Dank an Georg Piltz

Daß ich dieses Blog nach einem Buch von Georg Piltz benannt habe und es ihm noch dazu gewidmet habe, liegt nicht nur daran, daß der Buchtitel genau das wiedergibt, worum es in den Texten hier geht, und auch nicht nur daran, daß ich Piltz für einen der größten architekturgeschichtlichen Autoren überhaupt halte, nein, es hat noch tiefergehende Gründe: ohne dieses Buch wären alle diese Texte gar nicht denkbar. Was ich Georg Piltz verdanke, ist nicht weniger als mein ganzes Verständnis von Architektur.

Erschienen im VEB F. A. Brockhaus Verlag Leipzig 1976

Erschienen im VEB F. A. Brockhaus Verlag Leipzig 1976

Die Stadt, die gebaute Umwelt und also Architektur hatte mich zwar schon lange bevor ich ahnte, wer Georg Piltz ist, interessiert, aber im Suburbia einer westdeutschen Großstadt war es ein mehr impressionistisches Interesse. Immer suchte ich das Abseitige, das sonst Übersehene, die Stellen, wo Natur und Stadt zusammentreffen, die Ruinen oder Fastruinen, Orte erfüllt von einer „sweetness of decay“ (Pulp). Diese Romantik des Verfalls halte ich nach wie vor für einen wertvollen Antrieb, eben auf das zu achten, was um einen ist, aber sie hat doch auch etwas durch und durch Kleinbürgerliches. Hinzu kam eine Liebe zu den Hochhäusern, zum Modernen, zum Beton. Dies war vor allem eine Gegenreaktion gegen die Generation meiner Eltern, die die schönen Altbauten so mochte. So wie sie alles Neue verdammten, verdammte ich alles Alte. Wieder nur der Trotz der kleinbürgerlichen Jugend, aber ebenfalls nicht ganz ohne Wert.

Die Begegnung mit der Architektur der DDR in ihrer Hauptstadt Berlin zwang mich dann, systematischer über Stadt und gebaute Umwelt nachzudenken. Während dem Chaos des Kapitalismus die impressionistische Methode, die immer nur einzelne flüchtige Eindrücke und die Schönheit des Verfalls interessiert, ganz angemessen war, versagte sie völlig vor der Ordnung, die in der Stadt des Sozialismus auf jedem Schritt erlebbar war. Selbst die Begegnung von Natur und Stadt, die im Kapitalismus am besten im Efeu auf einer bröckelnden Fabrikmauer symbolisiert ist, wurde hier als geplante Harmonie möglich und war plötzlich überall.

Weiterhin, vielleicht umso mehr, aber haßte ich das Alte. Ich erinnere mich noch gut, wie ich einmal einem Freund sagte, der Bereich um den Fernsehturm wäre noch besser, wenn es Marienkirche und Rotes Rathaus nicht gäbe.

Wie völlig falsch ich lag, wie blind ich gewesen war, lernte ich von Georg Piltz. Im Kapitel über Potsdam in „In alten und neuen Städten“ beschreibt er zuerst Sanssouci als „geniale und, mit den Maßstäben der Zeit gemessen, betont progressive Verknüpfung von Kunst und Natur“ und dann das Neue Palais als „ein Schloß, so groß und so überladen, daß feudaler Wahnwitz die Pläne gezeichnet zu haben scheint“ und dessen „künstlerische Unzulänglichkeit schon damals niemandem verborgen blieb“. Das war neu. Nie zuvor hatte ich gelesen, wie jemand ein altes Gebäude kritisiert. Piltz aber schreibt weiter: „Reaktionäres steht dicht neben Progressivem: Das einzige, was sie gemeinsam haben ist die Patina des Alters. Und eben diese Patina verhindert, daß wir die Potsdamer Kunst so kritisch werten, wie sie es verdient. Wir erliegen der Versuchung, „alt“ mit „schön“ gleichzusetzten und begehen den Fehler, die Baugeschichte nach einer anderen Methode zu beurteilen als die Geschichte. Das ästhetische Behagen an der schönen Form schläfert unser sonst so waches Denkvermögen ein. Wir sehen nicht mehr die Beziehungen von Kunst und Historie, sondern nehmen alles, was wir sehen, als formvollendet hin.“

Piltz‘ Worte waren die Antwort auf eine Frage, die ich nie gestellt hatte. Alles daran stimmte, ich war sofort überzeugt. Nicht blinder Haß oder blinde Liebe, sondern kritisches Sehen, das ist die richtige Art, die alte Architektur zu behandeln, ja, jede Architektur, denn grundsätzlich ist es immer dasselbe Prinzip. Sehen lernte ich so von Georg Piltz, insbesondere durch seinen „Streifzug durch die deutsche Baukunst“, der, auch dank der hinreißenden Zeichnungen von Ruth und Rudolf Peschel, eine unnachahmlich gute Einführung in die Architekturgeschichte ist und nicht nur von Kindern, für die er geschrieben wurde, gelesen werden sollte.

Erschienen im Kinderbuchverlag Berlin

Erschienen im Kinderbuchverlag Berlin

In diesem Buch gibt Piltz zudem eine der schönsten Beschreibungen des Alexanderplatzes, die ich je gelesen habe. Spätestens durch sie fühlte ich mich als Schüler von Piltz, mit genau so viel Verständnis und Feingefühl und erfüllt von derselben kommunistischen Überzeugung wollte auch ich über alte wie neue Architektur schreiben.

Man kann über das Leben des Georg Piltz nachlesen, es ist nicht uninteressant und für einen Angehörigen seiner Generation vorbildlich, aber wichtiger ist sein Werk. Daß es in der DDR in Millionenauflagen verbreitet war, gereicht ihr zum Ruhm. Ihm und ihr verdanke ich alles.

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2 Gedanken zu „Dank an Georg Piltz

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