Gottwaldov

(siehe zuerst Zlín)

Man könnte sagen, daß Gottwaldov eben der Name war, den Zlín zwischen 1949 und 1991 trug, ungefähr also in der kurzen Zeit des Sozialismus in der Tschechoslowakei, und man könnte diese Benennung nach dem ersten kommunistischen Präsidenten Klement Gottwald als bloßen Ausdruck des damals modischen Personenkults abtun. Aber Gottwaldov ist mehr als nur ein anderer Name für eine Stadt, es ist eine andere Stadt, und das heutige Zlín trägt soviel von Gottwaldov wie von den früheren Städten namens Zlín in sich.
Das neue Zlín, die Stadt des Kapitalisten Baťa, war zuallererst eine Stadt der Arbeiter. Ihnen verdankte Baťa seinen Reichtum, sie bauten sein Zlín. Baťa war auch insofern ein äußerst moderner Kapitalist, als er sehr früh die neusten fordistischen Methoden zur effektiveren Ausbeutung der Arbeitskraft anwendete. Zudem arbeitete er stark mit kollektivistisch klingenden Motivationsparolen, die halb amerikanisch, halb sowjetisch wirken. Als einer der ersten hatte er verstanden, daß man die Arbeiterbewegung, die nun auch noch ihren eigenen Staat, die Sowjetunion, hatte, am besten dadurch bekämpft, daß man so tut, als gehe es einem selbst um das Wohl der Arbeiter. Er war damit, ganz wie die späteren Sozialstaaten, ziemlich erfolgreich. Gleichzeitig verzichtete er aber auch nicht auf die brutalste Unterdrückung der Arbeiterbewegung. Wer einer Gewerkschaft, die nicht von Baťa selbst kontrolliert wurde, angehörte oder gar Kommunist war, wurde sofort entlassen. Die armen Bauern der umliegenden Regionen standen als billige Ersatzarbeitskraft ja jederzeit zur Verfügung. Die Organisationen der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei konnten in Zlín so nur illegal arbeiten. Auch die heute so hochgelobten Häuschen, die Baťa seinen Arbeitern baute, waren weniger großzügige Sozialleistung als Machtmittel. Denn zum einen gab es nie genug von ihnen und zum anderen konnten die Arbeiter sie für Mißverhalten ebenso schnell wieder verlieren wie sie sie bei guten Leistungen bekommen konnten. In seinem Roman „Botostroj“ beschrieb Svatopluk T. schon in den Dreißigern Baťa als ein totalitäres System, in dem der allmächtige Chef jedes Detail des Lebens seiner Arbeiter kontrollieren will. Der Flug, auf dem Tomáš Baťa starb, hat bei ihm Berlin, wo Hitler gerade an die Macht gekommen ist, zum Ziel. Das stimmt zwar nicht und auch inwieweit sein Nachfolger Jan Antonín Baťa, der 1938 nach Brasilien ging, mit den Deutschen kollaborierte oder kollaborieren wollte, ist nicht geklärt. Unzweifelhaft ist aber das Ausmaß der Kollaboration der übrigen Baťa-Führung. Dominik Čipera etwa, ein wichtiger Manager, wurde Minister der Protektoratsregierung. Vor diesem Hintergrund muß man die Umbenennung Zlíns in Gottwaldov sehen. Man kann nur ahnen, was es für ein Gefühl für die Arbeiter war, daß die Stadt nun nach einem von ihnen hieß.
Auch im neuen Gottwaldov blieb die Schuherstellung die wichtigste Industrie und das riesige, wenn auch im Krieg beschädigte Werk der Firma Baťa, die direkt nach dem Krieg verstaatlicht und 1949 in Svit (Morgenröte) umbenannt wurde, blieb sein Herz. Städtebaulich waren die Entwicklungsmöglichkeiten denkbar gut, da ja schon Baťas Zlín keine kapitalistische Stadt gewesen war. Trotz des neuen Namens ist Gottwaldov gerade kein radikaler Bruch mit Zlín, weil die ganze Fortschrittlichkeit, die dieses ausmachte, gleichsam nur darauf gewartet hatte, mit sozialistischem Inhalt erfüllt zu werden.
Die ersten Bauten, die nach dem Krieg entstanden, noch bevor die Stadt 1949 den neuen Namen bekam, ziehen sich wie ein Band von Osten nach Westen durch das Tal der Dřevnice. Inmitten der unzähligen zweigeschossigen roten Doppelhäuschen, die in diesem Teil der Stadt vorherrschen, ragen die Bauten der frühen Volksdemokratie hoch auf und schaffen erst eine Struktur, die auch eine gewisse Entsprechung zur Fabrik im Westen ist. Zuerst ganz im Osten fünf neungeschossige Punkthäuser. Sie haben einen quadratischen Grundriß, im obersten Geschoß eine Dachterrasse, einige vorgesetzte Balkone, vor allem aber eine vollständig rote Kachelverkleidung, wie sie bei einem Gebäude solcher Größe recht ungewöhnlich ist.

Aus Pechar, Josef: Československá architektura, Praha 1979

Aus Pechar, Josef: Československá architektura, Praha 1979

Gleich riesigen monolithischen roten Stelen sind sie aufgereiht – oder aber gleich riesigen Versionen der Baťa-Häuschen. Handelt es sich hier noch um ein bloßes Zitat, sind die beiden weiter stadteinwärts quer zur Straße angeordneten Morýsovy Domy (Morýs-Häuser) nicht weniger als eine architektonische Enteignung Baťas.

Aus Pechar, Josef: Československá architektura, Praha 1979

Aus Pechar, Josef: Československá architektura, Praha 1979

Sie sind im unverkennbaren Baťa-Bausystem mit rotem Backstein und Fenstern in einem Betonraster gebaut. Es ist leicht variiert, die Pfeiler der Ecken tragen Balkone, die gleichsam zu schweben scheinen und dem ganzen Gebäude eine gewisse Leichtigkeit geben. Das oberste Geschoß ist jeweils in der Mitte zurückgesetzt, während an den Seiten offene Dachterrassen sind. Vor allem aber ist das System hier nicht für eine Fabrik oder einen Repräsentationsbau der Firma, sondern für große zehngeschossige Wohngebäude verwendet. Mit den Mitteln Baťas wurde somit eine Antithese zu Baťa gebaut. Statt der kleinen Häuschen, in denen die Arbeiter als brave Kleinbürger leben sollten, leben sie hier in Gebäuden, von denen aus ihnen die Stadt so sehr zu Füßen liegt wie vorher nur dem Führungspersonal im Verwaltungshochhaus. Zwischen und um die beiden Gebäude sind kleinere, dreigeschossig und mit roter Kachelverkleidung. Sie stehen ganz frei in öffentlichen Grünflächen, so daß der Bruch mit der Baťa’schen Wohnbebauung aus kleinen privaten Parzellen auch städtebaulich vollzogen ist.
Höhepunkt dieser architektonischen Enteignung Baťas und dieser frühen Phase der Entwicklung Gottwaldovs ist das Kolektivní Dům (Kollektivhaus). Es steht am südlichen Rand der Altstadt, nicht weit vom neuen Stadtzentrum. Gleich den Morýsovy Domy könnte man auch das Kolektivní Dům auf den ersten und auch auf den zweiten Blick für ein Baťa-Gebäude halten, denn in dessen Konstruktionssystem ist es errichtet.

Aus Petrů, Jaroslav: Gottwaldov, Brno 1970

Aus Petrů, Jaroslav: Gottwaldov, Brno 1970

Elf Geschosse hat es. Das vertraute Raster: runde Pfeiler und eckige Geschoßränder. Dazwischen Fensterbänder unterteilt von kleineren runden Pfeilern und rotem Backstein. Kleine Balkone ragen an den Breitseiten versetzt vor jedem zweiten Zwischenraum des Rasters hervor, so daß sich ein Schachbrettmuster ergibt. In der Mitte der westlichen Breitseite ist das Treppenhaus mit Glasbausteinen an den Rändern und Fenster in der Mitte. Es endet auf dem Dach in einem Aufbau, dessen Außenseite völlig aus Glasbausteinen besteht. Das oberste Geschoß hat nur in der Mitte Räume, an den Seiten dagegen sind Dachterrassen, die teils von Betonlamellen überspannt sind. In der Mitte der anderen Breitseite ist der Eingang mit Treppe und dünnem freischwebenden Vordach. Am Rand der Treppenhausseite schließt ein L-förmiger Anbau an, erst zweigeschossig, dann ob des ansteigenden Hangs flach. Es ist dieser Anbau, der das Kolektivní Dům so bedeutsam macht. Noch heute ist dort ein Kindergarten, aber ursprünglich gab es außerdem noch eine Gaststätte und weitere Gemeinschaftseinrichtungen für die Bewohner des Hauses. Wie der Name schon verrät, handelte es sich bei dem Kolektivní Dům um ein Experiment mit neuen kollektiven Wohnformen, bei denen insbesondere die Essenzubereitung aus dem individuellen Haushalt herausgelöst werden sollte. Neben einem weiteren Kolektivní Dům im nordböhmischen Litvínov und einigen Gebäuden, die in den späten Zwanzigern und frühen Sechzigern in der Sowjetunion entstanden, ist es das einzige Beispiel eines solchen Experiments. Baťas Bausystem diente hier also dazu, ein Gebäude zu schaffen, daß nicht nur über den Kapitalismus, sondern auch über die üblichen Gebäude des Sozialismus weit hinausgeht.
Damit war diese Phase der Stadtentwicklung abgeschlossen, mehr ließ sich aus dem, was Baťas Zlín Gottwaldov hinterlassen hatte, nicht herausholen. Der nächste Schritt der Industrialisierung des Bauwesens war die Großplattenbauweise. Das hauptsächliche Baugeschehen verlagerte sich ans nördlichen Ufer der Dřevnice. Dort, hoch oben am Hang, wurde das Wohngebiet Jižní Svahy (Südhänge) gebaut. Von fast überall in der Stadt ist dessen Panorama zu sehen: niedrige Terrassenhäuser gleich hinaufbittenden Treppen, ein Zickzack von Sechsgeschossern und dahinter der elegante Schwung eines dreizehngeschossigen Gebäudes.

Aus Československo, Praha/Bratislava 1988

Aus Československo, Praha/Bratislava 1988

Wie eine Krone sitzt das Wohngebiet über der Stadt. Das von Baťa in den Dreißigern geschaffene Stadtzentrum ist weiterhin in seinem Recht, aber nicht mehr dessen Hochbauten dominieren die Stadt, sondern die Wohngebäude der Jižní Svahy. Erst so wird Zlín ganz zu Gottwaldov. Vom Stadtzentrum führt eine Straße, die bald Hochstraße wird, über den Fluß und windet sich dann in einem weiten Bogen von Westen her in die Hügel hinauf. Vorher verläuft sie so, daß sie die Villa von Tomáš Baťa am Hang geradezu einklemmt. Das mag nur ein Zufall sein, aber diese marginalisierte Lage der Villa ist zugleich ein schönes Symbol dafür, daß Gottwaldov eben eine neue Stadt ist und über Baťa weit hinausgewachsen.
Für den Fußgänger gibt es eine eigene Brücke und dann eigene geschwungene Wege hinauf ins Wohngebiet. Die schon aus der Ferne ablesbare Struktur des Wohngebiets entfaltet sich vor einem. Den untersten Teil bilden Gebäude, die in drei Stufen so in den Hang gesetzt sind, daß jede von ihnen etwa zwei Geschosse hoch ist, wobei auf den unteren beiden Stufen Dachterrassen angeordnet sind. Zwischen ihnen führen Treppenwege an üppigen Vorgärten vorbei hinauf.

Terrassenhäuser

Oberhalb von ihnen ist eine leicht geschwungene Straße, der sie, nun flach, Garagentore zuwenden. Diese Gebäude sind so etwas wie die Fortentwicklung der backsteinernen Doppelhäuser, aber in einen ganz neuen Kontext eingebettet. Hinter der Straße folgen sechs-, von oben gesehen fünfgeschossige Gebäude, die am Hang so angeordnet sind, daß jeweils eines weiter vorne, niedriger, und eines weiter hinten, höher, steht. Neben großen, der Stadt zugewandten Balkonen sind diese ins Grün eingebetteten Gebäude von roter Kachelverkleidung und Beton bestimmt, eine Reverenz an das unten im Tal liegende Zlín. Jenseits der vom Tal kommenden großen Straßen ist das Wohngebietszentrum, das einem langen, markant geschwungenen dreizehngeschossigen Gebäude mit durchgehenden weißen Balkonbändern vorgesetzt ist. Ob der starken Hanglage ist es von außen gesehen mal zwei-, mal dreigeschossig, während es sich von innen erst als Einkaufsstraße, dann, tiefer gelegen, als großer Hof mit Grünanlagen und Parkplatz, zu dem eine weitgeschwungene Rampe hinaufführt, zeigt. An diesen tieferen Bereich grenzt auch ein Schulkomplex an. Und auf dem rotverkleideten Gebäude dieses Wohngebietszentrums steht, schwebt, ein aus vielen Strahlen und Streben gebildeter fünfzackiger Stern aus silbernem Stahl.

ZentrumJižníSvahy

Zu all diesem, was schon von unten zu erahnen ist, kommen große L-förmige Wohnanlagen, die sich vom Wohngebietszentrum ausgehend entlang der Straße und eines kleinen Parkstreifens nach Osten über den Hügelkamm ziehen. Nach außen zeigen sie sich als dreigeschossige Gebäude, zwischen denen man über viele Treppen auf L-förmige Terrassenebenen gelangt, zu denen hin die Gebäude entsprechend zweigeschossig sind. Von der anderen Seite sind sie begrenzt von fünfgeschossigen Gebäuden, deren Balkone in fast unmerklichen Terrassenstufen ansteigen. Die Terrassenebenen sind intime Grünbereiche mit sehr abwechslungsreicher gärtnerischer Gestaltung, vielen Bänken und Sandkästen, was umso schöner wird, wenn man, an den Einfahrten und an Lüftungsröhren, bemerkt, daß unter ihnen Tiefgaragen sind. In den sozialistischen Staaten wurden solche Lösungen, auch wegen der hohen Kosten, nur sehr selten verwendet, aber es ist nur angemessen, daß gerade Gottwaldov eine Ausnahme ist.
Gehört dieser gesamte erste Teil des Wohngebiets Jižní Svahy zum Besten, was die ohnehin äußerst leistungsfähige Architektur des tschechoslowakischen Sozialismus schuf, so ist der weiter östlich gelegene zweite Teil eine Enttäuschung. Am Hang stehen hier nur drei Terrassenhäuser, darüber dreigeschossige Reihenhäuser, darüber viergeschossige längere Gebäude und darüber achtgeschossige Punkthäuser. Den Großteil der Bebauung machen dann Achtgeschosser aus, die sich zu offenen, teils in der Höhe versetzten Höfen über die Hügelkuppe erstrecken. Ein geschwungenes dreizehngeschossiges Gebäude wie im ersten Teil gibt es sogar, allein ihm fehlt das Wohngebietszentrum. Hier sieht man, wie den Sozialismus die Kraft verließ und er nur noch etwas schaffen konnte, daß weder dem Namen Gottwaldov, noch dem fortschrittlichen Erbe von Baťas Zlín wirklich gerecht wird.
Trauriger ist bloß noch die Situation des heutigen Zlín, das von Neuem ein belangloses Städtchen am Rande eines kleinen Landes ist. Schuhe werden dort keine mehr produziert, aber es ist ganz einer leeren Baťa-Nostalgie gewidmet. Falls es mal eine Zukunft geben sollte, wird die Stadt wieder stolz den Namen Gottwaldov tragen werden.

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2 Gedanken zu „Gottwaldov

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