Was Hellersdorf sein müßte

Hellersdorf war das letzte große Wohngebiet, das in der Hauptstadt der DDR, Berlin, gebaut wurde. 1985 begannen die Arbeiten und konnten 1990 also noch schwerlich abgeschlossen sein. Vor allem das Zentrum und viele Freiflächen wurden erst im restaurierten Kapitalismus der Neunziger und entsprechend dessen gerade in Berlin besonders schlimmen Vorstellungen von Architektur gebaut. Aber das ist noch nicht einmal Hellersdorfs größtes Problem. Trotz seiner guten Erschließung durch mehrere Straßenbahnlinien und sogar die vom Tierpark verlängerte U-Bahn wirkt es immer irgendwie formlos und viel zu weitläufig, eine scheinbar unendliche Ansammlung sechsgeschossiger Gebäude, aus der nur sehr selten mal etwas Höheres herausragt. Die klaren städtebaulichen Strukturen, die man in Marzahn oder auch in allen anderen Wohngebieten Berlins, wo zehngeschossige Bebauung vorherrscht, noch heute recht leicht findet, in Hellersdorf fehlen sie oder sind jedenfalls nicht erlebbar.

Dabei hätte Hellersdorf so viel mehr sein können. Denn Hellersdorf wurde nicht nur wie schon Marzahn oder Hohenschönhausen von Bauleuten aus allen Bezirken der Republik erbaut, um dem schönen Gedanken, die Hauptstadt sei das Werk von Menschen aus der ganzen DDR, Ausdruck zu verleihen, nein, es wurden auch Gebäudetypen aus den verschiedenen Bezirken verwendet. Hellersdorf, das kurz nach Baubeginn schon ein eigener Stadtbezirk Berlins wurde, hätte so wirklich eine DDR im Kleinen, eine lebendige und dauerhafte Ausstellung der Vielfalt und Schönheit ihrer fortschrittlichen Architektur, die Texte wie diesen unnötig gemacht hätte, werden können. Aber mit fünf-, sechsgeschossiger Bebauung war das nicht möglich. Nicht, daß die entsprechenden Gebäudetypen nicht in allen Bezirken verschiedenen gewesen wären, aber diese Unterschiede sind nur schwer zu bemerken und selbst, wenn sie größer wären: mit solcher Bebauung läßt sich auf einer so ausgedehnten Fläche einfach kein wirklich gelungenes Wohngebiet schaffen.

Wie anders wäre das gewesen, wenn jeder Bezirk Hellersdorf seine besten Gebäudetypen hätte geben dürfen! Aus dem Bezirk Halle kämen jene Punkthochhäuser, die mit ihren 22 Geschossen und dem leicht abgesetzten würfelförmigen oberen Teils die vielleicht avanciertesten der DDR sind,

Aus Große, Gerald/Steinmann, Hans-Jürgen: Zwei an der Saale - Halle - Halle-Neustadt, Leipzig 1979

Aus Große, Gerald/Steinmann, Hans-Jürgen: Zwei an der Saale – Halle – Halle-Neustadt, Leipzig 1979

und die, auch im Bezirk Potsdam anzutreffenden, Turnhallen des Typs MT 90, die eine der formschönsten Anwendungen des gewellten Betonschalendachs sind.

Aus Autorenkollektiv: Architekturführer DDR - Bezirk Halle, Berlin 1977

Aus Autorenkollektiv: Architekturführer DDR – Bezirk Halle, Berlin 1977

Aus dem Bezirk Schwerin kämen elfgeschossige Gebäude, die vielleicht in der für diesen Bezirk typischen Gasbetonbauweise errichtet sind und ein verglastes Café im Obergeschoß haben.

Aus Autorenkollektiv: Architekturführer DDR - Bezirk Schwerin, Berlin 1984

Aus Autorenkollektiv: Architekturführer DDR – Bezirk Schwerin, Berlin 1984

Aus dem Bezirk Karl-Marx-Stadt kämen die für Hanglagen gedachten Versorgungszentren, die erst zweigeschossig sind und dann, höher am Hang, flach einen kleinen Platz umschließen.

Aus Krenz, Gerhard: Architektur zwischen gestern und morgen, Berlin 1974

Aus Krenz, Gerhard: Architektur zwischen gestern und morgen, Berlin 1974

Aus dem Bezirk Dresden kämen die zehngeschossigen Gebäude des Typs IW 67 mit ihren charakteristischen vorgesetzten und verglasten Treppenhäusern.

Aus Autorenkollektiv: Dresden, Leipzig 1974

Aus Autorenkollektiv: Dresden, Leipzig 1974

Und aus allem Bezirken fänden sich noch weitere Beispiele.

Einzig die Bezirke Cottbus und Rostock sind mit ihrem Besten vertreten. Der Energiebezirk schenkte Hellersdorf Schulen eines Typs mit aufgestütztem Saaltrakt. Seine Geschichte zeigt, wie Gebäudetypen im industriellen Bauen idealerweise entstehen sollten: am Anfang stand ein einzelner Experimentalbau in Boxberg, dann folgte die Auswertung und erst als die erfolgreich war, wurden weitere solcher Schulen überall im Bezirk Cottbus und schließlich auch in Hellersdorf gebaut.

Aus Krenz, Gerhard: Architektur zwischen gestern und morgen, Berlin 1974

Aus Krenz, Gerhard: Architektur zwischen gestern und morgen, Berlin 1974

Dem Küstenbezirk schließlich blieb es vorbehalten, zu zeigen, was Hellersdorf hätte sein müssen. Er baute, bezeichnenderweise in einem frühen Teil des Wohngebiets, eines seiner elfgeschossigen Gebäude in einer angepaßten Variante der WBS 70 (Wohnbauserie 70) , die in Terrassenstufen enden. So hatte Hellersdorf doch noch ein wenig Glück, denn kaum ein Gebäudetyp zeigt so gut wie dieser aus Rostock, zu welchen Leistungen die industrialisierte Großplattenbauweise in der Lage war (im Bild ein Beispiel aus dem Wohngebiet Evershagen in Rostock).

Aus Witt, Horst/Raif, Friedrich Karl: Rostock, Rostock 1982

Aus Witt, Horst/Raif, Friedrich Karl: Rostock, Rostock 1982

Hellersdorf zeigt es sonst leider nirgendwo (und zeigt es nicht mal auf folgendem Bild, obwohl das hohe Gebäude in der Mitte das aus Rostock ist und an der anderen Seite die Terrassenstufen hat).

Aus Kiesling, Gerhard/Jahn, Fritz: Berliner Farben, Leipzig 1987

Aus Kiesling, Gerhard/Jahn, Fritz: Berliner Farben, Leipzig 1987

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