Ortlose und ortsgebundene Architektur

Zwei Beispiele aus Olomouc:

Das Klášterní Hradisko (Kloster Hradisko) ist ein ortloses Gebäude. Es liegt zwar unweit des Ufers der Morava und in Sichtweite der Altstadt von Olomouc, aber nichts verbindet es wirklich mit ihnen. Selbst der niedrige Hügel, auf dem es steht, ob er nun natürlicher oder menschlichen Ursprungs ist, könnte überall sein. Eher als ein spezifisches Gebäude, das in Olomouc steht, sollte man dieses als einen Gebäudetyp verstehen, der überall auf der Welt, wo im späten 17. Jahrhundert Kloster gebaut wurden, stehen könnte.

KlášterníHradisko

Die Anlage bildet ein großes Rechteck, das von dreigeschossigen Gebäudeteilen mit Walmdach und einer äußerst regelmäßigen, durch eher angedeutete Pilaster gegliederte Fassade umschlossen ist. In den vier Ecken sind achteckige Türme, die aber nur mit ihren als dicke Zwiebelformen beginnenden und in schlanken Laternen endenden Hauben über die Dächer aufragen. Genau in der Mitte erhebt sich ein schlankerer und höherer Turm, der erst quadratisch, dann achteckig ist und von einer ähnlichen, aber ebenfalls weit schlankeren und höheren Haube abgeschlossen wird.

KlášterníHradiskoEingang

Eine Allee führt auf den Eingang zu. Wo sie endet, steigt die Straße mit dem Hügel an und auch das Gebäude selbst steigt vor einem an. Die seitlichen Türme und die beschriebene Fassade bilden hier bloß noch den Rahmen für den nunmehr viergeschossigen Eingangstrakt mit seinem hohen Walmdach. An seinen Seiten sind nun wirklich Pilaster mit gar vergoldeten korinthischen Kapitellen und über die Fenster setzen sich Giebel. Ganz in der Mitte wölbt sich das Gebäude in leichtem Schwung nach vorne, das dritte, nun zum zweiten gewordene Geschoß hat riesige Fenster, das darüber nur kleine ovale, dazwischen lenken vier der Pilaster den Blick in die Höhe, wo vor einem noch höheren Walmdach ein dreieckiger Giebel und eine Balustrade, auf denen Heiligenfiguren stehen, den Abschluß bilden. All das will Macht repräsentieren und tut das auch, aber während es in der Enge einer Stadt erschlagend wirken würde, wird es in der Ortlosigkeit, die dem Gebäude noch im heutigen Olomouc erhalten ist, viel harmloser, ja, geradezu menschlich. Gerade auch durch den Weg auf den Eingangstrakt zu, hatte man Zeit, sich mit den, ziemlich sparsam und klar eingesetzten, Repräsentationselementen auseinanderzusetzen, bevor sie einen erschlagen konnten.

Und eigentlich will man ohnehin nur durch das nicht zu große Tor ins Innere. Man tritt in ersten rechteckigen Hof, der sich nach links und rechts erstreckt, und hat direkt vor sich den Turm. Er ist viel zu hoch, um in diesem Hof zu wirken, seine Proportionen sind wie verzerrt, wenn man hinausblickt, aber er richtet sich auch nicht an den Hof, sondern an die weite Umgebung draußen. Der Hof ist von den nun zweigeschossigen Gebäudeteilen umgeben, deren Fassaden etwa wie von außen sind. Doch links des Turms wird die Symmetrie aufgebrochen durch eine Kirche, die hier den Quertrakt bildet und auch von außen in der Mitte der westlichen Fassade durch einen Giebel und andere Fenster sichtbar ist. Vor die Mitte der östlichen Fassade wiederum ist eine ovale, durch schlichte hohe Pilaster gegliederte Kapelle vorgesetzt, die mit einem Verbindungstrakt angeschlossen ist.

Das Gebäude, 1697 beendet, ist Barock in Reinform, aber keineswegs geprägt von Überladenheit und Protz, sondern von Klarheit und Zweckmäßigkeit. Vielleicht deshalb eignet sich das Gebäude auch so gut als Militärkrankenhaus, das es nun schon seit 1802 für die unterschiedlichsten Staaten ist. Aber, allen Qualitäten zum Trotz, ist es ein Stück völlig ortloser Architektur.

Ganz in der Nähe ist ein Wohngebiet, Lazce, und bei diesem handelt es sich um durch und durch ortsgebundene Architektur. Seine zentrale Achse ist ein großzügiger Weg entlang einiger zweigeschossiger und flacher Gebäude mit Läden, Restaurants, einer Kaufhalle. An seiner anderen Seite sind Grünflächen, um die sich achtgeschossige Wohngebäude als weite, etwa halbkreisförmige Schalen legen.

Lazce

Ihre Anordnung ist nichts anderes als eine Öffnung zur nahen Altstadt von Olomouc, auf deren Türme sich aus den Wohnungen hinreißende Blicke bieten. Nach dem letzten Flachbau, bevor ein Schulgelände folgt, biegt der Weg schräg zwischen die Wohnbebauung ab. Auch von dem dortigen, fast parkartigen Grünbereich besteht eine direkte Blickverbindung zum sogenannten Dóm, der katedrála sv. Václava.

LazceDóm

Weiter durchs Wohngebiet führt dann eine Straße, an der links mit niedrigeren fortschrittlichen Wohngebäuden durchmischte Einfamilienhäuser sind, während sie rechts drei achtgeschossige Punkthäuser markieren. Hinter diesen aber öffnet sich die Wohnbebauung aufs Neue in weiten Halbkreisen, diesmal zur Morava, zum Klášterní Hradisko am anderen Ufer und, da die Stadt dort bald schon endet, zur umliegenden Landschaft.

LazceMorava

Alles an diesem kleinen Wohngebiet ist also an seine Umgebung, an seinen Ort, angepaßt. Ob sich die einzelnen Gebäude von denen in anderen Teilen der Tschechoslowakei unterscheiden, ist nicht mehr zu sagen, seit sie alle neue wärmegedämmte Fassaden haben, aber in dieser Anordnung gibt es sie nur hier im Norden von Olomouc, da diese Anordnung von diesem Ort bestimmt ist. Gerade in dieser Fähigkeit, nicht nur in sich selbst harmonische, sondern auch auf andere Teile der Stadt bezugnehmende Räume zu schaffen, zeigt sich die große Leistung der fortschrittlichen Architektur.

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2 Gedanken zu „Ortlose und ortsgebundene Architektur

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