Zlín

(siehe auch Gottwaldov)

Zlín ist eine einzigartige Stadt. Es ist keine kapitalistische Stadt, aber die Stadt eines Kapitalisten: des Schuhfabrikanten Tomáš Baťa. Die Geschichte der Stadt ist die Geschichte der Firma Baťa. Es ist eine Geschichte, die man kaum anders denn als kapitalistische Heldengeschichte, als American Dream im äußersten Osten von Mähren, als Herrenmenschenphantasie à la Ayn Rand erzählen kann. Entsprechend gerne wird sie heutzutage in Tschechien erzählt, denn kapitalistische Helden sind dort rar (alle anderen tschechischen Helden sind entweder Kommunisten, und von denen will man nicht reden, oder Intellektuelle, und die sind letztlich wenig massenwirksam).
Aber es ist eben auch eine erzählenswerte, weil wie gesagt einzigartige Geschichte. Der kleine Schuhmachermeister aus der Kleinstadt am Rande der Welt, der dank der gegen Ende des 19. Jahrhunderts auch dort erfolgten Anbindung an die Eisenbahn seine Werkstatt zum Industriebetrieb ausbauen kann, das wäre noch nicht interessant, das gab es öfter mal. Auch, daß der zum Kapitalisten gewandelte Provinzschuhmacher während des ersten Weltkriegs durch geschicktes politisches Agieren in der Hauptstadt Wien Großaufträge vom österreichisch-ungarischen Heer bekommt, ist noch nicht völlig außergewöhnlich. Aber daß dieser Kapitalist nach dem Weltkrieg, in dessen Folge seine Stadt vom Rande Österreichs in die Mitte des jungen und wirtschaftlich starken Industriestaats Tschechoslowakei rückt, innerhalb weniger Jahre zu einem der größten Schuhproduzenten der Welt wird, das ist einzigartig.

Aus Zlín - The city of the national enterprise in Czechoslovakia, Zlín o.J. (vermutlich 1946 oder 1947)

Aus Zlín – The city of the national enterprise in Czechoslovakia, Zlín o.J. (vermutlich 1946 oder 1947)

Selbst dieser wirtschaftliche Erfolg jedoch wäre heute bloß noch eine geschichtliche Fußnote, wenn Baťa nicht noch einen Schritt weiter gegangen wäre: er baute sich eine Stadt. Keine Werksiedlung, eine Stadt. Er baute ein neues Zlín. Dessen Bevölkerung wuchs von 3557 im Jahre 1910 auf 43 660 im Jahre 1938. Dieses neue Zlín, das seit den zwanziger Jahren entstand, sollte vor allem modern sein, wie Baťa die Modernität in Architektur und Design überhaupt zu seinem Markenzeichen machte. Auch das unterschied ihn von anderen Kapitalisten seiner Zeit, die für ihre Bauten zumeist konservative und monumentale Stile wie Art Déco oder Expressionismus wählten. Einzig Baťa nutze die neuesten, radikalsten, zukunftsweisenden Strömungen für seine Zwecke. Seine Gebäude, aber auch die gesamte Propaganda der Firma, waren erfüllt vom Pathos des Neuen und des Fortschritts wie man ihn in dieser Zeit bloß noch aus der Sowjetunion kannte. So entstand denn das Zlín des Kapitalisten Baťa als nichtkapitalistische Stadt.
Der Anfang von Baťas Bautätigkeit in Zlín war noch konventionell: er ließ sich eine Villa bauen, wie das Kapitalisten eben zu tun pflegen. Auch das Rathaus, das er bauen ließ, als er in den Zwanzigern Bürgermeister wurde, ist kein bemerkenswerter Bau. Aber gleichzeitig begann westlich des alten Stadtkern der Bau des neuen Zlín, das ganz Baťas war. Dessen Rückgrat ist dementsprechend die Fabrik, die sich zwischen Straße, Eisenbahnstrecke und dem Flüßchen Dřevnice von Westen nach Osten hinzieht. Sie hat damit eine sehr effektive Bandstruktur, der zur Perfektion nur die Schiffbarkeit der Dřevnice fehlte. Entlang von Fabrikstraßen mit Eisenbahngleisen stehen schier unzählige drei- und fünfgeschossige Gebäude mit Werkstätten und Fertigungsräumen. Sie alle sind in einem äußerst avancierten Bausystem errichtet, das Baťa für seine Stadt entwickeln ließ: innerhalb eines Stahlbetonskeletts aus runden Pfeilern und eckig endenden Bodenflächen sind Wandflächen aus Backstein und große Fensterflächen angeordnet.

BaťaSystem

Es ist von größter Zweckmäßigkeit und nur dank ihm konnten so schnell so viele Gebäude errichtet werden. Zugleich gibt es der neuen Stadt ihre charakteristischen Farben: das Grau des Betons, das Rot des Backsteins und die schimmernde Transparenz des Glases. Auch das ist ein Teil der Baťa‘schen Corporate Identity. Wo auch immer man dieses Bausystem bemerkt, und das könnte nicht nur in vielen anderen tschechoslowakischen Städten, sondern nach Baťas internationaler Expansion auch in anderen Ländern Europas oder sogar in Kanada und Indien sein, wird man an Baťa denken.
Ein unendlich moderner und im Sinne dieser Corporate Identity genialer Einfall war es nun, nicht etwa nur die Fabrikgebäude, sondern auch andere wichtige Gebäude in ebendiesem Bausystem zu errichten. Das wichtigste ist das Verwaltungshochhaus, das das östliche Ende des Fabrikgeländes und den Beginn der öffentlichen Einrichtungen des neuen Zlín bildet.

Aus Petrů, Jaroslav: Gottwaldov, Brno 1970

Aus Petrů, Jaroslav: Gottwaldov, Brno 1970

Es ist ein fünfzehn Geschosse hoher Bau parallel zur Straße. Das typische Fassadenraster des Baťa-Bausystems hat hier noch größere bandartige Fenster und nurmehr schmale Backsteinstreifen dazwischen. An der nördlichen Seite, die man schon nicht mehr die rückwärtige nennen kann, ist ein großer Treppenhaustrakt vorgesetzt und eine Ecke ist völlig verglast. Das oberste Geschoß ist als große, teils überdachte Terrasse ausgeführt. Mrakodrap, Wolkenkratzer, wird dieses Gebäude in Zlín gerne stolz genannt, was nach heutigen Maßstäben etwas übertrieben scheinen mag, aber schon weit weniger, wenn man sich vergegenwärtigt, daß es mit einer Höhe von 74 Metern in seinem Entstehungsjahr 1938 zu den höchsten Gebäuden Europas gehörte. Und wenn man erst überlegt, was Zlín nur wenige Jahre vorher noch war, wird es geradezu selbstverständlich, daß sich seine Bewohner angesichts dieses Gebäudes ein wenig wie in Amerika fühlten.
Jenseits der Straße öffnet sich auf leicht ansteigendem Gelände der Náměstí Práce (Platz der Arbeit), der schon bei Baťa so hieß. Seinen südlichen Abschluß bildet das Hotel Společenský Dům (Gemeinschaftshaus). Es ist ein recht langer elfgeschossiger Bau im Baťa-System. Seine ersten beiden Geschosse sind völlig verglast, während die darüber viel Backstein und eher kleine Fensteröffnungen haben. Erst das oberste Geschoß ist wieder verglast und leicht zurückgesetzt. An beiden Schmalseiten sind geradezu filigrane, stark verglaste Treppenhaustrakte vorgesetzt, doch dabei handelt es sich um spätere Ergänzungen in einer anderen Stadt, als das Hotel den Namen „Moskva“ (Moskau) trug. Den westlichen Abschluß bildet ein quer zur Straße in den Hang gesetztes großes Kino mit dem schlichten Namen „Velké kino“ (Großes Kino). Mehr als das ist es auch nicht, aber dennoch bemerkenswert, weil sein Baukörper völlig frei steht.

Aus Zlín - The city of the national enterprise in Czechoslovakia, Zlín o.J. (vermutlich 1946 oder 1947)

Aus Zlín – The city of the national enterprise in Czechoslovakia, Zlín o.J. (vermutlich 1946 oder 1947)

Nach Osten hin leiten zwei weitere im typischen Bausystem errichtete Gebäude auf einen weiteren Platz über. Direkt an der Straße ein zweigeschossiger Bau, das alte Kaufhaus, und ein Stück weiter etwa parallel dazu das neue Kaufhaus, neun Geschosse hoch und ähnlich dem Verwaltungshochhaus von Fensterbändern bestimmt.
Zwischen beiden kommt man auf den Náměstí T.G. Masaryka (T.-G.-Masaryk-Platz), der sich nach Süden hin den Hang hinaufzieht. Es ist ein Platz ganz anderen Charakters, den man auch gut eine Allee nennen könnte. Zwischen zwei baumbestandenen Straßen ist eine große, von Wegen durchlaufene Wiese und an den Seiten stehen quer aufgereiht je vier fünfgeschossige Gebäude, Wohnheime für Baťa-Arbeiter. In der Achse des Platzes steht ein Gebäude, das fast ebenso hoch ist wie die Wohnheime, aber ganz anders wirkt. Nur an den Seiten hat es zweigeschossige Bauteile mit dem üblichen Raster und Backstein, wohingegen im höheren Mittelteil zwischen den hier enger beieinanderstehenden Pfeilern Glasflächen sind.

Aus Petrů, Jaroslav: Gottwaldov, Brno 1970

Aus Petrů, Jaroslav: Gottwaldov, Brno 1970

Ohne irgendwelche historistischen Formen, nur mit ganz wenigen Linien und auch durch seine Lage, schafft es dieses Gebäude, einen leichten Anklang an griechische Tempel zu wecken. Damit entsprach es auch völlig seinem Zweck, Denkmal und Museum für den Firmengründer Tomáš Baťa zu sein. Der nämlich war 1932 gestorben und zwar ganz wie es sich für einen kapitalistischen Helden gehört: bei einem Flugzeugabsturz, der angeblich geschah, weil er den Piloten zwang, trotz schlechten Wetters vom firmeneigenen Flugplatz zu starten. Noch nach seinem Tod, in dem ihm errichteten Mausoleum, blieb Baťa so der Corporate Identity seiner Firma treu. Die Leitung des Unternehmens und des Aufbaus der Stadt hatte sein Halbbruder, Jan Antonín Baťa, übernommen. Erst später bekam das Gebäude als Dům Umění (Haus der Kunst) einen konkreteren Zweck.
Damit ist das Zentrum von Zlín beschrieben. Um dieses, am Hang gegenüber des Fabrikgeländes, erstrecken sich ausgedehnte Wohngegenden voller kleiner zweigeschossiger Doppelhäuser aus Backstein.

Aus Petrů, Jaroslav: Gottwaldov, Brno 1970

Aus Petrů, Jaroslav: Gottwaldov, Brno 1970

Gleich den Bauten der Fabrik und des Zentrums sind sie nach einem normierten System errichtet, damit möglichst viele von ihnen möglichst schnell und günstig errichtet werden können. Kleine Straßen und auch Wege ziehen sich zwischen den Häuschen hin. Im Sommer kann man beim Gang zwischen den üppigen Gärten, die mit dem roten Backstein kontrastieren, und beim Blick hinab auf Fabrik und Zentrum gut nachvollziehen, was Zlín zu der Industrie- und Gartenstadt, die es sein wollte, macht.
Dennoch macht nicht die Wohnbebauung, die sich östlich des alten Zlíner Stadtzentrums, in dem nichts weiter ist, beidseits der Dřevnice fortsetzt, die Einzigartigkeit Zlíns aus. Sie ist eben doch nur zeitgemäße Form der Werksiedlung und Wegbereiter für die suburbane Zersiedlung, wie sie zur selben Zeit auch in den USA schon begann. Das Zentrum aber gibt es so nur in Zlín. Hier gibt es keine Blockrandbebauung mehr, hier stehen die Gebäude, mehr oder weniger, frei, hier sind die Wege nicht mehr nur von Straßen vorgegeben. Es ist das vielleicht erste Stadtzentrum, das ganz nach den Grundsätzen der fortschrittlichen Architektur entstand. Die schiere Allmacht eines einzelnen Kapitalisten schuf eine Stadt von solcher Geplantheit und Einheitlichkeit, wie sie im Kapitalismus eigentlich nicht möglich ist. Wenn man der kapitalistischen Heldengeschichte nicht ganz glauben will, wofür es gute Gründe gibt, kann man überlegen, daß es vielleicht einen jungen Staat wie die Tschechoslowakei für so etwas brauchte. Nur dort vielleicht konnte der Kapitalismus noch die erneuernde Kraft sein, die er anderswo in Europa schon lange aufgehört hatte zu sein. Zlíns Geschichte setzte sich dann ohne Baťa und unter einem neuen Namen fort: Gottwaldov.

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