Jugoslawien im Thüringer Wald

Als die DDR in den frühen Sechzigern, nachdem auch offiziell alle gesamtdeutschen Vorstellungen abgelegt worden waren, beschloß, sie brauche ein internationalen Maßstäben genügendes Wintersportzentrum, wurde als dessen Standort das Örtchen Oberhof im Thüringer Wald im südlichen Bezirk Suhl, das seit dem Ende des 19. Jahrhunderts schon eine bescheidene touristische Tradition hatte, gewählt. Und was hätte besser zu diesen Ansprüchen von Internationalität und Wintersport passen können, als mit dem Bau einiger wichtigen Gebäude im neuen Oberhof Fachleute aus dem einzigen sozialistischen Staat, der einen Anteil an den Alpen hat, zu beauftragen: aus Jugoslawien?

Das erste jugoslawische Gebäude in Oberhof ist auch das berühmteste und sein Symbol: das Interhotel „Panorama“. Daß ein wichtiger Ort zuallererst ein symbolisches Gebäude braucht, war in den Sechzigern geradezu eine städtebauliche Doktrin in der DDR. Ob sie richtig war, sei dahingestellt, aber unstrittig ist, daß diese Symbole auch nach dem Ende der DDR weit stärker weiterwirken als vieles andere, was sie schuf. Das gilt auch für das Interhotel „Panorama“. Ganz im Norden Oberhofs erhebt es sich.

Zeichnung von Ruth und Rudolf Peschel aus Kürth, Herbert/Kutschmar, Aribert: Baustilfibel, Berlin 1978

Zeichnung von Ruth und Rudolf Peschel aus Kürth, Herbert/Kutschmar, Aribert: Baustilfibel, Berlin 1978

Auf einem verglasten Sockelgeschoß, das zur Straße hin flach, zum steilen Hang hin aber dreigeschossig ist, weit überstehende Betonbalken, die die zwei Bettenhäuser tragen. Sie beginnen mit einem zweigeschossigen Teil, steigen schräg  auf dreizehn Geschosse an und scheinen zueinander zu streben, ohne sich aber je berühren zu können, da sie bei ihren höchsten Stellen nebeneinander versetzt stehen. Wie zwei riesige Dreiecke aus Fensterbändern und dunklem Holz stehen sie dort in über 800 Meter Höhe mitten im Thüringer Wald.

Aus Adamiak, Josef/Pillep, Rudolf: Kunstland DDR, Leipzig 1982

Aus Adamiak, Josef/Pillep, Rudolf: Kunstland DDR, Leipzig 1982

Ihre schrägen Dächer sollen an Skisprungschanzen erinnern, aber nimmt man sie zusammen, kann man in ihnen genausogut eine Anspielung auf traditionelle Satteldächer von Berghütten sehen.

Aus Linde, Guntard/Guse, Ernst: Oberhofer Ansichten, Leipzig 1983

Aus Linde, Guntard/Guse, Ernst: Oberhofer Ansichten, Leipzig 1983

Egal, ob man mit dem Auto, dem Bus oder zu Fuß nach Oberhof kommt und sogar, wenn man bloß auf einem der umliegenden Berge ist, man wird immer zuerst dieses Hotel sehen. Seine Name bekommt so eine Doppelbedeutung, denn so wie es seinen Gästen ein Panorama bietet, verändert es selbst das Panorama seiner weiteren Umgebung. Seit 1969, pünktlich zum 20. Jahrestag, kündet es weithin sichtbar vom Wintersportzentrum der DDR.

Vom Interhotel „Panorama“ gelangt man auf dem leicht abschüssigen Bergkamm nach Süden ins Zentrum der Stadt, die Oberhof 1985 trotz seiner geringen Einwohnerzahl wurde. Die älteren Straßen, durch die man kommt, waren vielleicht nie sehr schön, die Gebäude sind auch allesamt nicht älter als hundert Jahre. Bloß noch vage erkennt man den Schiefer als Merkmal der traditionellen lokalen Architektur. Das Zentrum beginnt rechts der Straße mit dem zweiten, 1972 entstandenen jugoslawischen Gebäude Oberhofs: der Großgaststätte „Oberer Hof“. Sie ist ein dreigeschossiger Bau auf sehr unregelmäßigem Grundriß zwischen Straße und stark abfallendem Hang, der ganz aus seinem vielgestaltig spitzen Dach mit kleinen dreieckigen Gauben zu bestehen scheint.

Aus Autorenkollektiv: Architekturführer DDR - Bezirk Suhl, Berlin 1989

Aus Autorenkollektiv: Architekturführer DDR – Bezirk Suhl, Berlin 1989

Dieses Dach nimmt die schiefergedeckten Dächer der älteren Häuser auf und verwandelt sie in eine Art abstrakte Skulptur. Nach Süden, zum Platz des Friedens hin, wird der „Obere Hof“ sehr schmal und sein Dach steigt schräg und spitz an. Sieben Gaststätten gab es dort, darunter, weiterer jugoslawischer Anklang, auch eine „Serbische Bauernstube“.

Der „Obere Hof“ leitete somit sehr schön zum Zentrum über, dessen wichtigste Gebäude südlich des Platzes der Freiheit standen. Links der Straße, tiefer gelegen, ist noch der Kurpark, aber der ist weniger auffällig. Bestimmt wurde das Zentrum von drei Gebäuden: dem FDGB-Erholungsheim „Fritz Weineck“ ganz rechts, einem in den abfallenden Hang gesetzten Plattenbau mit Satteldach eines Typs, der auch in Suhl und Oberwiesenthal verwendet wurde,

Aus Autorenkollektiv: Das neue Ferien- und Bäderbuch, Berlin 1986

Aus Autorenkollektiv: Das neue Ferien- und Bäderbuch, Berlin 1986

dem Ernst-Thälmann-Haus in der Mitte, einem etwas erhöht gelegenen großen Fachwerkbau,

Aus Autorenkollektiv: Architekturführer DDR - Bezirk Suhl, Berlin 1989

Aus Autorenkollektiv: Architekturführer DDR – Bezirk Suhl, Berlin 1989

und schließlich dem FDGB-Ferienheim „Rennsteig“ links, dem dritten jugoslawischen Bau Oberhofs.

Aus Urzyniok, Horst: Tourist Wanderatlas Oberhof, Berlin/Leipzig 1986

Aus Urzyniok, Horst: Tourist Wanderatlas Oberhof, Berlin/Leipzig 1986

Mit seinen siebzehn Geschossen war es die Dominante des Zentrums. Seine Breitseite, die von Fensterbändern, Holzverkleidung und dünnen horizontalen Betonstreben bestimmt war, verjüngte sich nach oben hin leicht, um dann mit einem kleinen Satteldach zu enden. Diese Form sollte an die eines Rennsteigsteins, also einer der Markierungssteine am Rennsteig, dem berühmten Wanderweg durch den Thüringer Wald, erinnern.

Aus Urzyniok, Horst: Tourist Wanderatlas Oberhof, Berlin/Leipzig 1978

Aus Urzyniok, Horst: Tourist Wanderatlas Oberhof, Berlin/Leipzig 1978

Hinter dem siebzehngeschossigen Bettenhaus erstreckte sich der zweigeschossige Sockelbau. Dieses Gebäude erlangte zwar nie die symbolische Bedeutung des „Panorama“, aber es bildete den Abschluß sowohl des Oberhofer Stadtzentrums als auch des jugoslawischen Wirkens dort. Durch ein Wandbild von Walter Womacka im unteren Teil einer der Schmalseiten (im Bild sehr undeutlich zu erkennen) kam es sogar noch zu einer kleinen Synthese aus der Architektur Jugoslawiens und der Kunst der DDR.

Im Bereich südlich des Zentrums verbreitert sich der Kamm. Neben vermischter Einfamilienhausbebauung gibt es dort auch ein kleines Wohngebiet aus der DDR mit vier- und fünfgeschossigen Gebäuden, die mit überstehenden Satteldächern und einzelnen Holzapplikationen Elemente der lokalen Architektur aufnehmen, wie es ja überhaupt für Oberhof typisch ist.

Heute ist Oberhof noch immer vom Wintersport geprägt. Am Hang westlich des Hotels „Panorama“ sind die Skisprungschanzen, in der Nähe gibt es die Kunsteisrodelbahn

Aus Linde, Guntard/Guse, Ernst: Oberhofer Ansichten, Leipzig 1983

Aus Linde, Guntard/Guse, Ernst: Oberhofer Ansichten, Leipzig 1983

und die Biathlonstrecke und selbstverständlich bieten sich die umliegenden Berge so sehr wie je für den Skilanglauf an. Auch das Symbol der Stadt steht weiterhin und im „Oberen Hof“ gibt es vielleicht keine „Serbische Bauernstube“ mehr, aber Restaurants und Bars doch. Bloß seines Zentrums entledigte Oberhof sich in den auf die Ereignisse 1990 folgenden Jahren völlig. Nicht nur „Rennsteig“ und „Fritz Weineck“ sind verschwunden, auch vom Ernst-Thälmann-Haus, das doch mit seinem Fachwerk auch von den konservativeren Besuchern kaum als sehr störend empfunden werden konnte, blieb nur eine Treppe, die jetzt auf eine Brachfläche führt.

Nur noch wenig von dem, was Oberhof zu dem eigentümlichen jugoslawisch geprägten Wintersportzentrum machte, gibt es somit mehr. Auch seine jugoslawische Geschichte scheint die Stadt vergessen zu haben. Es ist nicht einmal einfach herauszufinden, wer die jugoslawischen Gebäude Oberhofs eigentlich entwarf, sogar der sonst so zuverlässige Architekturführer DDR nennt bloß jugoslawische Kollektive, zu denen nur beim „Panorama“ ein „K. Martinkovic“ hinzutritt. Bei diesem dürfte es sich um den vormaligen Belgrader Professor Krešimir Martinković handeln, dessen mehrbändige „Osnovi zgradarstva“ (Grundlagen des Bauwesens) noch heute ein Standardwerk zu sein scheinen, aber viel ist über ihn nicht zu erfahren. Immerhin die Baufirma Komgrap nennt Oberhof noch als Beispiel für ihre internationale Tätigkeit.

Wenn man heute durch die Straßen im Norden Oberhofs geht, sieht man denn alles erfüllt von der Vulgarität der billigeren Ferienorte kapitalistischer Staaten und es tröstet wenig, daß das auch in den Alpen Sloweniens nicht anders sein dürfte. So nah wie in Oberhof werden sich Jugoslawien und die DDR nicht mehr kommen.

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