„Querlandein“

„In der Beschränkung zeigt sich erst der Meister“, zitiert Oscar Wilde irgendwo Goethe. Dies könnte sicherlich über der gesamten Geschichte der DDR stehen und umso mehr über ihrer Reise- und populärkunstwissenschaftlichen Literatur. Diese war gezwungen zu dem, was Theodor Fontane freiwillig getan hatte: die Schönheiten in einem auf den ersten Blick gänzlich reizlosen Landstrich zu finden.
Zwar gehörten zur DDR viele landschaftlich wunderschöne und geschichtlich hochbedeutende Regionen, Thüringen und Sachsen im Süden vor allem, aber auch die Ostseeküste mit Rügen im Norden. Doch dazwischen erstreckten sich eben auch einige der unwirtlichsten und ärmsten Gegenden Deutschlands, wie etwa Brandenburg, die Niederlausitz, Mecklenburg oder die Altmark. Niemand würde solchen Gegenden Aufmerksamkeit schenken, wenn ihm die Welt offenstünde oder wenn er für Menschen schriebe, denen die Welt offensteht oder die das zumindest denken. Doch in der DDR mußte er das. So entstand ein ganz erstaunliches Korpus von im besten Sinne heimatkundlicher Literatur, Reportagen, Essays, Bildbände, die sich diesen unwahrscheinlichen Gegenden widmeten und ihnen immer wieder Neues abgewannen.
Auch in Westdeutschland wurde selbstverständlich über auch die uninteressanteren Gegenden, von denen es aber im Verhältnis weniger hatte, geschrieben und publiziert, aber dann nur in kleinen regionalen Verlagen. Außerdem kam auf jedes vielleicht gute lokalgeschichtliche Buch ein Dutzend generischer, die immer gleichen Sehenswürdigkeiten vorstellender, Reiseführer und banaler Bildbände über die „Traumstraßen Europas“. In der DDR hingegen war jede Literatur offizielle Literatur, veröffentlich entweder in den großen staatlichen Verlagen oder den paar kleinen, allesamt in Leipzig sitzenden, privaten Verlagen, die sich aber auch nach staatlichen Vorgaben zu richten hatten.
Was die Reise- und populärkunstwissenschaftliche Literatur der DDR am stärksten zeigt, ist, daß die DDR sich als Einheit begriff wie dies nur ein sozialistischer Staat kann. Denn im Kapitalismus gibt es immer Unterschiede, zwischen den Klassen, zwischen Stadt und Land, zwischen armen und reichen Regionen, die auch eine Politik der Volksgemeinschaft oder des Sozialstaats höchstens zeitweise übertünchen kann, und dem entspricht in der Literatur der Unterschied zwischen den Angeboten für die Eliten und denen für das Volk. Die genannten Unterschied abzuschaffen, konnte auch die DDR in ihrer kurzen Existenz nur Ansätze machen, aber die in der Literatur schaffte sie gänzlich ab. Wer in der DDR lebte, hatte keine andere Wahl, als gute Bücher zu lesen.
Für die Reise- und populärkunstwissenschaftliche Literatur der DDR sei das an zwei kleinformatigen Buchreihen beschrieben. Die erste heißt „Querlandein“. Es ist „eine Reisebuch-Reihe für Kinder“, die von den frühen achtziger Jahren bis zum Ende im Kinderbuchverlag Berlin erschien. Neben naheliegenden touristischen Zielen wie Hiddensee oder dem Erzgebirge

Aus Pfeiffer, Rolf: Erzgebirgsbergtour, Berlin 1983

Aus Pfeiffer, Rolf: Erzgebirgsbergtour, Berlin 1983

sind auch dem Oderbruch oder der Uckermark

Aus Elias, Achim: Jux mit Pucks in der Uckermark, Berlin 1987

Aus Elias, Achim: Jux mit Pucks in der Uckermark, Berlin 1987

Bände gewidmet. So unterschiedlich die Schwerpunkte der wechselnden Autoren sind, die Zeichnungen von Rudolf Peschel zeigen von den Einbänden an bis zu den beiliegenden Karten

Aus Nowak, Claus: Mansfelder Kupferhering, Berlin 1984

Aus Nowak, Claus: Mansfelder Kupferhering, Berlin 1984

alte wie neue Architektur in schönster Gleichberechtigung. Sie zeigen die DDR als Einheit, in der Vergangenes und Gegenwärtiges einander bedingen und der Sozialismus ihnen einen gemeinsamen Sinn gibt.
Eine Art (populär-)wissenschaftliche Entsprechung zur ersten ist die zweite Reihe: „Architekturführer DDR“.

Aus Autorenkollektiv: Architekturführer DDR - Bezirk Halle, Berlin 1977

Aus Autorenkollektiv: Architekturführer DDR – Bezirk Halle, Berlin 1977

Sie erschien von 1973 bis sogar noch über das Ende der DDR hinaus im VEB Verlag für Bauwesen. Sie hat keinen geringeren Anspruch als den, die Architektur der DDR in ihrer Gesamtheit darzustellen. In den einzelnen, nach Bezirken geordneten Bänden, werden jeweils zuerst die Bezirksstädte und dann entlang verschiedener Führungsrouten die Dörfer und Städte des Bezirks beschrieben. Allen Epochen der Vergangenheit, aber auch der sozialistischen Gegenwart sind kurze Einträge voller aufs äußerste komprimierter Information gewidmet. Nicht um Spektakuläres, nicht um Sehenswürdigkeiten geht es, sondern darum, das, was sich dem Blick des Besuchers darbietet, als Einheit zu zeigen. Eine Dorfkirche gehört also ebenso dazu wie das Kraftfuttermischwerk der LPG.

Aus Autorenkollektiv: Architekturführer DDR - Bezirk Potsdam, Berlin 1981

Aus Autorenkollektiv: Architekturführer DDR – Bezirk Potsdam, Berlin 1981

Zweifelsohne birgt der umfassende heimatkundliche Ansatz dieser beiden Buchreihen die Gefahr der Provinzialität. Denn die Dorfkirchen Mecklenburgs ersetzen eben nicht die der Toskana, Halle-Neustadt nicht Brasilia. Aber, Reisefreiheit hin oder her, die meisten Menschen verbringen ihr Leben nun einmal an einem Ort, in einem Land. So bleibt es wertvoll, wenn qualitätsvolle Literatur von der Reisebuch-Reihe für Kinder bis zum umfassenden Architekturführer existiert, die hilft, den Menschen das näherzubringen, was sie eben die meiste Zeit umgibt. Und wer in Mecklenburg oder Halle-Neustadt sehen gelernt hat, wird dann auch in der Toskana oder in Brasilia mehr sehen als der, der bloß für eine Woche dorthin in den Urlaub fährt.

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