Kielce, von seinem Busbahnhof aus gesehen

(siehe auch Kielce, von seinem Bahnhof aus gesehen)

Wenn man bei der Ankunft mit dem Bus in Kielce nicht aufmerksam war, gibt es nichts, was einen auf das Erleben seines Busbahnhofs vorbereiten könnte.

Der Bus hält auf einer etwas erhöhten Ebene an einem Busbahnsteig, über den sich ein von rückwärtigen Stahlträgern leicht aufsteigend in der Schwebe gehaltenes Dach aus einem dünnen Stahlgitterwerk und Plexiglas spannt. Bald wird man merken, daß dieses Dach einen Kreis um ein Gebäude bildet. Auch hat man bereits die beiden bestimmenden Farben kennengelernt: das Blau des Stahls und das Ockergelb von Plexiglas und Wandflächen. Das Gebäude hat ebenfalls einen kreisrunden Grundriß, zuerst sieht man von ihm zwei Geschosse, Fensterbänder, blaue Kunststoffverkleidung. Doch im begrünten Zwischenraum zwischen Bahnsteigdach und Gebäude schwingen sich aus Betonverankerungen mächtige Stahlträger zu diesem hin, um sein Dach zu tragen. Was eine recht flacht Kuppel ergeben könnte, ist nur die Basis für die eigentliche, weit höhere Kuppel. Hätte man den Busbahnhof schon von weitem gesehen, diese Kuppel, deren kupferverkleidete Fläche über und über mit kleinen weißen Glaskuppeln besetzt ist, hätte man vor allem bemerkt und vielleicht kaum glauben können, daß dort oben Dworzec PKS (Bahnhof der staatlichen Autobusbetriebe Polens) steht. Alles an dem Gebäude ist so sehr gelandetes Ufo oder eher noch Mondbasis, daß es fast surreal scheint, es in einer wenig berühmten Stadt mitten in Polen zu finden.

Busbahnhof

Vom Bahnsteig führen zahlreiche von dünnen runden Stützen gehaltene Überdachungen in die Halle des Busbahnhofs hinein. Und geht man hinein, kann einem gänzlich surreal zumute werden. Unter einer Galerie, zwischen tragenden runden Stützen, die sich nach oben verbreitern und in der unteren Hälfte von einem silbrigen Stahlringe umgeben sind, tritt man in eine Halle, die weit größer ist als sie von draußen wirkt. Vor einer geschwungenen Wand führt eine Treppe auf die Galerie, die den gesamten Rand der Halle umläuft. Darüber wölbt sich, mit schmalen vertikalen Streifen in Gelb verkleidet, der erste Teil des Dachs, doch erst nach einem blaugetünchten Zwischenbereich beginnt die eigentliche Kuppel. Sie ist pure Konstruktion und doch ein Kunstwerk. Nicht mehr als ein Raster aus dünnen, zu Dreiecken angeordneten Stahlröhren und in jedem dieser Dreiecke eines der runden Oberlichte, aber wenn man auf einer der Holzbänke sitzt und hinaufschaut, bilden sich einem unablässig neue Kombinationen aus diesen Formen, die Kuppel scheint in ständiger Bewegung, als wolle sie mit dem staunenden Betrachter spielen. In der Mitte der Kuppel ist eine runde blaue Fläche, von der in unregelmäßiger Anordnung sieben zylinderförmige Lampen herabhängen. Der Besucher, der glaubte, an einem Busbahnhof anzukommen, findet sich in einem Weltraumbahnhof wieder. Schon das Licht paßt dazu, Tageslicht zwar, aber eigentümlich gefiltert, nicht unbedingt angenehm. Wieso außerhalb eher Kielce als eine sowjetische Marskolonie liegen sollte, ist nicht mehr nachvollziehbar.

Sich zu vergewissern, muß der Besucher eine Treppe in der Mitte der Halle hinabgehen. Dem Untergeschoß, von den genannten Stützen getragen, wo in zu wenig Licht weitere Schalter und Läden sind, wird er da keine Aufmerksamkeit mehr widmen wollen, aber er versteht immerhin, daß die orgelartigen Elemente in der Grünfläche oben Belüftungsröhren waren. Aufenthaltsort will der unterirdische Teil des Busbahnhofs auch nicht sein, durch zwei Gänge leitet er den Besucher hinaus in die Stadt. Wählt er den ersten, blickt er in Richtung Bahnhof. Wählt er den anderen, steht er vor dem Panorama von Kielce als sozialistischer Musterstadt und was, wenn es schon nicht ein ferner Planet ist, könnte besser passen?

BlickBusbahnhof

Zuerst ein Gebäude, auf dessen roter fensterloser Fassade man noch die Bezeichnung „Kino Romantyka“ erahnen kann. Sein langes Pultdach flacht nach hinten ab und steht so über, daß es die gelben Seiten rahmt. Dann nach links hin entlang der Straße ein langer Flachbau mit verglaster Fassade, dessen Dach aus einer Folge von Einzelabschnitten mit je einer emporgewölbten Ecke besteht, so daß es wirkt, als habe man Papierstücke aneinandergelegt, in die nun von rechts ein leichter Wind fährt. Dahinter drei schmale zehngeschossige Punkthäuser mit aufstrebenden Dachaufbauten. Schaut man genauer, sieht man noch mehr, die Rückseiten von Mietskasernen etwa, doch was ist das schon gegen dieses Ensemble, daß man aus so einer perfekten Perspektive sieht, wenn man aus dem Eingang des Busbahnhofs, dessen Seiten verglast sind, während das Dach den Schwung der Bahnsteigdächer aufgreift, heraustritt? Daher ist dieses Ensemble auch weniger Potemkinsches Dorf als Versprechen. Ein Versprechen im übrigen, das Kielce einzuhalten scheint, denn steht man vor dem Kino oder dem Flachbau des Super Sam, wie im sozialistischen Polen die Kaufhalle heißt, sieht man im weiteren Verlauf der Straße den Verwaltungskomplex, dessen Schönheit schon zu erahnen ist.

Während also der Bahnhof einem Kielce in seiner Gesamtheit zeigt, zeigt der Busbahnhof einem ein idealisiertes, sozialistisches Kielce. Es ist eine Idealisierung, die Kielce vielleicht nicht einmal nötig hat. Kein Weg jedenfalls, nicht nur symbolisch, sondern beinahe auch praktisch, führt vom Busbahnhof zu der backsteinernen Kirche, Gotik oder eher Neogotik, die doch direkt hinter ihm steht.

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