Gottwaldova

Die Tragik der U-Bahnen ist es, daß sie einerseits eine sehr gute, unter kapitalistischen Bedingungen sogar die einzige, Möglichkeit sind, innerhalb großer Städte ein effektives Nahverkehrssystem zu schaffen, aber andererseits gerade durch ihre Lage unter der Erde den Blick auf ebendiese Städte verstellen. Sobald man den Eingang einer U-Bahnstation betritt, ist man in einer eigenen Welt, die eigentlich überall sein könnte. Es war deshalb nur naheliegend, daß die ersten Wagen des Londoner Underground fast fensterlos waren.

U-BahnLondon1890

Aus Autorenkollektiv: Lexikon Metros der Welt, Berlin 1985

Wohin schließlich sollte man schauen? Das setzte sich aber zum Glück nicht durch und es entwickelte sich der nunmehr vertraute Wechsel von dunklem Tunnel und hell erleuchteten Stationen. Dadurch wurde auch erst die abwechslungsreiche Gestaltung von U-Bahnstationen möglich.

Es liegt an dieser Tragik der U-Bahnen, daß zu den spektakulärsten Momenten aller Linien die gehören, wenn sie von ihren unterirdischen Teilen hinauf an die Oberfläche, auf eine Hochstrecke oder eine ebenerdige Strecke, kommen. Der vielleicht schönste, oder jedenfalls ein sehr seltener, Stationstyp nutzt genau diesen Effekt aus. Er potenziert ihn aber noch, da sich bei ihm nur die Stationen einer ansonsten unterirdischen Strecke nach außen, zur Stadt hin, öffnen.

Ein frühes Beispiel ist die Station Rathaus Schöneberg der U4 in Westberlin. Das Dunkel des Tunnels wird in dieser recht kleinen Station plötzlich durch Blicke hinaus in einen Park unterbrochen. Dessen Elemente werden dem Fahrgast geradezu vorgeführt, da auf der einen Seite eine große Wiese und auf der anderen ein Teich sind. Mitten in einer U-Bahnfahrt ist man so im Freien, mitten in der Stadt im Grünen. Die kleine U4, errichtet im frühen 20. Jahrhundert, als Schöneberg noch eine eigene Stadt war, besitzt so eine Station, die mit nichts anderem in Berlin zu vergleichen ist.

Schöneberg

Der Höhepunkt dieses Stationstyps aber ist die Station Gottwaldova (heute: Vyšehrad) der Linie C der Prager Metro. Der Zug verläßt den dunklen Tunnel und plötzlich hat man jenseits der Fenster ein Panorama vor sich, auf das einen nichts vorbereiten könnte. Über Hausdächer in einem tiefen Tal hinweg blickt man bis zu Hradčany, dem Herz des mittelalterlichen Prag mit den Türmen des Chrám sv. Víta (St.-Veits-Dom). Sieht man in Schöneberg auf einen Park, so hat man hier die ganze Stadt vor sich liegen.

Aus Praha. Soubor 33 listů, Praha o.J.

Aus Praha. Soubor 33 listů, Praha o.J.

Die Stadt, von der Metro praktisch verbunden, wird hier auch optisch in sie hineingeholt. Doch die Gottwaldova ist nicht nur die vielleicht schönste U-Bahnstation der Welt, sie ist, wie sich das für ein Bauwerk des Sozialismus gehört, Teil von etwas Größerem. Schon der Tunnel, durch den man von der Innenstadt her zu ihr kommt, ist nicht einfach ein unterirdischer Tunnel, sondern verläuft als Teil des Most Klementa Gottwalda (Klement-Gottwald-Brücke) in einer Höhe von 40 Metern.

Aus Doležal, Jiří/Rybár, Ctibor: Prag, Leipzig 1980

Aus Doležal, Jiří/Rybár, Ctibor: Prag, Leipzig 1980

Diese außerordentlich wichtige Brücke, die einst durch das Nuselské údolí (Tal von Nusle) getrennte Teile Prags zusammenfügt, trägt wie die Station sehr zurecht den Namen des großen und leider früh verstorbenen kommunistischen Politikers Klement Gottwald, des ersten Präsidenten der sozialistischen Tschechoslowakei. Durch ein Hotelhochhaus und vor allem den Palác Kultury (Kulturpalast), die beidseits der in die Vorstädte hinausführenden Straße stehen, werden Brücke und Metrostation zu einem fortschrittlichen Ensemble vervollständigt, das in selbstbewußtem Dialog mit dem alten Hradčany gegenüber steht. Für dieses neue Herz von Prag ist der Most Klementa Gottwalda das, was Karlův Most (Karlsbrücke) für das alte ist. Man kann sie nicht getrennt denken, wenn man diese Stadt verstehen will.

Auch in Wien schließlich gibt es eine unterirdische Station, die sich nach außen öffnet, auch in Wien ist sie Teil einer Brücke: die Station Donauinsel der U1. Aber so schön die plötzlichen Blicke hinaus auf Donauinsel und Donau sind, hier wie im gesamten U-Bahnbau zeigt sich das sozialistische Prag dem sozialdemokratischen Wien weit überlegen, ein kleiner Triumph der jungen Tschechoslowakei über die alte Hauptstadt.

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