Hundertwasser über Wien

Wien ist die Stadt von Hundertwasser. Das genügte schon, sie hassenswert zu machen, doch zum Glück kann man sich dort gut bewegen, ohne ihm zu begegnen. Das Hundertwasserhaus (schon dieser Name drückt eine bejubelnswerte Vereinzelung aus) muß man ja nicht besuchen.

Doch wenn man sich öfter im Norden, dort, wo 19., 20. und 9. Bezirk aufeinanderstoßen, aufhält, wird man einem, nun ja, Werk, dieses, nun ja, Architekten nicht entgehen können. Es handelt sich um eine von ihm gestaltete Müllverbrennungsanlage oder vielmehr um deren Schornstein. Hoch und relativ dick und im oberen Teil umgeben von einer goldenen Form, die fast, aber doch ganz entschieden nicht, eine Kugel ist, ragt er über den umliegenden Häusern auf.

MüllverbrennungsanlageHundertwasser

Zuerst mag man das nur als Ärgernis auf Spaziergängen und Straßenbahnfahrten erleben, doch irgendwann erkennt man: das ist doch der Berliner Fernsehturm. Sogar das Bürogebäude daneben hat ein wenig vom Hotel Stadt Berlin am Alexanderplatz.

Aus Kiesling, Gerhard: Berlin in Farbe, Leipzig 1979

Aus Kiesling, Gerhard: Berlin in Farbe, Leipzig 1979

Der Fernsehturm, genauer gesagt, von einem Kind im Kindergarten mit Buntstift gezeichnet. Während man aber ein solches Kinderbild hinreißend finden würde, da man darin die ikonische Klarheit des Wahrzeichens der Hauptstadt der DDR, den Strich und den Kreis, schön erfaßt fände, empfindet man Hundertwassers Bauwerk bloß als Beleidigung. Das Kind will einen Kreis malen, kann es aber nicht, Hundertwasser kann eine Kugel bauen, will es aber nicht.

Die Beleidigung ist überhaupt das Grundprinzip von Hundertwassers Bauen. Die bunten und schiefen Zinnen, Säulchen, Minarette seiner Gebäude beleidigen die Formen der überkommenen Architekturstile von Ost und West, indem sie an die Stelle derer Streben nach Harmonie und Klarheit eine Feier von Chaos und Beliebigkeit setzen. Diese Formen jedoch sind schon durch den Historismus des 19. Jahrhunderts so umfassend beleidigt worden, daß es auch ohne Hundertwassers Bemühen, ihnen den Todesstoß zu versetzen, schon schwierig genug ist, sich ihnen unvoreingenommen zu nähern. Mit dem Schornstein seiner Müllverbrennungsanlage nun beleidigt er, bewußt oder eher unbewußt, eines der großartigsten Beispiele der fortschrittlichen Architektur des 20. Jahrhunderts, noch dazu aus einem sozialistischen Staat.

Aber das Schlimme, und vielleicht einer der Gründe von Hundertwassers Erfolg, ist: ein wenig von der ikonischen Stärke der großen Architektur bleibt auch in ihrer Beleidigung erhalten. So wie dem Fernsehturm der Himmel über Berlin und Westberlin gehört, gehört Hundertwasser Müllverbrennungsanlagenschornstein der Himmel über ein paar nördlichen Bezirken von Wien, ob man das will oder nicht.

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