große, Gerald: Spreewald / Błota, Bautzen 1983

Ohne irgendwelche historistischen Ornamente, allein durch seine Proportionen fügt sich der Bau in die alte Stadtmauer ein. Der Stadtpromenade wendet es ein Mosaik zu, das Szenen aus dem Leben der Bauern des nahen Spreewalds zeigt, und in einem der Beete ist eine Plastik, die eine liegende Frau mit Buch darstellt.

Aus Schütt, Erich/Krönert, Hans-Hermann: Cottbus, Leipzig 1979

Aus Schütt, Erich/Krönert, Hans-Hermann: Cottbus, Leipzig 1979

Der linke Teil der Stadtpromenade ist von der jenseits von ihr liegenden Mietskasernenbebauung durch ein langes zehngeschossiges Wohngebäude separiert. Seine Fassade ist sehr abwechslungsreich, da sein erster Teil von Balkonen bestimmt wird, sein zweiter hingegen von Fensterbändern und zwei vorgesetzten seitlich verglasten Treppenhaustrakten. Dieser Teil ist, wie schon das Kaufhaus zuvor zeigte, ganz dem Einkaufen gewidmet. Vor dem Gebäude, aber losgelöst davon, erstreckt sich ein System aus vielen flachen rechteckigen Pavillons.

Aus Schütt, Erich/Krönert, Hans-Hermann: Cottbus, Leipzig 1979

Aus Schütt, Erich/Krönert, Hans-Hermann: Cottbus, Leipzig 1979

Sie sind oft völlig verglast und untereinander durch schmale Vordächer verbunden, so daß immer wieder intime kleine Plätze entstehen, auf denen Plastiken oder Brunne stehen. Die Pavillons schaffen einen verwinkelten, an orientalische Märkte erinnernden Raum, der aber durch die Transparenz und den so ständig vorhandenen Bezug zum Rest der Stadtpromenade doch nie eng oder labyrinthisch wirkt. Abschluß dieses Teils der Stadtpromenade bildet ein weiteres zehngeschossiges Punkthaus, bei dem ein weiterer Übergang zum rechten Teil ist.

Aus Schütt, Erich/Krönert, Hans-Hermann: Cottbus, Leipzig 1979

Aus Schütt, Erich/Krönert, Hans-Hermann: Cottbus, Leipzig 1979

Nach älterer Bebauung kreuzt eine Straße und die Stadtpromenade endet mit der Stadthalle, einer weiteren Straßenbahnhaltestelle und einem weiteren zehngeschossigen Punkthaus, das dem ersten entspricht. Die Stadthalle ist ein letztlich unauffälliger Bau mit verglastem Sockelgeschoß und nach vorne verglastem, zu den Seiten mit gemustertem Beton verkleidetem Saaltrakt.

Aus Schütt, Erich/Krönert, Hans-Hermann: Cottbus, Leipzig 1979

Aus Schütt, Erich/Krönert, Hans-Hermann: Cottbus, Leipzig 1979

Ob ihrer leichten Biegung ist die Stadtpromenade aber nicht im geringsten eine Achse, die auf die Stadthalle oder auf sonst irgendetwas zuführt. Eher schon setzt sich sich nach rechts hin in einer Grünanlage, die dem weiteren Verlauf der früheren Stadtbefestigung folgt, fort.
Doch was ist die Stadtpromenade eigentlich? Ist sie eine Grünanlage, eine Fußgängerzone, ein Platz? Leichter ist zu sagen, was sie nicht ist: eine Straße. Nichts an ihr, und das, obwohl auf ihr die Straßenbahn fährt, erinnert an eine Straße. Manchmal, etwa vor dem Kaufhaus, hat sie etwas von einem Platz, manchmal, vor Restaurant und Stadtmauer, etwas von einer Grünanlage, manchmal, zwischen den Pavillons, etwas von einer Fußgängerzone. Aber immer kommen dann noch so viele andere Elemente hinzu und die Einordnung scheint wieder falsch. Als enorm vielfältiger, enorm offener, aber immer strukturierter Raum, in dem jedes Element gleich wichtig ist und bloß einige, die explodierende Form der Bar „Kosmos“ und die Uhr, besonders hervortreten, ist die Stadtpromenade etwas ganz eigenes. Die Stadtpromenade ist die Stadtpromenade. Schon allein, daß sie mit herkömmlichen Begriffen nicht mehr zu fassen ist (und auch auf Photos nur sehr schwer), erklärt, wieso die Cottbuser Stadtpromenade ein Höhepunkt des Städtebaus der DDR ist.

Aus Große, Gerald: Spreewald / Błota, Bautzen 1983

Aus Große, Gerald: Spreewald / Błota, Bautzen 1983

Cottbus kann auf sie für immer stolz sein, aber es hat davon nur noch wenig. Das meiste des oben Beschriebenen existiert inzwischen nicht mehr. Wenn die Stadtpromenade heute noch keine Straße ist, dann leider nur, weil sie gar nichts mehr ist. Man kann das traurig finden, aber Cottbus ist keine Bezirksstadt mehr und so hat es eben auch kein Zentrum mehr, wie es einer Bezirksstadt gebührt. Es spricht jedenfalls für die Stadt, daß im Jahre 2006 eine Bürgermeisterin sich weigerte, die Zerstörung der Stadtpromenade zu unterstützen und deshalb abgesetzt werden mußte.

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Stausee Orlík

Riesige Staumauern inmitten der Wildnis, riesige Seen, wo vorher Täler waren, reißende Flüsse, die gezähmt sind und deren Kraft zur Erzeugung von Elektrizität eingesetzt wird – es gibt kaum stärkere Bilder für den Sieg des Menschen über die Natur. Seit den ersten großen Projekten in der Sowjetunion während des ersten Fünfjahresplans sind Staudämme und Wasserkraftwerke feste Bestandteile der Ikonographie des Sozialismus. Wie wenig anderes symbolisieren sie den Heroismus des sozialistischen Aufbaus. Sie sind nicht nur unbestreitbar nützlich für die Energieerzeugung, sie sehen auch danach aus. Atomkraftwerke etwa bleiben im Vergleich dazu abstrakt, man kann sich nicht wirklich vorstellen, was in ihnen geschieht. Staudämme aber verändern die umliegende Natur so stark und deutlich, daß sie weiterer Erklärung kaum mehr bedürfen.

Zu einem der wichtigsten Projekte der sozialistischen Tschechoslowakei gehörte daher die Regulierung der Vltava (Moldau). Pläne dazu gab es schon vorher, aber erst der Sozialismus konnte sie umsetzen. So entstand in den Fünfzigern und Sechzigern die Vltavská kaskáda (Moldau-Kaskade), eine Folge größerer und kleinerer Stauseen, die sich von südlich von Prag durch ganz Südböhmen bis in den Böhmerwald (Šumava), wo der Fluß nahe der Grenze zu Westdeutschland entspringt, erstreckt. Im Vordergrund standen selbstverständlich praktische Erwägungen wie die Energieerzeugung, der Hochwasserschutz und die Verbesserung der Schiffbarkeit von Vltava und Elbe. Doch das bildstarke Ergebnis war die Veränderung der Natur.

Das zeigt etwa der Stausee Orlík im nördlichen Südböhmen. Wenn man heute die breite Wasserfläche zwischen mal sanft abfallenden und bewaldeten, mal steileren felsigen Uferhängen sieht, kann man sich das tiefe Tal der alten Vltava gar nicht mehr vorstellen. Wenn man heute das neogotisch umgebaute Schloß Orlík

Aus Pechar, Josef: Československá architektura, Praha 1979

Aus Pechar, Josef: Československá architektura, Praha 1979

oder die frühgotische Burg Zvíkov mit ihrem hohen Bergfried auf kleinen Halbinseln im Wasser sieht,

Aus Pechar, Josef: Československá architektura, Praha 1979

Aus Pechar, Josef: Československá architektura, Praha 1979

kann man sich gar nicht mehr vorstellen, wie sie gewirkt haben müssen, als sie noch auf hohen Felsen über dem Tal thronten. Die alten Bauwerke des Feudalismus sind inmitten des sozialistischen Stausees wie verwandelt. In dieser neuen, menschengemachten Umgebung sind sie selbst neu und menschlich. Sie sind nun auf Augenhöhe des Betrachters, der an den Ufern oder auf einem der Segelboote auf dem See steht, und haben alles Drohende und Herrschaftliche verloren. Nicht anders als die Segelboote spiegeln sie sich im Wasser und dienen nur der Freude des Betrachters.

Fährt man mit einem Ausflugsschiff von Orlík nach Zvíkov, durchquert man etwa auf halber Strecke die Žďákovský most (Brücke von Žďákov).

Aus Pechar, Josef: Československá architektura, Praha 1979

Aus Pechar, Josef: Československá architektura, Praha 1979

Sie hat an beiden Seiten starke Betonpfeiler, dazwischen einen weiten stählernen Bogen und an diesem ganz schlanke stiftartige Stahlstreben, die die Fahrbahn tragen.

Zeichnung von Ruth und Rudolf Peschel aus Henselmann, Irene u. Hermann: Das große Buch vom Bauen, Berlin 1976

Zeichnung von Ruth und Rudolf Peschel aus Henselmann, Irene u. Hermann: Das große Buch vom Bauen, Berlin 1976

Mithin ist sie also ein ganz simpler, völlig funktionaler Bau, der seinen Zweck, die beiden Ufer des Stausees miteinander zu verbinden, perfekt erfüllt, aber im Zusammenspiel mit dem Stausee wird sie noch zu etwas anderem: zu einem Triumphbogen des Sozialismus.

Aus Maleček, František: Jižní Čechy, Praha 1986

Aus Maleček, František: Jižní Čechy, Praha 1986

Wiener Drachen oder die Synthese von Architektur und bildender Kunst

Den einen der beiden Drachen findet man in der Porzellangasse 18 im 9. Bezirk

DrachePorzellangasse

und den anderen in der Steingasse 15 im 3. Bezirk.

DracheSteingasse

Bestimmt gibt es in Wien noch viel mehr Drachen, aber darum soll es nicht gehen. Es soll auch nicht um den offenkundigen Unterschied in der künstlerischen Qualität zwischen dem banal und bezuglos auf die Fassade gesetzten Drachen und der in so überraschendem Realismus eingesperrten Drachin gehen. Es soll überhaupt nicht um Drachen gehen. Sie dienen hier nur als Beispiel dafür, wie Kunst an Gebäuden angeordet werden kann. Der erste Drache befindet sich hoch oben am Giebel eines reich verzierten Gebäudes.

Porzellangasse18

Der zweite Drache hingegen befindet sich direkt über der Tür eines Gebäudes, das ansonsten nur noch den direkt darüber befindichen Balkon als Zierelement hat.

Steingasse15

So ist der erste fast unsichtbar und ob er da ist oder nicht, ist reichlich unwichtig, während der zweite unübersehbar auf relativ angenehmer Höhe ist und vom ganzen übrigen Gebäude in seiner Wirkung unterstützt wird. Im ersten Fall handelt es sich um Kunst, die einem Gebäude einfach als beliebige Dekoration beigefügt wird, im zweiten Fall jedoch kann man von einer versuchten Synthese von Architektur und bildender Kunst sprechen.

Wenn man sich denn entscheidet, ein Gebäude mit bildkünstlerischen Elementen zu ergänzen, kann einzig eine solche Synthese das Ziel sein. Nicht zuerst die Qualität des Kunstwerks ist dafür entscheidend, sondern, ob es so am Gebäude angebracht ist, daß es wirklich zu sehen ist und wirklich etwas mit ihm zu tun hat. Es ist, wie vieles, eine Frage des menschlichen Maßes, also in dem Fall der Frage, ob sich die Kunst an den Menschen richtet und von ihm gesehen werden will oder nicht. Das ist aber nicht mal eine sehr schwierige Frage, denn auch in einem Museum würde kein Kurator ein Gemälde hoch oben an die Wand eines zehn Meter hohen Saals hängen, sondern eben auf Augenhöhe des Betrachters. Insofern ist auch der zweite Drache noch kein herausragend gutes Beispiel, aber er weist in eine richtige Richtung. Der Vergleich zeigt zudem, daß Ornamentik der Synthese von Architektur und bildender Kunst immer bloß im Weg steht, ganz wie ein Gemälde durch einen verschnörkelten Rahmen nichts gewinnt.

Wohngebiet Leninallee/Ho-Chi-Minh-Straße

Das Wohngebiets Leninallee/Ho-Chi-Minh-Straße liegt im nördlichen Teil des Bezirks Lichtenberg von Berlin, der Hauptstadt der DDR. Obwohl eines der größten, erlangte es nie große Bekanntheit, denn seine Entstehungszeit liegt genau zwischen der Fertigstellung des Stadtzentrums um den Alexanderplatz, Vorzeigeprojekt der Ulbricht-Ära, und dem Baubeginn Marzahns, Vorzeigeprojekt des Wohnungsbauprogramms der Honecker-Ära. Es ist aber das einzige Wohngebiet seiner Größe in Berlin, das wirklich abgeschlossen war, als die DDR endete, weshalb es von ganz besonderem Interesse ist.

Aus Autorenkollektiv: Erich Honecker in Berlin, Berlin 1982

Aus Autorenkollektiv: Erich Honecker in Berlin, Berlin 1982 (Bilder zum Vergrößern anklicken)

Anders als Marzahn, das sich bandartig erstreckt, dehnt sich das Wohngebiet Leninallee/Ho-Chi-Minh-Straße sternförmig um einen Mittelpunkt aus. Dieser Mittelpunkt ist ein weißes Hochhaus. Es besteht aus zwei versetzten Teilen, der eine 23, der andere 25 Geschosse hoch, im zweigeschossigen Sockel sind Läden, darüber durchgehend Balkone. Vor ihm treffen sich im rechten Winkel die beiden Teile des Anton-Saefkow-Platzes, die in nördlicher und westlicher Richtung verlaufen. Seine Form bekommt der Platz durch ein dreizehngeschossiges Gebäude, das die Innenseite des Winkels einnimmt. Auch hier zwei Sockelgeschosse, das untere mit Läden, Cafés, Restaurants zurückgesetzt, das obere stark verglast mit einer Bibliothek und anderem. Die Südseite des Platzes nehmen ein würfelförmiges Kaufhausgebäude, das „konsument“, mit vier Geschossen und eine flache Kaufhalle ein. Beide, das Kaufhaus völlig, die Kaufhalle ums Dach, sind mit mattbraunen Metallwaben verkleidet. In der Mitte des Platzes, vor Hochhaus und Kaufhaus, steht ein großer Brunnen aus übereinandergeschichteten, aber wie freischwebenden Betonbalken, die seine beiden Teile symbolisch verbinden, aber auch wie eine Quelle des ganzen Wohngebiets sind.

Um diesen Platz mit seinen klaren eckigen Formen legt sich wie ein grünes Kissen von Osten und Süden etwas tiefer der Fennpfuhl-Park. In ihm ist alles bestimmt von den geschwungenen Formen der Wege, Wiesen und des namensgebenden Sees, der Fennpfuhls. Südlich und südöstlich des Platzes sind jenseits der größeren Teile des Sees weite, offene Wiesenbereiche, insbesondere eine leicht abfallende geschwungene Liegewiese an seinem Ufer. Von dort fast noch mehr als vom Platz wirkt das Hochhaus in seiner ganzen klaren, menschlichen Größe. Wie ein Vertreter des Hochhauses am See steht am platzseitigen Ufer das Restaurant „Seeterrassen“, ein weißer Eckbau, der in der Mitte drei Geschosse hat, an die zweigeschossige in Terrassen ansteigende Seitenflügel ausgehen.

Aus Funeck, Gottfried/Schönholz, Waltraud/Steinwasser, Fritz: Park- und Grünanlagen in Berlin, Berlin 1988

Aus Funeck, Gottfried/Schönholz, Waltraud/Steinwasser, Fritz: Park- und Grünanlagen in Berlin, Berlin 1988

Auf dem Fennpfuhl selbst bietet im Sommer ein Bootsverleih Fahrten an und eine Fontäne spritzt das Wasser in die Höhe.

Aus Funeck, Gottfried/Schönholz, Waltraud/Steinwasser, Fritz: Park- und Grünanlagen in Berlin, Berlin 1988

Aus Funeck, Gottfried/Schönholz, Waltraud/Steinwasser, Fritz: Park- und Grünanlagen in Berlin, Berlin 1988

Östlich des Platzes, der sich nach hier auch durch den fast transparenten Bau einer Schwimmhalle öffnet, bietet der Park um den kleineren Teil des Sees intimere Bereiche wie etwa einen Rosengarten. In den Park sind zudem zwei ältere Gebäude eingebettet: eine kleine Villa im Süden, die als Kulturzentrum dient, und eine große Schule am östlichen Rand, die so ein wenig von ihrem wilhelminischen Schrecken verliert und durch ihre Uhr sogar einen Nutzen für alle Besucher des Parks bekommt.

PlanWohngebiet

Legende: 1 und 2

Das Wohngebietshauptzentrum am Anton-Saefkow-Platz und den Park, die teils ineinander verschwimmen, teils scharf abgetrennt sind, aber immer eine Einheit bilden, begrenzen die namensgebenden Straßen: die Leninallee im Norden und die Ho-Chi-Minh-Straße im Osten. Beide sind große vier- bis sechsspurige Verkehrsadern, die ganz dem Autoverkehr vorbehalten sind. Die auf der Leninallee vom Stadtzentrum im Westen herkommenden Straßenbahnlinien gabeln sich vor dem Wohngebiet und erschließen es auf kleineren Straßen an seinem nördlichen Rand, auf Oderbruch- und Hohenschönhauser Straße, und südlich des Anton-Saefkow-Platzes, auf der Karl-Lade-Straße. Kurz nach diesem verläßt die Straßenbahn die Straße gar und fährt auf einer alleeartigen Strecke am Rand des Parks entlang, bis sie die Ho-Chi-Minh-Straße kreuzt.

Die eigentlichen, dem Wohnen vorbehaltenen Teile des Wohngebiets schließlich erstrecken sich nördlich der Leninallee, östlich der Ho-Chi-Minh-Straße

PlanLeninallee

Legende: 1 und 2

und westlich und südlich des Wohngebietshauptzentrums.

PlanDuclosStraße

Legende: 1 und 2

Sie bestehen jeweils aus zehngeschossigen Gebäuden, die sich, teils geschwungen, um sehr große Hofbereiche legen, die von einem Netz von Fußwegen durchzogen sind und durch Erschließungsstraßen, vielerlei Grünanlagen mit Spielplätzen und Sportanlagen, Schulen und Kindergärten weiter strukturiert sind. Die einzelnen Teile des Wohngebiets haben vier weitere Wohngebietszentren: eins dort, wo die Straßenbahnlinie die Ho-Chi-Minh-Straße kreuzt und auf der Herzbergstraße weiterführt, ein zweites am Rande des Wohngebiets in der Jacques-Duclos-Straße, wie die südliche Verlängerung der Ho-Chi-Minh-Straße heißt, ein drittes am S-Bahnhof Storkower Straße (vormals Zentralviehhof) ebenfalls im Süden und ein viertes in der Verlängerung des nördlichen Teils des Anton-Saefkow-Platzes jenseits der Leninallee. Sie sind jeweils durch ein 19- und 21-geschossiges Doppelhochhaus markiert. Hinzu kommen noch einige weitere dieser Hochhäuser an wichtigen Stellen in der Nähe des Hauptzentrums, zehngeschossige Punkthäuser, die zwischen dem Ende des Parks und der Kreuzung Leninallee/Ho-Chi-Minh-Straße vermitteln, und je ein 18-geschossiges Hochhaus an der Leninallee ganz am westlichen Beginn des Wohngebiets und bei der nördlichen Verlängerung des Anton-Saefkow-Platzes.

Steigt man am S-Bahnhof Storkower Straße aus, gelangt man auf eine Promenade, einen nur für Fußgänger zu erlebenden Boulevard durchs Wohngebiet. Nach dem Zentrum das mit einer weiteren Schwimmhalle endet, geht man zwischen der zehngeschossigen Bebauung rechts und Schulgebäuden links bis man zwischen einem zweigeschossigen Apothekenbau und der viergeschossigen Poliklinik links, einem würfelförmigen Bau, dessen Fassade ganz aus Fensterbändern und hellblauer Kunststoffverkleidung besteht, auf die Karl-Lade-Straße, wo die Straßenbahn fährt, und, nach einem weiteren der 21-geschossigen Hochhäuser links, auf den Anton-Saefkow-Platz. Dessen Verlauf folgt man wie selbstverständlich und wird so weiter bis zur Leninallee und über diese hinaus in ein weiteres Wohngebietszentrum geführt. Durch einen breiteren, schon parkartigen Grünstreifen geht man weiter bis zur Hohenschönhauser Straße, wo die andere Straßenbahn fährt, und in den Volkspark Prenzlauer Berg, dessen bewaldeten Hand man schon von Weitem sah. So führt durch die sternförmige Struktur des Wohngebiets doch auch eine Radiale, aber sie ist äußerst subtil und nicht wichtiger als irgendeiner der anderen Wege durch das Wohngebiet.

Jedes der Wohngebietszentren besteht aus den gleichen drei Gebäudetypen, die auch anderswo in Berlin vorkommen: einer flachen Kaufhalle, einem zweigeschossigen Dienstleistungsgebäude mit vorgesetzter Treppe und Balkon vor dem Obergeschoß

Aus Autorenkollektiv: 750 Jahre Berlin - Das Buch zum Fest, Berlin/Leipzig 1986

Aus Autorenkollektiv: 750 Jahre Berlin – Das Buch zum Fest, Berlin/Leipzig 1986

und einem flachen Gaststättengebäude mit gewellten Betonschalendach.

Aus Pieper, Gerd/Rohatsch, Manfred/Lemme, Fritz: Grossküchen - Planung-Entwurf-Einrichtung, Berlin 1981

Aus Pieper, Gerd/Rohatsch, Manfred/Lemme, Fritz: Grossküchen – Planung-Entwurf-Einrichtung, Berlin 1981

Dennoch gleicht keines dem anderen. Während das Wohngebietszentrum an der Ho-Chi-Minh-Straße beinahe eng und beinahe im Schatten seines Hochhauses ist, ist das an der Leninallee völlig offen und voller Blickbeziehungen zum Anton-Saefkow-Platz und zum Volkspark Prenzlauer Berg. Sein Hochhaus flankiert es bloß beiläufig und alles Platzartige bekommt es durch eine locker von den Zentrumsbauten umspielte und in den Parkstreifen eingebettete gepflasterte Fläche, in deren Mitte der Vogelbrunnen steht.

Aus Autorenkollektiv: 750 Jahre Berlin - Das Buch zum Fest, Berlin/Leipzig 1986

Aus Autorenkollektiv: 750 Jahre Berlin – Das Buch zum Fest, Berlin/Leipzig 1986

Aber der vielfältigen und abwechslungsreichen städtischen Räume, in den Zentren, in den reinen Wohnbereichen und in der Verbindung von beiden und mit Hauptzentrum und Park, gibt es noch zahllose weitere. Wie enorm viel sich aus nur wenigen industriell gefertigten Gebäudetypen machen läßt, das sieht man hier überall.

Der gesamte nordwestliche Teil des Wohngebiets öffnet sich zum Volkspark Prenzlauer Park schon dadurch, daß seine zur Leninallee noch zehngeschossige Bebauung dorthin fünfgeschossig wird. So ist das Wohngebiet gar mit zwei Parks gesegnet, die aber unterschiedlicher nicht sein könnten. Ist der Fennpfuhlpark von menschlicher Hand gestaltet, dem Menschen die unterschiedlichsten und abwechslungsreichsten Erlebnisse von Natur und Architektur zu bieten, so ist der Volkspark Prenzlauer Berg, wiewohl sein Hügel aus aufgeschütteten Trümmern des zweiten Weltkriegs entstanden ist, eher waldartig und naturbelassen. Beides ist wertvoll, aber nur der Fennpfuhlpark gehört so ganz zum Wohngebiet. Es ist in seiner Gesamtheit wie eine Fortsetzung dessen, was in seinem Kern, in Anton-Saefkow-Platz und Park, angelegt ist: ein ständiges harmonisches Wechselspiel von Eckigem und Rundem, Hartem und Weichem, Geschlossenem und Offenem, Grünem und Grauem.

Ob seiner sternförmigen, potentiell unendlich erweiterbaren Struktur muß sich das Wohngebiet auch zu den anderen Seiten nicht abgrenzen, sondern will alles gutmütig in sich aufnehmen. Im Westen herrscht Bebauung aus den Zwanzigern vor, südlich der Leninallee geschlossenere, konservative, nördlich offene Zeilen. Im Süden bildet die S-Bahnstrecke die natürliche Grenze, bloß im weiteren Verlauf der Jacques-Duclos-Straße geht es in ältere Teile Lichtenbergs, nicht weit entfernt ist der alte Dorfanger, der Loeperplatz, mit seiner Kirche, den aber fortschrittliche fünfgeschossige Bebauung rahmt. Im Osten schließlich das weite Industriegebiet zwischen Leninallee und Herzbergstraße und nördlich der Leninallee schon bald das nächste Wohngebiet, mit dem es sich in eine, nun doch bandartige, Folge von Wohngebieten einfügt, die vom Alexanderplatz bis fast nach Marzahn reicht (das Wohngebiet Leninallee/Ho-Chi-Minh-Straße im Bild in der oberen Hälfte).

Aus Kiesling, Gerhard/Jahn, Fritz: Berliner Farben, Leipzig 1987

Aus Kiesling, Gerhard/Jahn, Fritz: Berliner Farben, Leipzig 1987

Aus dem Industriegebiet ragt das große Elektrokohlewerk auf und die AWG (Arbeiterwohngenossenschaft) Elektrokohle Lichtenberg verwaltete denn auch große Teile des Wohngebiets.

Nicht nur größtes abgeschlossenes Wohngebiet der Hauptstadt der DDR, sondern auch ihr wohl schönstes ist dieses an Leninallee und Ho-Chi-Minh-Straße. Das eine hängt vielleicht mit dem anderen zusammen. Erst der Abschluß der Bautätigkeit erlaubte wohl kleine, aber wichtige Details wie die durchgängige Gestaltung von Straßenschildern, Wegweisern und vor allem Stadtplänen aus Emaille.

PlanHoChiMinhStraßeHerzbergstraße

Wie eng die Stadtpläne (Design: Klaus Stützner, Hans Michael Linke und Rolf König) mit ihren Standorten im Wohngebiet verflochten sind, zeigt sich daran, daß ihre isometrischen Darstellungen der Gebäude nicht nach Norden ausgerichtet sind, sondern dem Blickwinkel des vor ihnen stehenden Menschen entsprechen. Den ganzen Stolz und weltstädtischen Anspruch der Hauptstadt der DDR, die im heutigen provinziellen Berlin so völlig aus einer anderen Zeit wirken, kann man daran erkennen, daß die Pläne viersprachig, deutsch, russisch, englisch und französisch, beschriftet waren.

Leicht käme man in die Versuchung, das Wohngebiet vollendet zu nennen. Heimat von fünfzigtausend Menschen, von der Größe einer Mittelstadt also, aber doch mitten in Berlin und fest mit ihm verbunden, hat es auch wirklich fast alles, was man sich von einem Wohngebiet wünschen kann. Im Park wurde gar in den Achtzigern eine kleine Kirche errichtet. Kleine Mängel aber gibt es doch (womit die Kirche nicht gemeint sein soll). Zum einen wirken die beiden großen Verkehrsachsen, trotz einer Unterführung

UnterführungHoChiMinh

an der Ho-Chi-Minh-Straße, oft zu trennend. Insbesondere das Fehlen einer Brücke über die Leninallee vom Anton-Saefkow-Platz zum nördlich gelegenen Wohngebietszentrum, die in frühen Plänen noch vorkam, macht sich schmerzlich bemerkbar. Zum anderen fehlen Kunstwerke, die dem wohldurchdachten Namenskonzept, die großen Straßen nach wichtigen ausländischen Politikern, die kleineren aber nach Mitgliedern der Widerstandsgruppe um Anton Saefkow und Bernhard Bästlein zu benennen, entsprächen. In der DDR gab es durchaus Künstler, die in der Lage gewesen wären, den vietnamesischen Kommunisten Ho Chi Minh, den französischen Kommunisten Jacques Duclos und deutsche Kommunisten wie Saefkow und Bästlein, die im Kampf gegen die Nazis fielen, sogar gemeinsam in einem Kunstwerk zu würdigen, was dessen Nichtexistenz nur noch bedauerlicher macht.

Hier von den Zerstörungen, die das Wohngebiet, nunmehr Wohngebiet Fennpfuhl, seit 1990 erfahren hat, zu reden, führte zu nichts. Es sei einzig erwähnt, daß es den Blick vom Ufer des Fennpfuhls zum Hochhaus am Anton-Saefkow-Platz auch heute noch gibt. Im Sommer, wenn Berlin ohnehin schön ist, gibt es in der Stadt wenig schönere Stellen als diese perfekt geformte Uferwiese.

BlickFennpfuhl

Stalinstädte

Im Zuge des Personenkults um Stalin wurden in den Fünfzigern in einigen der jungen Volksdemokratien des östlichen Europa Städte nach ihm benannt. Dies lief aber in allen Ländern recht verschieden ab, wie ein kurzer Vergleich zeigt.

Die DDR und Ungarn gingen denselben Weg: sie gründeten eine neue Stadt mit einem großen Stahlwerk und nannten sie Stalinstadt und Sztálinváros (Stalinstadt), wobei die erste Stadt ihren Namen erst nach Stalins Tod 1953 bekam und die zweite schon 1951 zu seinen Lebzeiten. Nachdem Stalin im weiteren Laufe der Fünfziger immer verpönter geworden war, bekamen die Städte 1961 neutralere Namen, die eine nach dem Industriebetrieb, die zweite nach ihrer Lage: Eisenhüttenstadt und Dunaújváros (Donauneustadt).

Polen ging einen anderen Weg und benannte gleich die schlesische Industriemetropole Katowice, eine der größten Städte des Landes, 1953 in Stalinogród um. Es ist ein merkwürdiger Name, der einerseits einen Anklang an das berühmte sowjetische Stalingrad hat, andererseits aber die Wörter gród, eine mittelalterliche slawische Befestigung und erst in einer sehr ungebräuchlichen Bedeutung auch eine Stadt, oder aber ogród, Garten, beinhaltet. Der Name Stalingarten wäre zwar faszinierend, aber Katowice ist doch eher eine Stadt, bei der auch der Wohlwollendste nicht zuerst an Gärten denken würde. Die Zeit, das Versprechen seines Namens einzulösen, bekam Stalinogród auch nie, da es schon 1956 wieder in Katowice zurückbenannt wurde.

In der Tschechoslowakei schließlich wurde, obwohl auch dort neue Städte wie Havířov bei Ostrava entstanden, nie eine Stadt nach Stalin benannt.