Venezia

Wie schreibt man von Venedig? Wie schreibt man von einer Stadt, die jeder kennt, die jeder gesehen hat, ob er nun da war oder nicht, und von der jeder, der halbwegs formulieren kann, schon geschrieben hat?

Wie Marcel Proust vielleicht, der auf einer Gondelfahrt durch kleine Kanäle ein orientalisches Märchenreich aus verwunschenen, plötzlich auftauchenden Gärten und Palästen sieht? Oder wie Thomas Mann, der in den stinkenden Kanälen und Gassen den Tod sieht? Oder vielleicht geht man darauf ein, was den heutigen Besucher wohl am meisten überrascht: daß Venedig eine ganz normale Stadt ist, kein Museum, nicht herausgeputzt, abseits einiger Gassen und Plätze nicht einmal besonders touristisch?

Nein, das kann es alles nicht sein. Man muß Venedig in der Tat behandeln wie jede andere Stadt und nicht impressionistische Eindrücke sammeln, mit denen man ohnehin immer Epigone von irgendwem bleiben würde, weshalb man sie, wenn es denn sein muß, besser in Städten, die niemand kennt, suche, sondern das an ihr finden, was in die Zukunft weist. Das Gewirr der Kanäle, Gassen und kleinen Plätze tut das nicht. Die neue Stadt kann nicht eng und verwinkelt sein, sie kann auch keine Geheimnisse haben. Zukunftsweisend an Venedig aber ist die Piazza San Marco, der Markusplatz.

Er ist wie ein Tor zur Stadt konzipiert, durch das der übers Wasser kommende Besucher in sie hinein geleitet wird. In der Mitte ist die große, aber nicht zu große Platzfläche, auf der zwei hohe Säulen stehen. Steht man zwischen ihnen und blickt zurück aufs Wasser der Lagune, sieht man vor sich einen Kranz kleiner Inseln mit großen Kirchen und davor regen Bootsverkehr. Oben auf der rechten ist die berühmte Bronzeplastik des geflügelten Löwen, Wappentier der Stadt, während auf der linken eine weit unbekanntere und auch recht langweilige Skulptur des heiligen Georg ist.

Rechts wird der Platz begrenzt vom Palazzo Ducale, dem Dogenpalast. Er ist das schönste Gebäude Venedigs, vielleicht eines der schönsten Gebäude überhaupt. Gotisch, aber anders als jedes gotische Gebäude, dem man anderswo begegnen könnte, so daß die Stilbezeichnung ganz irreführend scheint. Der Grundriß ist quadratisch und eine der beiden identisch strukturierten Fassaden ist dem Wasser zugewandt, die andere dem Platz. Was sogleich auffällt, ist der enorm unterschiedliche Charakter der unteren und oberen Hälften der Fassaden. Die untere Hälfte ist völlig in Arkaden aufgelöst. Während die Arkaden im Erdgeschoß noch breite Spitzbögen, zwischen denen die Wand geschlossen ist, haben, haben sie im Bereich darüber schmale Kielbögen, zwischen denen Fensterrosen die Wand völlig auflösen. Gleichsam schwebend und monolithisch geschlossen erhebt sich darüber die zweite Hälfte. Nicht die je sechs breiten spitzbögigen Fenster oder die Balkone in der Mitte, nicht die Öffnungen also, machen diese obere Hälfte aus, sondern die Wandfläche selbst, das Geschlossene. Aus glattem Stein, aus Marmor sicher, der hier seine dezenteste und eleganteste Anwendung erfährt, besteht diese Fläche und sie hat auf weißen Grund ein ganz simples, aber hinreißend schönes rotes Rautenmuster mit schwarzen Mittelpunkten. Die Balkonbereiche in der Mitte der oberen Hälfte sind als einzige mit Ornamenten geschmückt, Pilaster an den Seiten, allerlei Reliefs über dem eigentlichen Balkon und eine abschließende Skulptur auf dem Dach. Dazwischen erheben sich auf dem Dach außerdem zinnenartige Formen. Durch den Kontrast zur edlen Schlichtheit der Wandflächen gewinnt diese Ornamentik erst an Schönheit und Wert. Und während beim Balkonbereich der älteren Wasserfront die Pilaster noch mit gotischen Filialen enden, enden sie bei der neueren Platzfront mit kleinen Obelisken, die schon von der nahenden Renaissance künden.

Aus Schütz, Manfred/Frenzel, Reiner: Paläste und Schlösser in Europa, Leipzig 1970

Aus Schütz, Manfred/Frenzel, Reiner: Paläste und Schlösser in Europa, Leipzig 1970

Das Großartige am Dogenpalast ist, daß er in diesen knappen Worten auch schon im Wesentlichen beschrieben ist. Was ihn ausmacht, ist das Wechselspiel großer, klarer Formen, der offenen Unterhälfte und der geschlossenen Oberhälfte. Das macht ihn, vollendet vor 1400, so ungemein modern. Jeder aufgestützte kubische Baukörper der fortschrittlichen Architektur des 20. Jahrhunderts ist hier schon angelegt. Auf der Piazza San Marco kann man vielleicht besser als irgendwo sonst lernen, daß jede Architektur selbstverständlich in einer Tradition steht, daß Tradition aber niemals Nachahmung von Ornamentik bedeuten darf. Nicht gotische Formen oder so etwas machen den Dogenpalast aus, sondern die perfekte Proportionierung des Baukörpers. Auf der Piazza San Marco kann man auch lernen, daß Stilbezeichnungen nichts bedeuten. Diese venezianische Gotik, die ein so völlig horizontal wirkendes Bauwerk hervorbrachte, hat nichts mit jener französischen und deutschen Gotik, die immer vertikal wirken will, gemein. Gleiches gilt für die enorme Klarheit dieses Baus.

Alles, was zum Äußeren des Palazzo Ducale sonst noch zu sagen ist, sind Details, wunderschöne Details zum Teil, aber eben doch nur Details. So sind die drei sichtbaren Ecken durch Spiralsäulen nur ganz unmerklich betont und haben auf der Höhe der unteren Arkadenbögen Skulpturengruppen, die etwa Adam und Eva zeigen. Das bedeutendste skulpturale Element des Baus sind aber die Kapitelle der Säulen, die die unteren Spitzbögen tragen. Kein einziges ist wie das andere. Während sich bei den Kapitellen der Wasserfront solche mit Portraitbüsten und solche mit Laubwerk, zwischen dem kleine Figuren vermutlich Allegorisches tun, abwechseln, sind jene der Platzfront vielgestaltiger und irgendwie verspielter. Hier gibt es Kapitelle, die Jahreszeiten und Monate, Köpfe als Repräsentation all der Völker, mit denen die Venezianer zu tun hatten, Früchte oder reale und mystische Raubtiere mit Beute im Maul zeigen. Beide Fassaden des Dogenpalasts sind also in vielen Details verschieden, in den großen Zügen aber identisch und vor allem auch völlig gleichberechtigt.

Da der Bau so wie er ist so harmonisch und vollkommen wirkt, bemerkt man zuerst vielleicht gar nicht, daß etwas fehlt: ein deutlich abgesetzter Eingang. Dieses Fehlen ist etwas schlichtweg Revolutionäres, Ausdruck von Stärke, die keine billigen Einschüchterungs- oder Protzgesten braucht. Zwar gibt es den Eingang durchaus, er ist auch prunkvoll mit all seinen Skulpturen und Filialen, aber er ist eher versteckt am Ende der Platzseite, hinter deren Ecke noch. Er scheint mehr ein Zugeständnis an vulgäre Konventionen zu sein, das mit dem eigentlichen Gebäude nichts zu tun hat und neben dessen Fortschrittlichkeit gänzlich antiquiert wirkt. Ein typisches gotisches Portal eben, das auch zu einer Kirche gehören könnte, und es ist wohl kein Zufall, daß es zur anderen Seite an die Basilica di San Marco anschließt.

Im Inneren des Palasts ist ein großer quadratischer Innenhof, der Schönheiten ganz eigener Art beherbergt. Ein wenig des Inneren, das wohl einmal außen war, kann man auch durch die Transparenz der oberen Arkaden sehen: zwei Geschosse des Vorgängerbaus. Alles daran wirkt viel verwinkelter, mittelalterlicher, da sind hölzerne Balken und Arkaden, unregelmäßige Fenster. Daß der Dogenpalast insgesamt nicht ein einziger grandioser Entwurf, sondern Ergebnis jahrhundertelanger Bautätigkeit ist, sieht man auch daran, daß die ersten beiden Fenster an der rechten Seite der Wasserfront niedriger als alle anderen in der Wandfläche sitzen und Maßwerk haben. Doch weder diese noch andere kleine Unregelmäßigkeiten der Fassaden ändern irgendetwas an der Perfektion des Gesamtbaus.

Zeichnung von Ruth und Rudolf Peschel aus Henselmann, Irene u. Hermann: Das große Buch vom Bauen, Berlin 1976

Zeichnung von Ruth und Rudolf Peschel aus Henselmann, Irene u. Hermann: Das große Buch vom Bauen, Berlin 1976

Links wird der Platz begrenzt von einem Bau völlig anderen Charakters, der Biblioteca Marciana. Anders als der Palazzo Ducale ist sie ein ganz typisches Beispiel, vielleicht sogar ein Lehrbuchbeispiel, ihres Stils. Ihre Fassade liegt der Platzfront des Dogenpalasts direkt gegenüber und tritt mit dieser noch dadurch zusätzlich in einen Dialog, daß sie ungefähr genauso lang ist wie sie. Aufgeteilt ist die Fassade in zwei gleichhohe Geschosse, deren unteres rundbögige Arkaden mit dorischen Säulen und deren oberes große rundbögige Fenster mit ionischen Säulen hat. Auf dem Dach stehen, vielleicht jeweils dort, wo die Säulen enden, Skulpturen, die ebenso wie der Rest der Fassade aus weißem Marmor sind. Es mag an der Nachbarschaft des einzigartigen Gebäudes, das der Dogenpalast ist, liegen, daß die Bibliothek wenig begeistern kann. Vielleicht liegt es daran, daß man schlechte Kopien italienischer Renaissance aus den Mietskasernenfassaden deutscher Kleinstädte kennt. Vielleicht liegt es auch, grundsätzlicher, daran, daß die Renaissance trotz ihrer fortschrittlichen Elemente wie der enorm großen Fenster durch den Bezug auf die Antike gleichsam zwangsläufig in vorgeschriebenen Säulenordnungen erstarren muß, während die Gotik als ahistorische Bauform überallhin führen kann. Oder vielleicht liegt es daran, daß jeder Stil seine interessantesten Ausformungen dort findet, wo er nicht originär heimisch ist. Deshalb wäre dann die ursprünglich französische Gotik in Italien am besten und die ursprünglich italienische Renaissance in Deutschland. Auch die skulpturale Gestaltung der Biblioteca Marciana kann nicht annähernd mit dem Palazzo Ducale mithalten. Die Reliefs in den Innenseiten der Bögen der Arkaden und die Skulpturen auf dem Dach mögen interessant sein, aber man kann sie sich kaum richtig ansehen.

Welche Leistungen die Renaissance zu vollbringen vermag, zeigt eindrucksvoll ein weiteres Gebäude auf der Piazza San Marco. Es steht ganz an ihrem Ende gegenüber der Öffnung zum Wasser, vielleicht direkt zwischen den beiden Säulen und ist im konkretesten Sinne Tor zum Rest der Stadt. Die Fassade des recht schmalen Baus ist in verschiedene Felder gegliedert, die den Geschossen entsprechen. Über einem hohen rundbögigen Tordurchgang ist zuerst das große Zifferblatt einer Vierundzwanzigstundenuhr, das mit goldenen Tierkreissymbolen verziert ist. Darüber ist eines der wohl ältesten Beispiele einer digitalen Uhr. Links wird in arabischen Ziffern die Stunde angezeigt und rechts in römischen Ziffern in Fünferschritten die Minuten. Darüber ist noch ein höheres Feld mit dem geflügelten Löwen Venedigs als Relief. Und auf dem flachen Dach steht eine große Glocke, die zu jeder vollen Stunde von zwei großen mechanischen Figuren geschlagen wird. Allein schon in technischer Hinsicht ist dieser Uhrturm ein Meisterwerk. Vervollkommnt wird er durch zwei Seitenflügel, die erst drei Geschosse hoch sind und dann, hinter einer Terrasse zurückgesetzt, um zwei weitere Geschosse ansteigen. Diese beiden letzten Geschosse sind erst eine weit spätere, barocke Ergänzung, die aber sehr gut paßt. Ohne an die Kühnheit des Dogenpalasts heranzureichen, wirkt auch dieses Gebäude sehr modern und es ist nicht überraschend, daß sich noch in den zwanziger Jahren ein Hochhaus in Leipzig von ihm inspirieren lassen konnte.

Das bislang Beschriebene ist nur ein Teil des Platzes, jener, der oft als Piazzetta (Kleiner Platz) bezeichnet wird, was aber irreführend ist, da es implizierte, es sei ein ganz anderer Platz. Der zweite Teil erstreckt sich nach der Biblioteca Marciana als langgezogene Fläche nach links, so daß sich für den Gesamtplatz eine L-Form ergibt. So viel größer dieser zweite Teil des Markusplatzes ist, so viel banaler ist seine Umbauung. Auf der einen Seite die Procuratie Nuove. Sie schließt quer an die Bibliothek an und sähe auch genauso aus, wenn sie nicht anstelle der Plastiken auf dem Dach noch ein drittes Geschoß mit korinthischen Säulen hätte. Auf der anderen Seite, aber nicht parallel, sondern vom Uhrturm aus schräg aus die Procuratie Nuove zulaufend, die Procuratie Vecchie, ebenfalls ein sehr ähnlicher Renaissancebau, dessen gotischen Ursprung man aber am Kreuzrippengewölbe der Arkaden noch ein wenig erkennen kann. Als Verbindungsbau am schmalen Ende des Platzes weit links noch die Ala Napoleonica (Napoleonischer Flügel), die nun gänzlich eine Jahrhunderte später gebaute Kopie der Biblioteca Marciana ist und doch nur vulgär wirkt.

Da all diese Gebäude so einförmig und unspektakulär sind, könne sie unweigerlich nicht mehr als ein Rahmen, ein blasser Hintergrund für den Glanz des Gebäudes an der rechten Seite dieses Platzteils sein: die Basilica di San Marco. Nach dieser riesigen Kirche hat der Platz seinen Namen und als sein auffälligstes Gebäude wird ihm wohl auch die meiste Aufmerksamkeit gewidmet. Die Basilica schließt an den Dogenpalast an und ragt deutlich weiter als dieser in den Platz vor, ohne aber irgendeine Wirkung für dessen zum Wasser geöffneten Teil zu haben. Sie ist ein Gebäude, das man kaum wirklich betrachten kann, weil es einfach zu viel von allem hat. Erst nach einer Weile wird man eine gewisse Struktur der Fassade auszumachen vermögen. Der untere Bereich hat fünf rundbögige Portale, von denen das mittlere besonders hoch ist. Doch was für ein verwirrendes Übermaß an Schmuckformen überall! Hier ein gotisches Maßwerkfenster, dort eine große romanische Säule, die dann vier kleinere aus weißem, schwarzem, grünem und rotem Marmor trägt, figürliche Reliefs in den Bögen, Mosaiks in den offenen Gewölbeflächen darunter. Der obere Bereich beginnt mit einer Terrasse und endet in kielförmigen Giebeln über den Portalen, deren ornamentaler und figürlicher Schmuck jeden Rahmen sprengt. Der mittlere Giebel hat ein großes rundbögiges Fenster, das ganz aussieht, als gehöre es zu einer Bahnhofshalle. Noch darüber erheben sich fünf Kuppeln, vier kleinere um eine größere in der Mitte angeordnet. Es ist ein wahnwitziges Gebäude. Byzantinisch, romanisch, gotisch, Renaissance werden die Stileinflüsse genannt, aber treffender scheint, es barock im negativsten Sinne des Wortes zu nennen: überladen, chaotisch, jedes Maß ignorierend.

Während der Dogenpalast ein Urvater aller fortschrittlichen Architektur des 20. Jahrhunderts ist, ist die Basilica di San Marco ein Vorfahre all des furchtbaren Historismus des 19. Jahrhunderts. So zeigt sich der eigentliche Konflikt auf der Piazza San Marco nicht zwischen Gotik und Renaissance, sondern zwischen Fortschritt und Reaktion. Und da stehen Palazzo Ducale und Biblioteca Marciana als Symbole für säkulare Herrschaft und Aufklärung auf der einen und die Basilica als Symbol für religiöse Herrschaft und Aberglauben auf der anderen Seite. Es ist fast schon erschreckend, wie ungeheuer klar sich diese beiden Seiten wiederspiegeln. Hier die zukunftsweisende Klarheit des Dogenpalasts, dort die protzhaft-monumentale Überladenheit der Basilica. In gewisser Weise gibt es so doch nicht eine Piazza San Marco, sondern zwei: eine offene, dem Meer, der Welt zugewandte, und eine geschlossene, in sich zurückgezogene.

Ein interessantes Detail hierzu ist, daß dort, wo die Ala Napoleonica heute den Platz abschließt, früher eine von Jacopo Sansovino, dem Architekten der Bibliothek, entworfene Kirche mit Tempelfassade stand. Gäbe es sie noch, so ständen sich auf der Piazza San Marco auch zwei verschiedene Entwürfe von Kirche gegenüber: die mittelalterlich-obskurantistische und die neuzeitlich-aufgeklärte. Diese zweite Piazza San Marco wäre eine ganz andere, hätte sie noch diesen faszinierenden Kontrast. Sie hätte vielleicht auch eine zweite, vielleicht sogar bedeutendere Öffnung zur Stadt, denn hinter der Kirche, wo ein Kanal verläuft, ging es in die Gassen der Stadt.

Ein letztes Gebäude auf der Piazza San Marco ist noch zu erwähnen: der Campanile, der frei neben der Ecke von Biblioteca Marciana und Procuratie Vecchie steht. Der heutige Turm ist ein erst hundert Jahre alter Neubau, der errichtet wurde, nachdem das Original 1902 eingestürzt war. Er sieht wohl aus wie viele andere italienische Campanile, quadratischer Grundriß, Backstein mit einigen rundbögig abgeschlossenen Vertiefungen, oben rundbögige Arkaden aus Marmor und ein spitzes Zeltdach. Allein schon durch seine Höhe von hundert Metern wird er zur vertikalen Dominante, die das so schöne wie spannungsvolle Ensemble des Markusplatzes abschließt.

Der Markusplatz hat die eigentümliche Situation, zwar Wahrzeichen von Venedig zu sein, aber zugleich eine Antithese zu allem, was es ausmacht. Die Stadt ist eng, verwinkelt, chaotisch, der Platz aber ist groß, offen, geplant. Nicht einmal einen Kanal gibt es auf ihm. Der Platz ist wie ein glänzendes Tor, das in dunkle Abgründe führt, wie ein wundervolles Versprechen, das die Stadt nicht einhalten kann. Die Bemühungen der Architekten der Renaissance, das Zentrum der Stadt vernünftig zu gestalten, sind daher sehr verwandt mit den Bemühungen fortschrittlicher Architekten des 20. Jahrhunderts, die gesamte Stadt vernünftig zu gestalten. Beide taten, was sie unter den gegebenen gesellschaftlichen Bedingungen tun konnten. Wenn man auf dem Markusplatz etwas lernen kann, dann, ein wenig von ihm in all jenen oft ignorierten Zentren fortschrittlicher Wohngebiete zu sehen, wo es eine vertikale Dominante, die vielleicht ein Wohnhochhaus sein könnte, ein Kunstwerk und ein großes Gebäude mit monolithischer fensterloser Fassade, vielleicht ein Kino, gibt. Denn der Campanile, die Säule mit dem venezianischen Löwen und der Palazzo Ducale sind nichts grundsätzlich anderes.

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