Turoszów

Nach Turoszów sollte man mit dem Zug kommen. Man käme von Norden her durch das enge Tal der Neiße zwischen Ostritz und Hirschfelde, wo die Bahnstrecke teils auf polnischer und teils auf deutscher Seite verläuft. Dort fühlt man sich, obwohl die Hügel ringsum nicht allzu hoch sind, immer wie im Gebirge oder, das richtige Wetter und die richtige Jahreszeit vorausgesetzt, auch wie an einem wilden südamerikanischen Fluß. Aber man kann es nicht, der Personenverkehr nach Turoszów ist seit langem stillgelegt, und es ist nicht mal mehr ein eigener Ort, sondern Teil des nahen Bogatynia. Nur ein abgelegener Teil eines abgelegenen Teils Polens, der als kleiner Zipfel zwischen Deutschland und Tschechien nach Süden ragt.

Käme man aber mit dem Zug, man sähe Turoszów nicht als das, was es heute ist, sondern als das, was es mal sein wollte. Es empfängt einen der Bahnhof. Ein kleiner Bau: links das Funktionsgebäude, zweigeschossig, mit leicht nach hinten abfallendem Pultdach, das Obergeschoß weiß getüncht, das Erdgeschoß mit großen Kieseln verkleidet und rot bemalt, biało-czerwony, weiß-rot, die polnischen Farben. Dann ein flacher Verbindungstrakt, aus dem ein völlig verglaster Kasten hervorragt und auf dem oben in fast freischwebenden Buchstaben der Name des Bahnhofs steht: Turoszów.

BahnhofTuroszów1

Daran schließt ein runder Flachbau an, dessen flaches Betondach sich in der Mitte als Kuppel wölbt. Dieser Bau der Bahnhofshalle ist das eigentlich Großartige, ein kleiner Moment der Brillanz, in den der Ort all seine Wünsche und Hoffnungen legt. Vom Bahnsteig her ist der Eingang leicht zurückgesetzt hinter einer ebenfalls kieselverkleideten roten Stütze. Tritt man ein, steht man in der kleinen Halle, deren Stützen wie Wände mit glatten unregelmäßig geformten Steinstücken in einem rötlichen Ton und wenig Blau verkleidet sind. Über einem ist die Kuppel durch Streifen im weißen Putz weiter akzentuiert. Links in der Halle sind die Fenster der Gepäckaufbewahrung und des Fahrkartenschalters.

BanhofTuroszów2

Zum Ort hin dann sind die Wände fast gänzlich aufgelöst in Glasflächen und Türen. Vor einem liegt Turoszów.

Noch bevor man ausgestiegen ist, wird man den ganzen Ort in seinen groben Zügen erfaßt haben. Den südlichen Abschluß bildet die Bahnlinie, an der der Bahnhof ist, und dann der tiefe Lauf des Bachs Miedzianka. Am Hang im Norden ist das riesige Kraftwerk Turów. Vier mächtige Kühltürme links, drei rechts, dazwischen große und hohe Betriebsgebäude mit zwei weiteren Schornsteinen. Der Bahnhof liegt genau so, daß die Kühltürme ihn zu flankieren scheinen, ein Postkartenblick, falls es je eine Postkarte gab, die Turoszów zeigte. Zwischen ihm und dem Kraftwerk, den Ort in zwei Teile teilend, erstreckt sich ein Industriegebiet mit den unscheinbaren Hallen des Kraftwerks und anderer Betriebe, über das zwei große hoch aufgestützte Förderbänder, mit denen die Braunkohle ins Kraftwerk gelangt, verlaufen. Auf beiden Seiten davon erstrecken sich Wohngegenden.

Rechts wird die Bebauung bestimmt von einer ehemaligen Werksiedlung, die einen fast schon britischen Charakter hat. Vor allem also Reihenhäuser, dazu einige Doppelhäuser, die allesamt ein normales Geschoß und ein weiteres mit Gaubenfenstern unter dem Dach haben. Die Formen sind konservativ bis reaktionär, rundbögige Türen, backsteingefülltes Fachwerk in den Gauben und bei einzelnen spitzen Giebeln. Links, zur Nysa (Neiße) hin, gibt es vermischte Einfamilienhäuser, darunter auch einige Umgebindehäuser. Diese deuten schon auf die Nähe zum deutschen Hirschfelde auf der anderen Seite des Flusses hin. Heute gibt es keine ohne weiteres zu nutzende Brücke und die beiden Orte könnten genauso gut hunderte Kilometer voneinander entfernt sein. Geschichtlich aber verbindet sie viel. Zum einen ist das die banale Tatsache, daß Turoszów früher ein Teil von Hirschfelde war. Aber viel wichtiger ist, daß in Hirschfelde früher das Kraftwerk stand, das mit der südlich von Turoszów gewonnenen Braunkohle beheizt wurde. Nach dem zweiten Weltkrieg, als die Neiße zum Teil der Friedensgrenze zwischen Polen und der DDR wurde und der Tagebau also polnisch, wurde dieses Kraftwerk zu einem wichtigen Symbol der Freundschaft und Zusammenarbeit zwischen beiden sozialistischen Staaten. Erst später, 1962 übernahm das heutige polnische Kraftwerk langsam die Funktion desjenigen in Hirschfelde.

Aus Deutsche Demokratische Republik, Leipzig 1973

Aus Deutsche Demokratische Republik, Leipzig 1973

Die Hauptstraße von Turoszów verläuft direkt unterhalb des Kraftwerks und heißt sehr passend: Młodych energetyków (Straße der jungen Energiearbeiter). Sie, wie ja der ganze Ort, ist ganz vom Kraftwerk bestimmt, das über ihr aufragt. Während das Kraftwerk zeigt, was Turoszów noch immer ist, einer der wichtigsten Energieerzeuger Polens, erinnert nur noch der Name der Straße an den Stolz, den ein anderes Polen einmal mit ihm verband.

Turoszów

Kommt man heute von Süden nach Turoszów, so sieht man lange bevor man den Ort erreicht hat und die Chance hatte, den Bahnhof, der sein ganzes Streben symbolisiert, zu entdecken, die Kühltürme des Kraftwerks in der Ferne, die ohnedies zu den markantesten Punkten der Umgebung gehören. Auch wird man nicht umhinkommen, rechts der Straße entlang der Nysa das riesige Loch des Tagebaus Turoszów zu sehen. Es ist ein beeindruckendes Panorama, eine schier unendliche Mondlandschaft in Weiß und Grau, in der Maschinen stehen, die ganz klein scheinen. Die Landschaft ringsherum aber, von den Gebäuden Bogatynias im Norden bis zum Ještěd im Süden, wirkt durch diesen Kontrast nur noch umso strahlend grüner. Stellt man sich dazu den See und die für drei Länder zu erreichende Erholungslandschaft vor, die dort einst sein sollten, wünschte man sich nur noch mehr, es gäbe den Bahnhof noch.

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