Brigittaplatz

Der Brigittaplatz könnte ein ganz typischer Platz sein, wie es ihn in den Mietskasernengegenden nicht nur Wiens, sondern auch vieler anderer Städte dutzendfach gibt: nicht mehr als eine rechteckige Aussparung in der dichten Bebauung, aber hochwillkommen dank des bißchen Grün, das in ihr Platz findet. Nichts, weder die Kirche in ihrer so norddeutsch wirkenden Neobacksteingotik noch das Amtshaus in seiner eigenartigen Jugendstilneorenaissance, würde ihn hervorheben oder darauf hinweisen, daß er in der Brigittenau, Wiens 20. Bezirk, ist.

Brigittaplatz

Doch er ist viel mehr, da die fortschrittliche Architektur an ihm ihre ganze revolutionäre Kraft gezeigt hat. Sie tat es auf denkbar simple Weise: sie riß die Mietskasernen an der Westseite des Platzes und noch ein Stück weiter nördlich an der tangierenden Jägerstraße weg und ersetzte sie durch vier achtgeschossige Wohngebäude, die in weiten Abständen zueinander quer zur Straße gereiht sind.

JohannBöhmWohnhausanlage

Die Gebäude dieser Johann Böhm Wohnhausanlage von 1961 sind denkbar schlicht, das Dach annähernd flach, die eine Seite von Balkonen und die andere von Fenstern und dem trüben Plexiglas der Treppenhäuser bestimmt. Es sind Gebäude, die man kein zweites Mal ansehen muß, aber das ist egal, denn sie schaffen einen Raum, sie schaffen Offenheit, sie schaffen Platz. Dank ihnen ist der Brigittaplatz nicht mehr eine isolierte grüne Insel im grauen Meer der Mietskasernen, sondern Teil eines größeren und neuartigen städtischen Raums. Das Grün des Platzes setzt sich fort in den großzügigen Freiräumen zwischen den Achtgeschossern, hinter denen dann auch die Mietskasernen, die nach der nächsten Parallelstraße doch wieder folgen, viel freundlicher und menschlicher wirken.

In der Mitte der Wohnhausanlage, anschließend an die Nordseite des Platzes, also dort, wo früher eine Straße war, führt ein großzügiger Fußweg durch die Grünanlage in die angrenzenden Gegenden.

Weg

Nette Bärenskulpturen und ein Gedenkstein für ein Gasthaus, in dem die Gründung des Bezirks beschlossen wurde, stehen an diesem Weg.

Bär

Er führt auch zum Zweiten, was die fortschrittliche Architektur hier der Stadt schenkt: dem Hannovermarkt. Er ist nicht mehr als zwei, drei Reihen flacher Gebäude mit flügelartig aufsteigenden Dächern, die am anderen Ende der Wohngebäude zu recht schmalen Gassen angeordnet sind. In ihnen sind Läden, meist in der Art von Marktständen nach außen orientiert, Cafés und Restaurants untergebracht.

Hannovermarkt

Mehr ist auch nicht nötig. Das Revolutionäre braucht nicht spektakulär zu sein, es muß nur funktionieren. Und wie es funktioniert, ist hier ganz unmittelbar zu erleben. Die Grünflächen sind ganz selbstverständliche Aufenthaltsorte,

Grünfläche

der Weg wird ganz selbstverständlich genutzt

WegMitBlickZurKirche

und der Markt ist ganz selbstverständlich belebt, auch dank der türkischen und ex-jugoslawischen Bevölkerungsanteile, die an die Stelle der in der Brigittenau bis zu ihrer Vernichtung sehr zahlreichen Ostjuden getreten sind.

Was der Brigittaplatz und die ihn so grundlegend verwandelnde Johann Böhm Wohnhausanlage auch zeigen, ist, was Gemeindebau heißen könnte: nicht nur von der Gemeinde geschaffener günstiger Wohnraum, sondern darüber hinaus auch öffentlicher Raum zum Nutzen der gesamten Gemeinde. Der Brigittaplatz ist eine Keimzelle der neuen Stadt und zugleich lebendiger Beweis dafür, daß sie möglich und notwendig ist. Man muß allerdings nicht weit gehen, um zu sehen, daß aus dieser Keimzelle nie genug wachsen konnte: an ein weiteres achtgeschossiges Gebäude, mit dem und einem Kindergarten die Wohnhausanlage ihren Abschluß findet, ist ein anderer Gemeindebau von 1993 angebaut, der wieder ganz die überkommenen Blockrandstruktur mit, immerhin grünem, Hinterhof hat, ein Rückschritt in die zwanziger Jahre.

Advertisements